Präsidentschaftswahl

Afghanen wählen trotz Selbstmord-Terror

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Sylvia Wania

Amtsinhaber Hamid Karsai kann nach letzten Umfragen mit 45 Prozent der Stimmen rechnen und muss wahrscheinlich im Oktober in eine Stichwahl.

Hamburg. Trotz blutiger Terrorangriffe und Todesdrohungen der radikalislamischen Taliban haben sich Millionen Afghanen nicht von der Wahl eines neuen Präsidenten abhalten lassen. Wegen des großen Andrangs schlossen die Wahllokale sogar eine Stunde später als geplant. Nach Angaben der Wahlkommission beteiligten sich im ganzen Land Menschen mutig und mit viel Enthusiasmus an der zweiten Präsidentenwahl seit dem Sturz der Taliban 2001 - einer Wahl der Hoffnung. Als Favorit für das höchste Staatsamt galt Amtsinhaber Hamid Karsai, der sich aber Anfang Oktober möglicherweise einer Stichwahl gegen seinen stärksten Herausforderer Abdullah Abdullah stellen muss.

300 000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz, dennoch kam es zu Anschlägen und Schießereien, bei denen insgesamt mehr als 50 Menschen getötet wurden. Anschläge gab es auch im Norden, wo Bundeswehrsoldaten stationiert sind. Dabei wurde aber niemand verletzt. Insgesamt gab es nach offiziellen Angaben 134 Zwischenfälle, darunter fünf Selbstmordattentate. In 15 der 34 afghanischen Provinzen seien Angriffe und Gewalttaten verübt worden, sagte Präsident Karsai. "Die Afghanen haben Raketen, Bomben und Einschüchterungen getrotzt und sind wählen gegangen - das ist großartig."

In mehreren Landesteilen kam es allerdings zu einem so massiven Raketenbeschuss der Taliban, dass viele der 29 000 Wahllokale gar nicht erst öffnen konnten. Offiziell teilte der Chef der Wahlkommission, Asisullah Ludin, allerdings mit, dass es "keine außergewöhnlichen Probleme" gegeben habe.

Die Taliban hatten zum Wahlboykott aufgerufen und Wählern mit Selbstmordattentaten gedroht. Zudem warnten sie, jenen Menschen, die vom Wahlgang mit Tinte markierte Finger haben, den Finger abzuschneiden. Daraufhin hat die Regierung Karsai eine geringe Wahlbeteiligung befürchtet und Berichte über Gewalttaten der Taliban, die inzwischen wieder mehr als ein Viertel des Landes kontrollieren, verboten.

Präsident Karsai erschien am Morgen in seiner traditionellen purpur-grünen Kleidung und gab in einer Schule seine Stimme ab. Es wäre im nationalen Interesse, wenn die Wahl bereits im ersten Durchgang entschieden werde, sagte er. Nach Umfragen kann der Amtsinhaber mit 45 Prozent der Stimmen rechnen und muss sich wahrscheinlich im Oktober einer Stichwahl gegen den früheren Außenminister Abdullah stellen. Vorläufige Ergebnisse der Wahl werden Anfang September erwartet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete die Wahl als "wichtigen Abschnitt in der Geschichte der demokratischen Entwicklung" des Landes am Hindukusch. Außenminister Frank-Walter Steinmeier lobte die Wahl als "Erfolg demokratischer Tugenden" nach 30 Jahren Terror und Krieg. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen äußerte die Ansicht, die Wahlen seien "unter dem Blickwinkel der Sicherheit besser als erwartet" verlaufen.

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