China: Mehrere tausend Menschen sterben in der Provinz Sichuan bei einem Erdbeben der Stärke 7,8

900 Schüler verschüttet - sie rufen verzweifelt um Hilfe

Es ist 14.28 Uhr, als die Erde in Bewegung gerät. In den zahlreichen Orten nahe der Millionenstadt Chengdu bricht die Katastrophe während der Arbeitszeit über die Menschen herein.

Hamburg. Das Beben kam ohne Vorwarnung mitten im Unterricht. 900 Schülerinnen und Schüler der Juyuan-Mittelschule in der Stadt Dujiangyan saßen gegen halb drei Uhr nachmittags in ihren Klassenräumen, als der erste Erdstoß das Gebäude traf. Drei Minuten lang erschütterte das Beben mit einer Stärke von 7,8 die gesamte Provinz Sichuan. Die dreistöckige Schule stürzte teilweise zusammen und begrub die Kinder unter sich.

Einige verschüttete Kinder versuchten sich selbst aus den Trümmern zu befreien, andere riefen verzweifelt um Hilfe. Anwohner und Freiwillige gruben mit bloßen Händen nach ihnen. Mehrere Kräne, die zum Glück in der Nähe waren, begannen Trümmer wegzuräumen. Aber bis jetzt wurden bereits 50 Kinder tot geborgen, Hunderte sind noch verschüttet. In der Stadt mit rund 600 000 Einwohnern seien ganze Häuserreihen eingestürzt, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Beim schwersten Erdbeben in China seit 32 Jahren sind nach offiziellen Angaben gestern mindestens 8500 bis 9000 Menschen ums Leben gekommen. Mehrere Zehntausend Menschen sind obdachlos. Schon acht Stunden nach dem Beben im Südwesten des Landes wurden 7651 Tote bestätigt. Die Zahl der Opfer wird aber noch steigen, denn viele Erdbebengebiete waren gestern noch unzugänglich.

Das Erdbeben begann um 14.28 Uhr Ortszeit (8.28 Uhr MESZ). Das Epizentrum lag nach Messungen amerikanischer Geologen zehn Kilometer unter der Erde im Bezirk Wenchuan, 90 Kilometer von der 10-Millionen-Stadt Chengdu in Sichuan entfernt. Danach wurden 313 Nachbeben gezählt. Das Beben ereignete sich entlang eines geologischen Grabens, der die eurasische Landmasse von Südostasien trennt und wo die Ebene von Sichuan in das Bergland übergeht, das sich nach Tibet hineinzieht. Die Erdstöße waren in der gesamten asiatischen Region zu spüren - bis nach Thailand, Vietnam und Pakistan. Ein Seebeben der Stärke 5,1 wurde aus Taiwan gemeldet.

Minuten nach dem Beben in Sichuan trafen Erdstöße auch die Hauptstadt Peking und die Hafenstädte Hongkong und Shanghai, wo Wolkenkratzer schwankten. In Peking, wo mehrere Hochhäuser evakuiert wurden, betrug die Stärke des Bebens noch 3,9, wie seismologische Institute in China und den USA übereinstimmend gemessen haben.

Besonders schwer betroffen ist die Provinz Sichuan. Allein im Kreis Beichuan starben zwischen 3000 und 5000 Menschen, meldete Xinhua unter Berufung auf Rettungskräfte vor Ort. In der Region seien zudem mindestens 10 000 Menschen verletzt worden. 80 Prozent der Häuser wurden völlig zerstört. Das Schicksal von einigen Hunderttausend Menschen in anderen betroffenen Gebieten war gestern Abend noch ungeklärt. Mindestens drei Landkreise der Präfektur Aba, in der viele Tibeter leben, waren

gestern noch von der Außenwelt "völlig abgeschnitten". Das Militär hat mehr als 5000 Soldaten sowie Hubschrauber und Bergungsteams mit Suchhunden entsandt. Regierungschef Wen Jiabao flog noch gestern ins Erdbebengebiet. Präsident Hu Jintao rief die Behörden zur Hilfe für die Opfer auf.

In der Stadt Shifang in Sichuan begruben die Trümmer einer einstürzenden Chemiefabrik mehrere Hundert Arbeiter unter sich, wie amtliche Medien berichteten. Mehr als 80 Tonnen Ammoniak traten aus. Rund 6000 Anwohner mussten bei Evakuierungen vor den gefährlichen Dünsten der Chemikalie in Sicherheit gebracht werden.

In der Provinzhauptstadt Chengdu rannten die Menschen in Panik auf die Straße, wie Augenzeugen berichteten. "Ich sah einen großen Riss in der Wand eines Hauses", berichtete eine Frau telefonisch. In vielen Städten flüchteten die Menschen in Panik aus ihren Wohnungen. Die Flüge nach Chengdu wurden vorübergehend eingestellt. Auch der Bahnhof wurde zeitweise gesperrt. Regenfälle erschweren das Schicksal der Überlebenden. Die Telefonverbindungen waren unterbrochen. Auch das Handynetz brach wegen des Ansturms besorgter Anrufe zeitweise zusammen. Besonders der Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, sowie Lixian und Maoxian rund 100 Kilometer von der Provinzhauptstadt Chengdu entfernt sind betroffen. Bergungstrupps dürften den möglicherweise schwer zerstörten Kreis Wenchuan erst heute Morgen erreicht haben.

Der nur 700 Kilometer vom Epizentrum entfernt gelegene gigantische Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Fluss ist nach Angaben eines Sprechers des Betreibers nicht vom Erdbeben betroffen gewesen. "Es gibt keine Anzeichen", sagte er laut Xinhua.

Das bisher schlimmste Erdbeben der neueren Geschichte Chinas im Juli 1976 in der nordostchinesischen Stadt Tangshan hatte mindestens 24 200 Menschenleben gefordert.