Vor Wahl zum Bundespräsidenten

Joachim Gauck - Alter schützt vor Ämtern nicht

Am Sonntag wird Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt. Er kann einer ganzen Generation wieder zu mehr Würde verhelfen.

Hamburg. Die Römer wussten den Wert der Älteren zu schätzen. Ihr einstmals oberstes Regierungsorgan war der Senat. Der Name leitet sich von Senex "der Greis" ab, bedeutet also nichts anderes als "Ältestenrat". Eifrig wachten konservative Politiker wie etwa Cato über die Einhaltung der "Mos maiorum", der "Sitten der Vorväter". Nicht nur Recht, Gesetz und Religion galt es zu beachten, abgeschworen werden sollte auch jeglichem Luxus. Nun, der Erfolg der Tugendwächter hatte seine Grenzen: Die "spätrömische Dekadenz" ist heute noch sprichwörtlich, und das ganze schöne Reich ging sang- und klanglos im Strudel der Völkerwanderung unter. Allerdings erst nach 1000 Jahren Existenz.

Moderne Politiker sind da wesentlich schneller mit ihrem Latein am Ende. Vor allem die Jungen, zunächst schnell Erfolgreichen und Fotogenen. So hat die aus Mittdreißigern bestehende derzeitige FDP-Führung nicht die erhoffte Erneuerung der alten liberalen Idee geschafft, sondern die Partei an den Rand des Abgrunds manövriert. Die Guttenbergs und Wulffs wiederum wurden in ihren besten Zeiten in einem Atemzug mit den Kennedys genannt. Erstere haben es nach dem Scheitern immerhin bis ins amerikanische Exil gebracht. Die Wulffs schmollen stilgerecht in Großburgwedel.

+++ Gaucks Zeitplan: Montag Einführung, Freitag Vereidigung +++

Wulff sei nicht nur als Ministerpräsident von Niedersachsen zu jung gewesen, sondern auch für das höchste Staatsamt "zehn Jahre zu jung", befand Altbundeskanzler Helmut Schmidt, 93, der landauf, landab am meisten geschätzte und geachtete Polit-Veteran, in der "Bild"-Zeitung. Dem vakant gewordenen Amt des Bundespräsidenten soll nun ein älterer Mann wieder Würde und Ansehen verleihen, Joachim Gauck, 72. Der Mann, der vor zwei Jahren dem Jüngeren unterlegen war. Und nicht nur parteiübergreifend, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung werden große Erwartungen in den neuen Alten gesetzt.

Diese Rückbesinnung auf die Werte des Alters ist überraschend, weil die Achtung älterer Menschen längst nicht mehr selbstverständlich ist. In früheren Zeiten waren sie die Ausnahme. Harte Lebensumstände und mangelnde medizinische Versorgung ließen nur wenige bis ins Greisenalter vorstoßen. Die waren dann gefragt als Ratgeber und Überlieferer von Wissen und Traditionen. Dazu werden heute bevorzugt moderne Technologien genutzt. Google und Wikipedia sind schneller und pflegeleichter als Oma und Opa. Und die Mitmenschen jenseits der 50 oder 60 sind zum "demografischen Faktor" degradiert, zu einer stets wachsenden Bevölkerungsgruppe, die vor allem Geld kostet, Karrierewege versperrt und die schöne neue Welt angeblich nicht mehr versteht.

+++ Wahl zum Bundespräsidenten: Joachim Gaucks neues Leben +++

Das mag zu einem gewissen Grad auch alles stimmen. Nur haben sie auch eine ganze Reihe von Stärken, die außer Acht zu lassen wir uns gar nicht leisten können - nicht in der Arbeitswelt und nicht in der Politik. Alte verfügen nicht nur über Erfahrung, sie müssen sich meist nicht mehr mit aller Gewalt beweisen oder möglichst schnell reich und berühmt werden. Auch Gelassenheit ist oft ein guter Ratgeber. Und eine Biografie mit Brüchen - in früheren Generationen war es der Weltkrieg, bei Gauck das Leben in der SED-Diktatur - schärfen den Blick für Werte und Menschen mehr als eine geschmeidige Parteikarriere während der längsten Wohlstandsperiode, die Deutschland je erlebt hat. Die Generation Wulff, die zwischen 1959 und 1970 geborenen sogenannten Babyboomer, haben der Nachwelt bisher wenig Bleibendes an Ideen hinterlassen.

Und so scheint sich nach einer Pleiteserie mit jüngeren Entscheidungsträgern derzeit in Deutschland eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit, nach Wertbeständigkeit und bürgerlicher Verlässlichkeit breitzumachen. Bellheim-Effekt wird das gern genannt. In Dieter Wedels erfolgreichem TV-Mehrteiler "Der große Bellheim" in den 90er-Jahren war es ein Quartett von ausgebufften Pensionären, die einen angeschlagenen Kaufhauskonzern wieder flottmachten, den ihre Nachfolger vor die Wand gefahren hatten. Im Film hat das wunderbar und rührend geklappt. Die Wirklichkeit folgt aber nur in den seltensten Fällen vorgefertigten Drehbüchern. So mag es zwar nach Lage der Dinge recht wahrscheinlich sein, dass Joachim Gauck ein guter Bundespräsident wird. Doch alles werden die prominenten Alten nicht richten können. Denn ob Otto Rehhagel, 73, die Hertha in der Bundesliga halten und Rainer Brüderle, 66, vielleicht noch einmal die FDP retten kann, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ihr Rat, ihre Erfahrung und ihre Reife sind aber gefragt. Und das ist gut so. Denn sie können Vorbild für andere Lebensbereiche sein. Sie alle haben keine Spitzenposten, nur weil sie alt sind, sondern weil sie wissen, wie ihr Laden läuft, weil sie vielleicht nicht mehr die Schnellsten sind, dafür aber alle Abkürzungen kennen. Weil vielleicht auch Firmenchefs einsehen, dass erfahrene Mitarbeiter eine Ressource sind, die langfristig und jenseits der Gehaltskosten gesehen Gewinn bringt.

Die Jugend muss sich deswegen jetzt keine Sorgen machen. Denn nicht alle Alten werden auch zu alten Hasen. Reife tritt zwar bei zunehmendem Alter mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf, ist aber keineswegs eine automatische Folge des Älterwerdens. Es droht also beileibe keine Gerontokratie, eine Diktatur der Alten im Lande. Die derzeitige Häufung in öffentlichkeitswirksamen Posten mag am Ende sogar nur rein zufällig sein. Ganz sicher bleibt genug Arbeit für alle Generationen - und unumstößlich die Weisheit, dass die Jungen von heute auch einmal alt werden. Was die meisten Menschen aber erst einsehen, wenn es so weit ist.