Afghanistan: Vier Soldaten sterben bei Raketenangriff

Hiobsbotschaft auf der Heimreise

Ein Zufallstreffer tötete die Bundeswehrsoldaten. Verteidigungsminister zu Guttenberg erfuhr davon auf seinem Rückflug vom Hindukusch.

Termes/Berlin. Krieg in Afghanistan bedeutet nicht, dass es klare Fronten gibt. In diesem Krieg gibt es plötzliche Schläge aus dem Nichts, unerwartete Rückzüge und trügerische Siege - und es gibt diese Mischung von Zufall und Hinterlist, der gestern vier deutsche Soldaten zum Opfer gefallen sind. Denn eigentlich konnten die jungen Männer darauf vertrauen, dass der Krieg gegen die Taliban in jenem Gebiet zwischen Kundus und Baghlan im Nordosten des Landes gerade gewonnen war. Nun sollte hier ein neuer Außenposten der afghanischen Nationalarmee aufgebaut werden. Schon am Tag zuvor hatte die Operation begonnen. Gestern gegen 14.30 Uhr kam die Bundeswehr-Einheit zusammen mit schwedischen, kroatischen und afghanischen Soldaten an einer Brücke nahe dem Dorf Kuk Chena an, die schwer beschädigt war und wieder gangbar gemacht werden sollte. Nach kleineren Gefechten rückten die afghanischen Soldaten über die Brücke vor, die Taliban zogen sich zurück. Sie waren offenbar schon weit entfernt, als sie noch eine Rakete abschossen. Doch sie traf.

Mit dem primitiven Geschoss vom Typ BM-1 ist es eigentlich kaum möglich, auch nur halbwegs genau zu zielen. Die Taliban und ihre diversen Verbündeten in Afghanistan feuern sie allerorten wild in die Gegend und verfehlen regelmäßig ganze Armee-Lager. Doch den kleinen Panzerwagen der Bundeswehr - ein Eagle IV, etwas länger als fünf Meter - erfasste das Geschoss mit solcher Wucht, dass die Bundeswehr außer den Toten auch fünf verletzte Soldaten zu beklagen hat.

Getroffen ist auch die deutsche Gesellschaft, die den Krieg am Hindukusch mit immer größerer Sorge verfolgt, gerade in diesen Tagen.

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war gerade auf dem Luftwaffenstützpunkt Termes im benachbarten Usbekistan gelandet, als ihn die Nachricht erreichte. Der Verteidigungsminister hatte drei Tage in Afghanistan verbracht, bei den Kommandeuren, bei den Soldaten in Kundus, um der deutschen Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Minister den Krieg zur Chefsache gemacht hat - und auch, um den Männern und Frauen im Einsatz zu zeigen, wie ernst das Land ihren Einsatz nimmt und die Lebensgefahr, der sie sich täglich aussetzen. Davon war seit dem Gefecht vom 2. April, bei dem bereits drei Bundeswehr-Soldaten gefallen waren, immer wieder die Rede. Und davon, dass die Truppe im Auslandseinsatz besseres Material brauche. Sichere Fahrzeuge. Schützenpanzer hatte Guttenberg versprochen, bevor er sich auf den Heimweg gemacht hatte, schwere Haubitzen und Panzerabwehrraketen.

Als der Minister die Hiobsbotschaft erhielt, zog er sich auf dem Luftwaffenstützpunkt mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, und dem deutschen Kommandeur in Kundus, Frank Leidenberger, zurück. Um die Lage zu klären, das Vorgehen zu beraten. Da meldeten deutsche Nachrichtenagenturen schon die Toten und dass das Gefecht noch im Gang sei. Dann trat Guttenberg vor die Journalisten und erklärte: "Ich habe tieftraurig die Nachricht zu geben, dass mit großer Wahrscheinlichkeit in der Nähe von Baghlan drei oder vier Soldaten gefallen sind und fünf oder sechs verwundet wurden." Und dann fügte der Minister hinzu: "Es hat sich um einen besonders tragischen Vorfall gehandelt."

Damit hatte der Minister, der sich anschließend auf den Rückweg nach Afghanistan machte, die besonderen Umstände des Vorfalls so knapp wie präzise beschrieben. Aber so außergewöhnlich der Vorfall war, der die jungen Deutschen das Leben kostete - er verdeutlicht nur besonders drastisch, in welchem Krieg die Bundeswehr da kämpft. Und er wirft die Frage auf, ob sie ihm gewachsen ist. Schon lange ist der Norden Afghanistans, wo Deutschland Verantwortung trägt, nicht mehr friedlich. Mehr noch: Seit der amerikanisch-britischen Offensive im Süden deutet immer mehr darauf hin, dass die Aufständischen nun in den Nordosten ausweichen und dort mit umso größerer Härte zuschlagen. Wohl deshalb verkündeten die Amerikaner erst im März, sie würden 2000 Mann ins deutsche Einsatzgebiet im Norden verlegen. Mancher Sicherheitspolitiker in Berlin hoffte da, die Amerikaner würden wieder das Kämpfen übernehmen, der echte Krieg werde noch einmal an der Bundeswehr vorbeiziehen. Aber erst vor wenigen Tagen erklärte der amerikanische Oberbefehlshaber der Nato-Friedenstruppe Isaf, Stanley McChrystal, er erwarte von Deutschland einen "wichtigen Beitrag" bei der kommenden Offensive im Sommer. Am Montag wird er in Berlin zu Gesprächen erwartet. Dabei soll es auch um die bessere Zusammenarbeit mit den afghanischen Soldaten gehen und darum, wie die Bundeswehr ihren Kontakt zur Bevölkerung verbessern kann. Die Vorschläge des Amerikaners sind eine Herausforderung der Deutschen, deren jahrelange Kritik am rein militärischen Agieren der USA in Afghanistan in der Nato noch in Erinnerung ist.

Aber auch wenn im Krieg der Bundeswehr ein neuer Abschnitt beginnt, werden die Erinnerungen an den 15. April bleiben. Die 60 neuen Panzer, welche die Bundeswehr angeblich gerade bestellt hat, sind ausgerechnet Fahrzeuge vom Typ Eagle IV, mit dem auch die vier Toten dieses Tages unterwegs waren. Die fünf Verletzten wurden von einer amerikanischen Sanitätseinheit nach Masar-i-Scharif ausgeflogen. Es waren jene Amerikaner, die Guttenberg am Tag zuvor für die Rettung der Verletzten vom 2. April ausgezeichnet hatte.