Missbrauch

Austrittswelle erfasst katholische Kirche - Streit beigelegt

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Papst Benedikt XVI. ruft zu Reue und Buße auf. Neue Entwicklungen im Fall Mixa. Der Sonderermittler legt heute einen Zwischenbericht vor.

Berlin. Die Missbrauchsvorwürfe haben die katholische Kirche wie ein Flächenbrand erfasst. Und kaum werden die Funken an einem Ende ausgetreten - so wie gestern in Berlin, wo Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, ihren Streit um den strafrechtlichen Umgang mit Fällen von Gewalt und sexuellem Missbrauch beilegten -, schlagen die Flammen an anderer Stelle umso höher. So geht das Kinder- und Jugendhilfezentrum in Schrobenhausen nun auf Distanz zum Augsburger Bischof Walter Mixa, der von ehemaligen Heimkindern beschuldigt wird, sie in den 70er- und 80er-Jahren geprügelt zu haben. In einem gestern bekannt gewordenen gemeinsamen Brief von Stadtpfarrer Josef Beyrer und Heimleiter Herbert Reim an die mutmaßlichen Opfer heißt es: "Wir möchten Ihnen an dieser Stelle versichern, dass wir Ihre Vorwürfe ernst nehmen. Leider haben wir keinen Einfluss darauf, wie Herr Bischof Dr. Mixa mit Ihren Vorwürfen umgeht."

Mixas Sprecher erklärte daraufhin, man sehe dem für heute Mittag angekündigten Zwischenbericht des vom St.-Josef-Heim eingesetzten Sonderermittlers "sehr gelassen" entgegen. Der CSU-Landtagsabgeordnete Thomas Goppel meinte hingegen, Mixa wäre gut beraten, wenn er sich in der Sache noch "rechtzeitig" erklären würde. Nur so könne der Bischof das Heft des Handelns in der Hand behalten.

Unterdessen geht eine dramatische Austrittswelle durch die katholische Kirche. Allein in der von Erzbischof Zollitsch geleiteten Diözese Freiburg haben im März 2711 Katholiken ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Im Vorjahresmonat, infolge des heftigen Streits um die erzkonservative Piusbruderschaft, waren es "nur" 1058.

Zollitsch versicherte nach seinem gestrigen Treffen mit der Bundesjustizministerin, seine Kirche messe dem Opferschutz eine besondere Bedeutung bei. Die Unterredung war vereinbart worden, nachdem es vor zwei Monaten zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten über den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen gekommen war. In einer gemeinsamen Stellungnahme hieß es gestern, man sei sich einig gewesen, "dass es das vorrangige Ziel der katholischen Kirche und der staatlichen Stellen ist, in enger Kooperation miteinander und mit den Betroffenen alles zu tun, um eine umfassende Aufklärung der vergangenen Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in den kirchlichen Einrichtungen entschlossen voranzutreiben". Zollitsch verwies darauf, dass die Bischofskonferenz die innerkirchlichen Leitlinien von 2002 gerade überarbeite. Leutheusser-Schnarrenberger sagte, künftig müsse klar sein, dass die Kirche die Aufnahme und Durchführung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen weder verzögern noch behindern dürfte.

Am Ende ihres anderthalbstündigen Treffens sprachen sowohl Leutheusser-Schnarrenberger als auch Zollitsch von einem "intensiven und konstruktiven Gedankenaustausch". Sie gingen auch auf den vom Bundeskabinett eingesetzten runden Tisch ein, der Ende nächster Woche erstmals tagen wird. Dieses von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) geleitete Gremium werde einen "wertvollen Beitrag" zur Aufarbeitung und Prävention leisten, hieß es. Leutheusser-Schnarrenberger hofft, dass den Opfern geholfen werden kann, Hemmschwellen zu überwinden und den erlittenen Missbrauch zu offenbaren. Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte, sie werde sich auch an der Unterarbeitsgruppe beteiligen, die sich mit der rechtlichen Aufarbeitung befassen wird. Neben der Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs werde eine der zentralen Fragen sein, wie das Leid der Opfer in den Fällen, die verjährt seien, angemessen anerkannt werden könne.

Papst Benedikt XVI., der heute 83 Jahre alt wird, rief gestern zu Reue und Buße auf. "Wir Christen haben, auch in der letzten Zeit, oft das Wort Buße vermieden", sagte das Kirchenoberhaupt vor Mitgliedern der Päpstlichen Biblischen Kommission. "Jetzt, angesichts der Angriffe der Welt auf uns, die von unseren Sünden sprechen, sehen wir, dass Buße tun können eine Gnade ist."