Bürgerkrieg in Syrien

Kämpfe eskalieren - Assad bringt Familie in Sicherheit

Straßenkämpfe wüten im Regierungsviertel von Damaskus. Soldaten desertieren, Gerüchte über Flucht des Herrscher-Clans verdichten sich.

Damaskus/Istanbul. Gerüchte um eine Flucht der Familie von Baschar al-Assad machen die Runde. Das syrische Regime löst sich auf, aber es gibt sich noch nicht geschlagen. Es sind die letzten Stunden vor Beginn des Fastenmonats Ramadan. Hubschrauber kreisen über den südlichen Stadtteilen von Damaskus. Immer wieder fallen Schüsse. Voller Angst sitzen die Menschen in ihren Häusern. Auch in den nördlichen Stadtteilen und in den Altstadtvierteln, die von dem blutigen Machtkampf bisher verschont blieben, wagt sich kaum jemand auf die Straße. Wo sonst Verkehrsstau herrscht, sind nur wenige Autos und Minibusse unterwegs. In den vergangenen Tagen, als die Gefechte Damaskus erreichten, waren viele Familien zu Verwandten in Stadtteilen, die als sicherer galten, umgezogen. Jetzt geht kaum jemand vor die Tür.

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"Geht es dir gut? Seid ihr alle zu Hause?", fragen die Menschen einander angstvoll am Telefon. Mehr möchte niemand sagen, denn die Sorge, dass der Geheimdienst mithört, ist groß. Man tauscht sich lieber in geschlossenen Gruppen im sozialen Netzwerk Facebook aus. "Sagt mal, ist der Flughafen noch geöffnet, und ist die Straße dorthin noch auf?", fragt ein junger Syrer aus Damaskus, der für Donnerstagabend einen Flug gebucht hatte. Einer seiner Freunde möchte wissen, ob der Fluchtweg in den Libanon noch befahrbar ist. Ein ägyptischer Gastarbeiter beruhigt ihn: "Ich bin gestern aus Beirut gekommen, es war kein Problem, aber an der Grenze stehen sie Schlange. Viele wollen ausreisen."

Eine Frau will wissen: "Gibt es bei euch im Viertel noch Brot?" Sie ist am Morgen nicht zur Arbeit gegangen. Die Universitäten sind geschlossen. Die Abiturprüfungen wurden verschoben. Nur im Christenviertel Bab Tuma herrscht noch so etwas wie Normalität. Das staatliche Fernsehen ist unterdessen eifrig bemüht, den Eindruck zu erwecken, es sei im Prinzip alles im Lot. "Es gibt keinen Mangel an Mehl", meldet der staatliche Sender, "es gibt genug Brot in den staatlichen Bäckereien." Danach werden wieder heroische Szenen aus der Geschichte der "Arabischen Syrischen Armee" gezeigt. Sie sollen den Zuschauern signalisieren: "Wir sind stark, wir werden siegen."

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Doch wer sind "Wir"? In den Stunden seit dem Anschlag auf den Krisenstab haben landesweit Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Soldaten den Dienst quittiert. "Auch der innere Zirkel der Macht löst sich langsam auf, viele Top-Funktionäre sind im Moment dabei, Kontakte ins Ausland aufzubauen, um eine Exil-Lösung für sich und ihre Familien zu organisieren", sagt ein pensionierter syrischer General, der den Muslimbrüdern nahesteht.

Er ist zufrieden mit dem Ergebnis des Anschlags auf den Krisenstab: "Sie waren alle da, alle bis auf Mohammed Dib Seitun, den Chef der Abteilung Politische Sicherheit. Er war zum Zeitpunkt der Explosion nicht in Damaskus, weil er einen Auftrag außerhalb hatte." Dass sich die Drahtzieher der Explosion im Herzen des Regimes mit den bewaffneten Gruppen abgestimmt haben, die kurz nach dem Anschlag in Damaskus versuchten, mehrere Polizeistationen zu stürmen, glaubt er nicht: "Der Anschlag wurde von einer Einheit für spezielle Operationen geplant, die autonom operiert."

Das syrische Fernsehen hat erstmals seit dem Anschlag Aufnahmen von Präsident Assad gezeigt. Er ist zu sehen, wie er den Amtseid des neuen Verteidigungsministers Fahad Dschassim al-Freidsch abnimmt. Der Ort der Zeremonie blieb unklar. In Kreisen der Opposition hieß es, Assad habe sich nach Latakia am Mittelmeer zurückgezogen. Er soll seine Familie in Sicherheit gebracht haben.

Russland hat es abgelehnt, Präsident Baschar al-Assad Asyl zu gewähren

Unterdessen drängten Deutschland und andere westliche Länder auf Uno-Sanktionen, um die Gewalt einzudämmen. Allerdings lehnten Russland und China das gestern Abend erneut ab. Russland widersprach Berichten, dass es Assad Asyl gewähren könne. Darüber habe Präsident Wladimir Putin bei einem Telefonat mit seinem US-Kollegen Barack Obama nicht gesprochen, sagte ein Putin-Berater. Beiden Präsidenten gelang es nach US-Darstellung nicht, ihre Differenzen auszuräumen.

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Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) appellierte an Russland und China, "für die Menschen in Syrien Verantwortung zu übernehmen und zu einer Stabilität der gesamten Region beizutragen". Die Gewalt könne nur durchbrochen werden, wenn sich der Sicherheitsrat auf eine Resolution einige. "Die Gewalt kehrt nun dorthin zurück, wo sie ihren Ausgang genommen hat, nämlich ins Machtzentrum des Assad-Regimes nach Damaskus", kommentierte Westerwelle den Anschlag vom Mittwoch. Der Ölpreis stieg in London unter anderem infolge des Anschlags auf den Assad-Schwager über die Marke von 106 Dollar je Barrel. So teuer war ein Barrel (159 Liter) zuletzt am 30. Mai.

Durch die Ausweitung der Kämpfe werden immer mehr Menschen in die Flucht getrieben. Mittlerweile haben nach Angaben von Helfern rund eine Million Syrer ihre Wohngebiete verlassen, um sich in anderen Teilen des Landes in Sicherheit zu bringen. Humanitäre Organisationen bereiten sich auf Hilfe für Zivilisten vor. "Wir beobachten die Lage in Damaskus und prüfen, ob und wie wir dort Nothilfe leisten können", sagte Alexis Heeb vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes.