Kampf gegen die Geldquellen des Terrors

Wer kauft dem „Islamischen Staat“ das Öl ab? Mit den Angriffen auf Raffinerien in Syrien wollen die USA und ihre Verbündeten die Einnahmen stoppen.

Hamburg. Nach Trainingslagern, Operationszentren und Waffenarsenalen haben die USA und ihre arabischen Verbündeten nun eine der am heftigsten sprudelnden Geldquellen der radikalsunnitischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ ins Visier genommen: die unter Kontrolle der IS stehenden Ölraffinerien im Osten Syriens.

Kampfflugzeuge der U.S. Air Force sowie der Luftwaffen von Saudi-Arabien und der Vereinigten Arabischen Emirate schossen Raketen auf zwölf Öl produzierende Anlagen ab. Vier der sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) sowie Jordanien haben sich mit Washington militärisch verbündet; allein Katar hat dazu bisher keine Kampfflugzeuge geschickt.

Auf ihrem Vormarsch in Syrien hatten die Truppen des IS die Ölfelder von Deir al-Zor, al-Tanak, al-Shaer und al-Omar unter ihre Kontrolle gebracht. Damit soll IS rund 60 Prozent des syrischen Öls in der Hand haben, zudem einige bedeutende irakische Ölfelder. Die New Yorker Onlinezeitung „International Business Times“, Nummer drei der Wirtschaftsportale, schätzte die monatlichen Einnahmen aus den IS-kontrollierten Ölfeldern und Anlagen auf rund 50 Millionen Dollar pro Monat. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte gegenüber dem US-Sender CNN, er gehe von Einnahmen in Höhe von zwei Millionen US-Dollar pro Tag aus.

Bereits bei der Einnahme der nordirakischen Stadt Mossul hatte IS in der dortigen Zentralbank umgerechnet fast 430 Millionen Dollar erbeutet. Zudem unterstützten radikale Muslime in der arabischen Welt, namentlich Saudi-Arabien, Kuwait und Katar, die Gruppe mit erheblichen Summen. Hinzu kommen Gelder aus Geiselnahmen, Erpressungen, Steuererhebungen in eroberten Gebieten und aus dem Verkauf erbeuteter Antiquitäten. Das Vermögen des „Islamischen Staates“ wird auf rund zwei Milliarden Dollar geschätzt. Dies ermöglicht es IS, ständig weitere Truppen anzuwerben, sie gut zu bezahlen und moderne Waffen auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Die Truppenstärke der Dschihadisten in Syrien wird inzwischen auf mindestens 10.000 bis 12.000 Mann geschätzt. Der US-Geheimdienst CIA erklärte, die Organisation könne im Irak und in Syrien sogar bis zu 31.000 Mann unter Waffen haben.

Die Bombardierung der Ölraffinerien soll IS von einem Teil ihrer Einkünfte abschneiden. Die syrische Ölproduktion auf den IS-Feldern wird auf rund 50.000 Barrel am Tag geschätzt, die irakische auf 30.000. Ähnlich wie im Irak verkauft IS das Öl über korrupte Mittelsmänner und lässt es per Lastwagen über die Grenzen bringen. Ein Teil des Öls wird auch lokal verkauft und geht an Schmugglerbanden, die es dann irgendwo weiterverkaufen. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius hatte im Sommer gesagt, dass IS das syrische Öl selbst an das verhasste Regime von Baschar al-Assad in Damaskus verkaufe. Das stärkt die Kriegskassen ausgerechnet jener, die Assad stürzen wollen. IS besteht aus ultraradikalen Sunniten, während Assad der Geheimsekte der Alawiten angehört, die den Schiiten nahestehen. Assad wird massiv vom iranischen Regime in Teheran unerstützt, während Sunniten in Saudi-Arabien und anderen Staaten den IS fördern.

Im Sommer gab es Medienberichte, nach denen kurdische Mittelsmänner das irakische Öl aus IS-Quellen per Lastwagen in die Türkei, nach Jordanien und in den Iran transportierten. Hauptumschlagort sei Tuz Khurmatu, das derzeit unter Kontrolle der Peschmerga-Truppen ist, die gegen IS kämpfen. Das Öl landet teilweise bei den irakischen Kurden. Der Onlinedienst der Londoner BBC meldete am Donnerstag, die Menge an geschmuggeltem Öl, das in der Türkei beschlagnahmt wurde, sei im ersten Halbjahr auf mehr als 50.000 Tonnen gestiegen, bevor Ankara begann, gegen diesen Schmuggel verstärkt vorzugehen.

Der Zürcher „Tagesanzeiger“ zitierte den amerikanischen Professor und Ölexperten Michael Klare vom Hampshire College mit der Aussage, dass IS nicht mit bisher bekannten Gruppen vergleichbar sei. „Es ist das erste Mal, dass eine Terror-Organisation eine Ölmacht ist“, sagte Klare. Das Öl macht IS auch unabhängiger von den Geldgebern aus den arabischen Staaten, die allmählich zu begreifen beginnen, dass der Vormarsch der Dschihadisten auch für sie eine tödliche Gefahr darstellen könnte. IS hat in Saudi-Arabien bereits zahlreiche Sympathisanten, die das Königshaus Saud vom Thron fegen wollen.

Wer IS die wirtschaftlichen Grundlagen entziehen will, muss aber auch gegen die massiven Finanzströme vorgehen. Das amerikanische Onlineportal „The Daily Beast“, das 2010 mit dem Nachrichtenmagazin „Newsweek“ fusioniert hatte, zitierte einen Bericht der Washingtoner Denkfabrik „Brookings Institution“ vom Jahresende 2013. Damals bereits hatte Brookings festgestellt, dass Kuwait sich als Knotenpunkt bei der Finanzierung und Organisation syrischer Rebellengruppen erwiesen habe, die auch Grausamkeiten begingen und al-Qaida-ähnlichen Gruppen nahestünden. Das Geld werde in arabischen Staaten gesammelt und über die Türkei und Jordanien nach Syrien gebracht. Bei diesen Summen handle es sich um Hunderte Millionen Dollar. Der frühere irakische Regierungschef Nuri al-Maliki hatte Saudi-Arabien und Katar offen beschuldigt, den „Islamischen Staat“ monatelang finanziell unterstützt zu haben.