Philipp Rösler

Der Minister, der zwischen allen Stühlen sitzt

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Volker ter Haseborg

Hamburg. Nach der Bundestagswahl im vergangenen Herbst saß Philipp Rösler mit Kollegen zusammen. "Wer muss die Gesundheitspolitik denn jetzt umsetzen?", wurde er gefragt. "Na, die neue Gesundheitsministerin, die hat jetzt die Torte im Gesicht", antwortete Rösler. Er glaubte, dass Ursula von der Leyen neue Gesundheitsministerin wird. Eine halbe Stunde später rief Guido Westerwelle an und bat ihn, das Amt zu übernehmen.

Seitdem hat er die Torte im Gesicht. Philipp Rösler hat den schwierigsten und unpopulärsten Job im Bundeskabinett: Er soll das marode Gesundheitssystem reformieren. Eine schier unlösbare Aufgabe angesichts explodierender Kosten und eines Milliardendefizits der Krankenkassen.

Rösler glaubt, dagegen ein Rezept zu haben: die Kopfpauschale. Doch nicht nur die Opposition kämpft dagegen - auch der Koalitionspartner CSU. Und die Bundeskanzlerin lässt ihren Gesundheitsminister alleine. Die FDP auch. Nach einem halben Jahr im Amt sitzt Rösler zwischen allen Stühlen.

Und dabei wollte der Mann, der im Alter von neun Monaten als Waise aus Vietnam zu deutschen Adoptiveltern kam, gar nicht nach Berlin. Rösler hat sich von Westerwelle überreden lassen. Er wäre gerne in Hannover geblieben. Dort war er Vize-Ministerpräsident. Dort wurde er im Alter von 27 Jahren Generalsekretär der FDP, mit 33 Parteichef, mit 35 Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Seit Oktober ist er Gesundheitsminister. Mittlerweile ist er 37 Jahre alt.

Bei seinem Amtsantritt wurde Rösler noch als Jungstar gefeiert. Damit ist es jetzt vorbei: Der promovierte Mediziner wird als "Arzt im Praktikum" verhöhnt.

Am nächsten Mittwoch trifft sich zum ersten Mal die Regierungskommission, die die Gesundheitsreform aushandeln soll. CSU-Chef Horst Seehofer hat schon mal angekündigt, dass es mit seiner Partei keine Kopfpauschale geben wird. Und auch die Bundeskanzlerin hält sich bedeckt: Sie ist zwar - wie Rösler - für eine Kopfpauschale. Aber sie hat Angst davor, dass die SPD pünktlich zu der wichtigen Wahl in Nordrhein-Westfalen die schwarz-gelbe Regierung als Regierung der sozialen Kälte brandmarkt. Deshalb sagt Angela Merkel derzeit nichts zu dem Thema.

Es geht auch ums Geld: Finanzminister Wolfgang Schäuble will kein zusätzliches Geld für die Gesundheit lockermachen. Auch in der FDP gibt es Bedenken: Denn Röslers Idee der Kopfpauschale sieht vor, dass alle den gleichen Betrag zahlen und sozial Schwache mit Steuergeldern entlastet werden. Doch mehr Bedarf an Steuergeldern verträgt sich nicht mit dem Wahlversprechen, die Steuern zu senken.

Röslers Pech ist auch, dass er für den Gesundheitsfonds der alten Bundesregierung verantwortlich gemacht wird, obwohl er nichts dafür kann. Als er auf den Fonds schimpfte, brachte er wieder die CDU und die CSU gegen sich auf. Die hatten den Fonds zusammen mit der SPD erfunden.

Rösler kämpft trotzdem für seine Idee. Er hat sogar seinen Verbleib im Amt an die Kopfpauschale geknüpft.

Zwei Jahre hält er das höchstens aus, heißt es in Berlin. Seine Frau lebt mit den einjährigen Zwillingstöchtern in Hannover, wo die Familie kurz vor der Bundestagswahl ein Haus gekauft hat. Damit Rösler seine Töchter ab und zu sehen kann, schickt seine Frau ihm Fotos auf sein Handy. Unter der Woche übernachtet Rösler in einem Zimmer neben seinem Ministerbüro. Der junge Vater kann sich sicher ein schöneres Familienleben vorstellen. Am Wochenende will er sich auf dem Landesparteitag seiner niedersächsischen FDP zum Landesvorsitzenden wiederwählen lassen. Das Amt ist ihm wichtig. Vielleicht auch, weil es ihm ausreichen würde.