"Viele türkische Familien investieren nicht in die Bildung ihrer Kinder"

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Hamburger Abendblatt:

Frau Kelek, Sie haben vor vier Jahren mit Ihrem Buch "Die fremde Braut" eine heftige Debatte über Zwangsehen und die gescheiterte Integration der Türken in Deutschland ausgelöst. Fühlen Sie sich durch die Studie bestätigt?

Necla Kelek:

Aber ja, und ich freue mich über diese Studie sehr, weil Deutschland damit in der sozialen Realität ankommt. Wir müssen die Probleme doch benennen, wenn wir sie lösen wollen. Wir müssen aufhören zu sagen: "Man muss das Positive an den Migranten sehen, und der Rest wird sich schon von alleine lösen." Das ist eben nicht so.



Hamburger Abendblatt:

Die Studie besagt, dass die Einbürgerung die Integration der Türken in Deutschland grundsätzlich befördert. Ist das für Sie eine Überraschung?

Necla Kelek:

Gar nicht. Die Entscheidung, sich einbürgern zu lassen, trägt ja eine Verantwortung in sich. Wer sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheidet, sagt: "Ich lebe jetzt hier, ich habe meine Kinder hier geboren, und ich will Teil dieser Gesellschaft werden." Es geht dann nicht mehr darum, was die Großfamilie in der Türkei will, oder darum, ob man mit der deutschen Staatsbürgerschaft die türkische Nation verrät. Das ist ganz wichtig, auch wenn einige vielleicht sagen: "Türkisch bleibe ich trotzdem." Der Pass bewegt die Migranten in die Gesellschaft hinein, in der sie leben. Und das tut beiden Seiten einfach gut. Und dank des deutschen Rechts muss die Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft auch ganz bewusst getroffen werden.



Hamburger Abendblatt:

Das heißt, Sie befürworten auch den Einbürgerungstest, der bei seiner Einführung so umstritten war?

Necla Kelek:

Ja, natürlich.



Hamburger Abendblatt:

Die Bildungsmisere ist, was die Ausländerkinder angeht, ungebrochen. Woran liegt das?

Necla Kelek:

Na ja, so generell kann man das nicht sagen. Das gilt ja nicht für alle Migrantengruppen. Die Vietnamesen beispielsweise schicken ihre Kinder zu 70 Prozent auf die Gymnasien. Die verfolgen also ganz offensichtlich ein anderes Familienkonzept als die Türken. Ich erkenne ein großes Problem darin, dass vor zwanzig Jahren eine interkulturelle Pädagogik installiert wurde, die sagte: "Wir akzeptieren die Migranten und die von ihnen mitgebrachte Kultur und fördern sie darin." Das sehen wir ja, dass das nicht geklappt hat! In Deutschland wird sehr viel Geld für die Integration von Migranten ausgegeben. Innerhalb der Wissenschaft übrigens auch. Wenn es also trotzdem nicht geklappt hat, müssen wir doch begreifen, dass die Kraft nicht darin liegt, den Migranten zu sagen: "Wir akzeptieren euch, wie ihr seid", sondern wir müssen sie darin unterstützen, dass sie Bürger werden. Wenn wir sie aber weiter in einem Familienkonzept unterstützen, in dem die Kinder dafür da sind, dass man sie verheiratet, dass sie wieder Kinder kriegen, dass die Kinder den Eltern dienen und gehorchen, dann klappt das nicht. Viele, sehr viele türkische Familien investieren nach wie vor nicht in die Bildung ihrer Kinder. Sie sparen das Geld für die Hochzeiten. Eltern verheiraten ihre Kinder im Alter von 15, 16 Jahren und geben 20 000 Euro für eine Hochzeit aus. Wie soll das denn, bitte schön, Integration schaffen?



Hamburger Abendblatt:

Was müsste also getan werden?

Necla Kelek:

Man muss offen darüber sprechen, dass es ein türkisches Familienkonzept gibt, und dass es in der Struktur dieses Konzeptes liegt, dass die Familien nicht bildungsorientiert sind. Nicht, weil sie kein Geld haben, sondern weil sie diese Struktur verinnerlicht haben und nicht loslassen. Das bedeutet: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Wir dürfen nicht sagen: "Die Integration der Türken ist an den Deutschen gescheitert", das mache ich nicht mit. Andere Migrantengruppen hatten doch genau dieselben Chancen. Warum geht es bei denen besser? Das ist, aus meiner Sicht, die entscheidende Frage.