Krisengespräche in Genf

Irans Raketen können Israel erreichen

"Es gibt eine ganze Palette von Optionen, die zur Verfügung stehen", knurrte US-Verteidigungsminister Robert Gates im Sender CNN dunkel, es sei "eine ziemlich reichhaltige Liste".

Hamburg/Washington. Angesichts der iranischen Unverfrorenheit, inmitten einer internationalen Aufregung über die Enthüllung einer zweiten Urananreicherungsanlage in der Stadt Ghom tagelang Raketen diverser Typen zu testen, bemüht sich die amerikanische Regierung darum, eine Phalanx von Staaten zusammenzubekommen, um schmerzhafte Sanktionen gegen das Mullah-Regime verhängen zu können.

Morgen trifft sich die "Sechsergruppe" (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland) zu Krisengesprächen mit einer iranischen Delegation in Genf. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte im US-Sender CBS, ihre Regierung erkunde zurzeit Möglichkeiten, die Sanktionen gegen den Iran "zu vertiefen und auszuweiten". Die bisherigen seien "löchrig", gab Clinton zu, aber Washington habe aus dem Fall Nordkorea gelernt, wie man eine breite Koalition für Strafmaßnahmen zusammenbringen könne.

Nachdem der Iran zunächst die Existenz der bis dato geheim gehaltenen Nuklearanlage hatte einräumen müssen, hatten die radikalislamischen Revolutionsgarden am Sonntag mit dem Test von Kurz- und Mittelstreckenraketen begonnen. Gestern erprobten die Garden dann auch die Langstreckentypen "Shahab-3" und "Sedschil". Diese neuen Waffen könnten bereits Israel sowie US-Stützpunkte in der Nahostregion erreichen. "Diese Entwicklung, die wir uns früher nicht vorstellen konnten, verläuft sehr aktiv", sagte der russische Generalmajor Wladimir Dworkin von der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Der Iran arbeite mit Hochdruck an Raketen mit 5500 Kilometer Reichweite, die ganz Europa erreichen könnten. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana sagte, was im Iran geschehe, gebe "Anlass zur Sorge".

Besorgniserregend im Zusammenhang mit der iranischen Raketenrüstung ist vor allem, dass die Anlage in Ghom - entgegen Beteuerungen aus Teheran - offenbar militärischen Zwecken dient. Zum einen ist diese Anlage unterirdisch angelegt und stark getarnt worden. Dann liegt sie auf einem Militärstützpunkt und wird rund um die Uhr von bewaffneten Garden beschützt. Vor allem aber ist sie für nur rund 3000 Zentrifugen ausgelegt. Nach Ansicht von Experten ist diese Anzahl viel zu wenig, um Brennstoff für Kernkraftwerke zu fabrizieren, aber geeignet, um hochangereichertes Uran für Atomwaffen herzustellen.

Für Sanktionen - von Militärschlägen, wie sie die israelische Regierung will, gar nicht zu reden - muss Washington zunächst die Widerstände Russlands und Chinas überwinden. Beide Staaten sind dem Iran verbunden - vor allem China sehr stark über Öl- und Gas-Geschäfte. Allerdings ist Moskau in jüngster Zeit auf Abstand zum Regime in Teheran gegangen. Russland dürfte jedoch Gegenleistungen für die Unterstützung von Sanktionen erwarten. Es könnte sein, dass der Verzicht von US-Präsident Barack Obama auf das umstrittene Raketenabwehrsystem in Osteuropa bereits in diesem Licht zu werten ist.