Moskau/Kiew

Wahl in Ukraine - Vitali Klitschkos härtester Kampf

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Christian Unger/z. Zt. in Moskau

Bei der Wahl in der Ukraine will der Boxweltmeister Vitali Klitschko seine Partei ins Parlament führen. Doch die Opposition ist gespalten.

Moskau/Kiew. Vitali Klitschkos Blick sticht unter den breiten Augenbrauen hervor, das kantige Gesicht geradeaus, kein Lächeln, nicht mal eine Regung. Klitschko ist ernst. Er ist bereit für den Kampf - das soll seine Pose unmissverständlich sagen. Das Plakat mit dem Foto des Boxers hängt nur ein paar Meter entfernt vom Roten Platz in Moskau. Klitschko trägt einen Mantel mit Kapuze und Boxhandschuhe. Am Sonnabend steht er in Russlands Hauptstadt gegen Manuel Charr im Ring. Es geht um den Weltmeistertitel.

+++ Vitali Klitschko Spitzenkandidat für Wahl in der Ukraine +++

Vitali Klitschkos Blick sticht unter den breiten Augenbrauen hervor, kein Lächeln, nur eine leise Regung. Klitschko ist ernst, bereit für den Kampf. Es darf keine Zweifel geben. Das Plakat hängt nur wenige Meter entfernt vom Kiewer Olympiastadion. Klitschko trägt ein schlichtes weißes Hemd. Es ist ein Wahlkampfplakat seiner Partei Udar - der Schlag. In nicht einmal zwei Monaten will Klitschko seine Partei ins Parlament der Ukraine führen. Es geht um die Zukunft seines Landes. Sagt er.

Zwei Plakate, ein Mann. Klitschko der Boxprofi, Klitschko der Wahlkämpfer und Parteichef. In Kiew sieht man keine Werbung für seinen Boxkampf in der russischen Hauptstadt. Und doch ist Vitali Klitschko vor allem deshalb als Politiker erfolgreich, weil er für die Menschen in der Ukraine wegen seiner Siege im Ring eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes ist. In Umfragen steht die Udar bei zehn bis 15 Prozent der Stimmen.

Zwei Monate nach Ende der Fußball-Europameisterschaft ist die Ukraine kaum weiter als vor dem Turnier. Fast anderthalb Millionen Europäer waren zu Besuch, neue Straßen sind gebaut, die Behörden haben für die Fans extra Service-Schulungen erhalten, das Image des Landes ist aufpoliert. Doch das politische System hat sich nicht gewandelt - trotz der kritischen Berichte über die Inhaftierung der Oppositionsführerin und früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Sie sitzt immer noch in Haft. Wer mit Beobachtern der ukrainischen Politik spricht, hört viel von Schikanen gegen unabhängige Medien. Die Behörden entzogen dem regierungskritischen Sender TVi nach eigenen Angaben in 30 Städten die Übertragungsrechte für das Kabelfernsehen. Menschenrechtler beklagen Fälle von Folter durch Polizisten.

+++ Vitali Klitschko bei Tumulten in Kiew verletzt +++

Der Oppositionspolitiker Viktor Ukolov sitzt im Ausschuss für Pressefreiheit des Parlaments. Er berichtet von Verfolgung der Journalisten durch Steuerfahnder und auch von gewalttätigen Übergriffen von Unbekannten gegen Kamerateams. Die Täter würden selten gefasst oder verurteilt. Die EU hat jüngst ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine auf Eis gelegt. Grund: Es mangele an Rechtsstaatlichkeit.

"Die Ukraine ist eine halb feudale Demokratie. Die Feudalherren sind die Oligarchen", sagt Dmytro Vydrin, Publizist und Politologe. Früher war er Abgeordneter vom "Blok Timoschenko", heute berät er Politiker. Auch Präsident Viktor Janukowitsch. Die Ukraine sei eine Präsidialdemokratie, sagt Vydrin. Wahlen für das Parlament würden so gut wie gar nichts verändern. Die ukrainische Rada habe keine Macht. 2011 annullierte das Verfassungsgericht das Gesetz von 2004, das dem Parlament mehr Rechte gab. Seitdem ernennt der Präsident wieder die Minister. Und Vydrin sieht Präsident Janukowitsch vor allem aufseiten der mächtigen Wirtschaftsbosse.

+++ Der Kampf seines Lebens +++

Vielen in der Ukraine gilt Vitali Klitschko als Gegenentwurf zu dieser Machtelite. Als einer, der sein Geld ehrlich verdient hat, einer, der unabhängig ist von Oligarchen. Klitschko hat noch einen Vorteil: Er war nicht Akteur von Timoschenkos Orangener Revolution in 2004, von der viele in der Ukraine enttäuscht sind, weil sich ihre Anführer in Machtkämpfen zerstritten und ihre Ideen von Demokratie und Rechtsstaat Jahr für Jahr mehr verblassten.

Bevor er ins Trainingslager für den Kampf gegen Charr ging, war Klitschko auf Wahlkampftour. Er trete an gegen Korruption, für gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, für mehr Sicherheit auf den Straßen. Und Klitschko, dessen Schwesterpartei in Deutschland die CDU ist, wolle eine Annäherung seines Landes an die EU. CDU-Chefin Angela Merkel lud Klitschko gar als Ehrengast zum Parteitag im November in Leipzig ein. Klitschko bereiste Deutschland, besuchte in Brüssel die EU, ist aber auch in der Ukraine unterwegs, stellt sich Diskussionen, gibt Interviews.

Als es im Juli bei Protesten gegen ein umstrittenes Gesetz über Russisch als Amtssprache zu Ausschreitungen in Kiew kam, war Vitali Klitschko unter den Demonstranten und wurde leicht an der Hand verletzt. Im Interview danach zeigte er klare Kante gegen die Politik von Janukowitschs Partei der Regionen. "Nach lächelnden Ukrainern bei der EM sieht die Welt erneut das Bild der vergangenen Jahre aus Kiew." Polizisten, Tränengas, Knüppel gegen friedliche Demonstranten durch eine "brutale und undemokratische Regierung".

Doch anders als im Ring gab es für Klitschko in der Politik bisher vor allem Niederlagen. Zweimal schon wollte er Bürgermeister von Kiew werden. Und scheiterte. Auch der Politologe Vydrin sieht Klitschko kritisch. Die Udar sei nur so demokratisch, wie eine Partei demokratisch sein könne in der Ukraine, sagt er. Und bei Klitschko sieht Vydrin schon die "Haltung eines Oligarchen". Er lebe im Ausland und zeige sich in der Öffentlichkeit gern gönnerhaft und wohltätig. Kritiker werfen ihm vor, dass auch in seiner Partei Seilschaften mit Wirtschaftsbossen bestehen. Die Udar bestreitet das. Klitschko muss zudem vorsichtig sein, dass er die Opposition nicht schwächt. Bisher ist er nicht Teil des Oppositionsbündnisses um die Partei von Timoschenko, Absprachen über gemeinsame Kandidaten blieben aus. Von einer Stimmenzersplitterung unter den Gegner der Regierung könnte vor allem die Regierung selbst profitieren. Vitali Klitschko hätte ein weiteres Mal einen politischen Kampf verloren.