Rücktrittsforderungen

Thilo Sarrazin auf seiner letzten Bühne

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Barbara Möller

Wegen seiner kritischen Äußerungen über türkische und arabische Einwanderer sieht sich Bundesbankvorstand weiter mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Berlin. Der Paritätische Gesamtverband und ein Zusammenschluss von 100 Migrantenorganisationen warfen dem SPD-Politiker in einem Schreiben vor, er habe "die Grenze zu rassistisch und sozialdarwinistischen Äußerungen erreicht, wenn nicht bereits überschritten". In dem an Sarrazin gerichteten Brief riefen sie ihn auf, sein Amt "unverzüglich" niederzulegen.

Derlei ist Sarrazin gewohnt. Aus der rot-roten Berliner Landesregierung, in der eigentlich nur graue Mäuse sitzen, hat Thilo Sarrazin dank seiner scharfen Intelligenz immer herausgeleuchtet. Sieben Jahre lang - bis April 2009 - ist Sarrazin Finanzsenator im Kabinett von Klaus Wowereit (SPD) gewesen. In dieser Zeit hat er der katastrophal verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs verpasst und dazu noch lustvoll den Bürgerschreck gespielt. Mal tönte er, um den Anstieg der Zinsausgaben auszugleichen, müsse man sieben Opernhäuser schließen, um sarkastisch anzufügen: "Wir haben aber nur drei." Mal schlug er vor, einen der beiden Tierparks dicht zu machen. Elefant sei schließlich Elefant und Zwergmaus Zwergmaus!



"Ich hatte immer das Gefühl, ich weiß es besser", hat er einmal entwaffnend aufrichtig gesagt, aber diese Besserwisserei ist dem einen oder anderen schwer auf die Nerven gegangen. Etwa dem damaligen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, der Sarrazin im Dezember 2001 nach nicht einmal zwei Jahren aus dem Bahnvorstand verabschiedete. Die Berliner, deren Finanzen er anschließend sortierte - Sarrazin war der Erste, der nach der Wende einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen konnte -, haben sich über den unbequemen Mann aufgeregt und amüsiert. Hartz-IV-Empfängern empfahl Sarrazin, die Heizung herunterzudrehen und Pullover anzuziehen. Alt-68ern unterstellte er, es sei ihnen "egal, wie man mit anderer Leute Geld umgeht".


Als im Februar durchsickerte, dass die Bundesbank Thilo Sarrazin einen Vorstandsposten angeboten hatte, meinte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit selbstgefällig, man habe dem Mann "ein paar Kanten abschleifen" können. Was für eine grandiose Fehleinschätzung. Am 1. Mai hat Thilo Sarrazin den Posten in Frankfurt angetreten, und jetzt ist er schon der Dirty Harry der Hochfinanz! Was die Krönung seiner politischen Karriere hätte werden sollen, könnte in einem Fiasko enden. Das Interview, das Sarrazin dem Magazin "Lettre International" gab, schlägt unvermindert Wellen. Trotz der Entschuldigung, die Sarrazin mehr oder weniger freiwillig abgegeben hat. Von wegen, sein Anliegen sei es gewesen, "die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskreditieren".


"Anschaulich" ist gut. Sarrazin hat in dem Interview Sätze gesagt wie: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben; durch eine höhere Geburtenrate." Oder: "Ständig werden neue Bräute nachgeliefert: Das türkische Mädchen hier wird mit einem Anatolen verheiratet, der türkische Junge hier bekommt eine Braut aus einem anatolischen Dorf. Bei den Arabern ist es noch schlimmer."


Möglicherweise ist die letzte Bühne für den Arztsohn mit hugenottischen Vorfahren doch eine Nummer zu groß. Thilo Sarrazin ist im Februar 64 Jahre alt geworden. Finanziell hat er seit Langem ausgesorgt, einen zusätzlichen Pullover muss er zu Hause also nicht anziehen, sollte in Frankfurt überraschend schnell Feierabend sein.