Ökumenischer Kirchentag

Margot Käßmann: Schuld und Bühne

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Drei Monate nach ihrer Alkoholfahrt und dem Rücktritt von allen Ämtern wird Margot Käßmann auf dem Kirchentag wie ein Popstar gefeiert.

München. Fast 300 Menschen drängen sich ins dritte Obergeschoss der Buchhandlung Hugendubel am Münchner Marienplatz. Es ist stickig, überwiegend ältere Menschen sind gekommen, viele von ihnen warten seit zwei Stunden. Ein Podium ist zwischen den Bücherregalen aufgebaut worden. Als Margot Käßmann diese kleine Bühne betritt, jubeln die Menschen ihr zu. In wenigen Stunden wird der Ökumenische Kirchentag offiziell eröffnet, doch Käßmann will jetzt schon starten. Eine Woche zuvor hatte ihr Verlag überraschend verkündet, dass sie ihr neues Buch vorstellen wolle. Ein PR-Coup. Käßmanns Pressesprecherin hat den Journalisten eine Liste mit den Terminen der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden geschickt. Presse ist erwünscht, Fragen an Frau Käßmann sind es nicht. Ihre Auftritte sollen für sich sprechen.

Als Margot Käßmann noch Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und Landesbischöfin von Hannover war, wurde das Programm für den Kirchentag festgelegt und Käßmann prominent eingeplant. Dann kam der 19. Februar, 1,54 Promille, eine rote Ampel - und einer der konsequentesten Rücktritte, den die Republik erlebt hat. Sie konnte sich ihren Fehler selbst nicht verzeihen. Aus Achtung vor sich selbst gab sie auf. Drei Monate hat sich die 51-Jährige völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Bis zu diesem Kirchentag. Politiker würden nach einem Rücktritt solche Auftritte einfach absagen. Nicht Margot Käßmann.

Ihr Buch über das Vaterunser heißt "Das große Du", sie hat es vor ihrem Rücktritt geschrieben. "mK" prangt auf der Fibel. Kleines "m", großes "K", wie eine Designermarke.

Käßmann braucht den Kontakt zu den Menschen. Sie will wieder predigen - und spricht über sich. Sie erzählt, wie sie ein fünfjähriges Mädchen beerdigen musste und ihr nur das Vaterunser als Gebet einfiel. Oder wie die Fußballfans bei der Trauerfeier für den Fußball-Torwart Robert Enke in das Vaterunser einstimmten. "Lasst euch drauf ein. Betet einmal am Tag das Vaterunser", ruft sie den Menschen zu, die eifrig mit ihren von der Hitze geröteten Köpfen nicken. Dann soll sie Bücher signieren. Als die vielen Kamerateams ihre Kabel abmontieren, damit die Leute zum Podium vortreten können, stimmt Käßmann zur Überbrückung der Zeit einen Choral an: "Sonne der Gerechtigkeit". Fast eine Stunde reden die Menschen auf sie ein, sagen ihr, wie sehr sie ihnen fehlt. "Irgendwann musste ich ja mal wieder auftauchen", sagt Käßmann und versucht zu lächeln.

Wer ein signiertes Buch bekommen hat, zeigt es her wie ein Beutestück. Es gibt viele glückliche Gesichter an diesem Nachmittag. "Ich bewundere sie. Vor allem wegen dieser Geschichte", sagt Traudl Cord-Landwehr aus München. Sie meint den Rücktritt Käßmanns. Frau Cord-Landwehr ist katholisch. Sie spricht über das Vertuschen der Missbrauchsfälle, über Bischof Mixa und darüber, dass sich doch die katholische Kirche ein Beispiel an Käßmann nehmen sollte.

Es sind Erwartungen wie diese, die Käßmann weckt, ohne es vielleicht zu wollen. Je länger sie Bücher signiert, je mehr sie die Wünsche vernimmt, desto ernster wird sie. Andrea Riesser-Scheller aus Gilching schaut mitleidig hinüber zu der Frau auf dem Podium. Kameras surren, Fotoblitze zucken. "Sie war ein Mensch durch ihren Rücktritt und dadurch, dass sie zugegeben hat, einen Fehler gemacht zu haben." Frau Riesser-Scheller schüttelt den Kopf. "Aber jetzt ist sie schon kein Mensch mehr, sondern eine Ikone."

Eigentlich hätte sich Margot Käßmann keinen besseren Moment für ihre Rückkehr aussuchen können. Die katholische Kirche wird erschüttert von den Missbrauchsfällen. Die Wirtschaft steckt in der größten Krise der Nachkriegszeit, deutsche Soldaten befinden sich in Afghanistan im Krieg. "Damit ihr Hoffnung habt" lautet das Motto des Ökumenischen Kirchentags in München. Käßmanns Neustart als öffentliche Person erzeugt deshalb messianische Erwartungen. Elf Veranstaltungen besucht sie, füllt die größten Hallen, Christen aller Kirchen jubeln ihr zu.

Und der Phantomschmerz wird deutlich: Die Menschen erleben eine Frau, die ihr Innerstes nach außen kehrt und dadurch authentisch ist. Die ihre Positionen immer noch vehement vertritt. Die immer noch Lust hat, zu predigen und zu provozieren. Und sie erleben eine Frau, der die Rolle der Heilsbringerin sichtlich Unbehagen bereitet. Die froh zu sein scheint, dass sie sich selbst aus der Verantwortung entlassen hat. Und das, obwohl sie die Bühne immer noch mag. Ein Widerspruch.

Die Halle C1 der Münchner Messe hat 5000 Sitzplätze und 1000 Stehplätze. Am Donnerstag um 9.30 Uhr hält Käßmann hier eine Bibelarbeit. Die Halle ist voll. Als Käßmann ankommt, bricht Jubel aus. Die Menschen rufen "Bravo!" Käßmann wirkt angespannt und ernst. Der Kirchentagspräsident Eckhard Nagel sagt zur Begrüßung: "Bei aller Traurigkeit: Den wichtigsten Punkt können wir feiern - dass Margot hier ist und dass sie ein Vorbild für alle von uns ist." Und dann steht sie vorn und sagt knapp: "Das tut gut, darüber freue ich mich." Wie um zu verhindern, dass wieder großer Jubel ausbricht, leitet sie gleich über zu ihrer Bibelarbeit.

Es geht um die Sintflut, den Zorn Gottes, die Arche Noah, die Schuld, einen neuen Anfang. Käßmann spricht über ihre eigenen Sintflut-Erfahrungen: "Was, wenn dein ganzes bisheriges Leben unterzugehen scheint, weil eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert wird? Weil der Ehepartner dich verlässt? Auch das sind Untergangs-Erfahrungen, in denen wir uns fragen, wie Gott erretten kann, ob es einen neuen Anfang geben kann", sagt sie und gibt die Antwort gleich selbst: "Ja, es gibt eine zweite Chance."


Käßmann ist beim Thema Afghanistan angelangt und erneuert ihre Kritik am Bundeswehr-Einsatz, mit der sie zu Jahresbeginn eine hitzige Debatte ausgelöst hatte: "Ich lasse mich gern lächerlich machen, wenn Menschen mir sagen, ich sollte mich mit Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten", sagt sie trotzig. Beten bei Kerzenlicht bringe "mehr Frieden als das Bombardement von Tanklastzügen". Sie kritisiert, dass die Bundesregierung zu wenig Geld für den zivilen Aufbau Afghanistans ausgebe und im Verhältnis dazu viel Geld in die Bundeswehr investiere. "Lieber bin ich naiv und überzeugt, dass ein Kriegsbogen ein Regenbogen werden kann, als dass ich mich der Logik und Praxis von Waffenhandel und Krieg beuge", sagt sie. Ihre Stimme klingt hart dabei.

Menschen sind Mängelexemplare, sagt Käßmann. Von Gott geliebte Mängelexemplare. "Es geht nicht um Perfektionisten. Die sind eher irritierend, weil die Frage entsteht, ob so eine perfekte Lebenssituation nicht oft nur Fassade ist." Und wieder spricht sie über sich selbst. Sie redet über "Bereiche zwischen Sintflut und Neubeginn, wo wir die Ermutigung, die Zeichen der Hoffnung besonders brauchen." Sie zählt auf: "Der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine verlorene Liebe. Eine rote Ampel." Ein Raunen geht durch die Halle.

Sie sagt, dass es sich mit der Zusage Gottes, dass die Menschen diese Welt in Verantwortung gestalten dürfen, leben lässt. Bei ihrem Rücktritt hatte sie gesagt: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand."

Eine Stunde hat sie jetzt geredet, dabei wenig gelächelt, leidenschaftlich gepredigt. Als wieder Jubel ausbricht, wirkt sie befremdet. Sie winkt kurz, dann verlässt sie die Halle durch einen Seitenausgang. Ihr Chauffeur wartet schon. Mit jenem Dienstwagen, den sie bei ihrer folgenschweren Alkoholfahrt im Februar selbst gesteuert hat.


Es geht in eine Kirche, die wegen Überfüllung geschlossen ist. Weil Käßmann hier mit anderen Frauen über das Thema "Frauen und Macht" diskutieren will. Über 1000 Menschen pressen sich in die harten Kirchenbänke oder kauern auf dem kalten Kirchenboden, um sie zu sehen. Und sie springen auf und jubeln, als Käßmann die Kirche betritt. "Anwältinnen des Publikums" gehen durch die Reihen und sammeln Zettel mit Fragen an die Diskutantinnen ein. Die meisten Fragen gehen an Käßmann. Welche Erfahrungen haben Sie mit Macht gemacht? Käßmann erzählt, wie sie 1983 durch eine Kampfkandidatur in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Weltkirchen gewählt wurde. Gegen den Willen der EKD-Leitung. Ein hoher Funktionär habe zu ihr gesagt: "Sie haben keinerlei Macht, etwas damit anzufangen. Sie haben nicht mal eine Sekretärin." Oder als sich die Kirche dagegen wehrte, ihr eine Pfarrei zu geben, weil sie mit ihren Zwillingen schwanger war. Käßmann setzte sich trotzdem durch. "Ich habe versucht, mit Macht so umzugehen, dass ich Transparenz halten kann."

Sie bekennt, dass sie mit ihren Ämtern oft schlaflose Nächte hatte. "Macht macht Angst." Aber dennoch wolle sie Frauen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Zuhörerinnen sind begeistert: "Ich sehe das hier als Auftrag", sagt Rita Schäfer aus Schnaitsee. Die Katholikin will in ihrer Kirchengemeinde für mehr Transparenz sorgen und sich für die Ökumene einsetzen.

Schon in ihrer Bibelarbeit hat Käßmann gesagt, dass man Verantwortung übernehmen solle. "Und dabei müssen Menschen mit Scheitern und Schuld leben, denn sie werden kein perfektes Paradies schaffen können. Aber die Hände in den Schoß legen, das gilt nicht."

Demnächst wird Margot Käßmann für vier Monate als Gastdozentin an eine amerikanische Universität gehen. Welche Aufgaben sie nach ihrer Rückkehr wahrnehmen will, ist noch unklar. Dass sie lediglich einfache Pastorin sein wird, glauben nur wenige. Die evangelische Kirche will sie in Zukunft weiter einbinden. Weil sie Käßmann braucht.

In der Kirche wird ein neuer Zettel ans Podium gereicht. Darauf steht: Bedeutet Machtverlust Ohnmacht? Käßmann zögert kurz. Dann sagt sie: "Machtverlust bedeutet auch Freiheit. Finde ich."