Erdbeben in China: Die Bergungsmannschaften kämpfen gegen die Zeit

Mehr als 12 000 Tote - Zehntausende sind obdachlos

Nach dem schweren Erdbeben in China ist die Zahl der Toten bis zum späten Dienstagabend (Ortszeit) auf mehr als 12 000 gestiegen. Die Opferzahlen dürften weiter zunehmen, da das Ausmaß der Katastrophe schwer abzuschätzen war. Tausende Menschen waren weiter unter Trümmern verschüttet.

Peking. Zehntausende sind obdachlos. Dutzende von Nachbeben bis zur Stärke von 6,1 erschütterten die schwer betroffene Provinz Sichuan. Die Bergungsmannschaften kämpften gegen die Zeit. "Jede Sekunde ist kostbar", mahnte Regierungschef Wen Jiabao. Mehrere zehntausend Menschen wurden verletzt, brauchten medizinische Hilfe. Dringend werden Trinkwasser, Medizin, Zelte und Nahrungsmittel benötigt. Die Hilfe im Land für die Opfer lief an. China hieß zudem internationale Unterstützung ausdrücklich willkommen.

Der olympische Fackellauf in China wird angesichts der vielen Opfer seinen Charakter ändern. Die Feiern am Wegesrand und der Aufwand an den Stationen sollen bescheidener ausfallen, kündigte am Dienstag der Sprecher des Organisationskomitees, Sun Weide, in Peking an. Der ernstere Charakter des Laufes werde möglicherweise bis Juni beibehalten, wenn das olympische Feuer auch die vom Erdbeben betroffene Provinz Sichuan erreiche. Jeweils zu Beginn des Laufes werde es künftig eine Schweigeminute für die Opfer geben, berichtete das Organisationskomitee (BOCOG). Entlang der Route könnten die Menschen für die Erdbebenopfer spenden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) kündigte am Dienstag eine Spende von einer Million Dollar (rund 650 000 Euro) für die Opfer und den Wiederaufbau an. Auf die Olympischen Spiele soll das Beben, das bis in die Hauptstadt Peking deutlich zu spüren war, keinen Einfluss haben.

Es waren die folgenschwersten Erdstöße seit dem schweren Beben 1976 in der nordostchinesischen Stadt Tangshan unweit von Peking, wo 242 000 Menschen ums Leben gekommen waren. Während des Bebens hielten sich auch deutsche Urlauber in Sichuan auf. Verletzte gab es aber nicht, berichteten drei deutsche Anbieter von Chinareisen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, es lägen keine Erkenntnisse über mögliche deutsche Opfer vor. Die deutsche Botschaft in Peking habe aber einen Krisenstab eingerichtet, um zu prüfen, ob Deutsche betroffen seien. Eine 15-köpfige britische Reisegruppe galt in der Nähe des Pandareservats Woolong als vermisst. Unter den Opfern des Bebens sind auch Touristen. Ein Erdrutsch begrub einen Reisebus in Maoxian und tötete 37 Insassen. Mehr als 2000 Touristen steckten in der Präfektur Aba fest. Wie viele Ausländer betroffen waren, ist unklar.

Erste Hilfe für die Opfer rollte an. Ärzteteams und Helfer wurden nach Sichuan entsandt. Die Fluggesellschaft China Eastern Airlines schickte vier Maschinen mit Hilfsgütern und hunderte Mitglieder der Rettungsmannschaften aus anderen Städten in die Provinzhauptstadt Chengdu, deren Flughafen für normale Flüge gesperrt wurde. Die Armee setzte mehrere zehntausend Soldaten ins Katastrophengebiet in Marsch. Die Regierung in Peking stellte 360 Millionen Yuan (heute 33,5 Millionen Euro) für die Katastrophenhilfe zur Verfügung. Das Verwaltungsministerium schickte 60 000 Zelte.

Das chinesische Rote Kreuz verbreitete einen Spendenaufruf. Das Gesundheitsministerium in Peking rief zu Blutspenden auf. "Es gibt einen großen Bedarf für Blut in den Erdbebengebieten, und wir hoffen, dass das Volk aktiv spendet", sagte der Sprecher Mao Quan. Das Ministerium schickte Reserven aus anderen Provinzen nach Sichuan. Der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang, bedankte sich für die Ankündigung internationaler Unterstützung. Deutschland, die Europäische Union und die USA hatten Hilfe angeboten. Russland schickt ein Spezialflugzeug mit Feldlazarett und Einsatzkräften.

Einen Tag nach dem Erdbeben waren die Straßen in den schwer betroffenen Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, immer noch durch Erdrutsche und Felsbrocken versperrt. Es gab keinen Kontakt zu rund 60 000 Einwohnern in mehreren Orten. "Ich bin sehr besorgt", sagte der Vizegeneralsekretär der Regierung von Aba, He Biao, zur Lage in dem 105 000 Einwohner zählenden Kreis Wenchuan. Gerüchte über fast 19 000 Verschüttete in der Stadt Miyang bestätigten sich nicht. Schwer betroffen war der Ort Mianzhu. Dort starben 2000 Menschen, 4800 Menschen waren noch unter Trümmern verschüttet. Wie dramatisch die Lage ist, zeigte die Aussage eines Beamten des Gesundheitsamtes: "Bettlaken und Vorhänge sind zerrissen worden, um als Verbandmaterial benutzt zu werden."

Der Vizeparteichef von Mianzhu, Zheng Zemin, sagte laut Xinhua: "Wir leiden unter einem ernsthaften Mangel an Trinkwasser und Nahrung." Die Wasserversorgung sei fast ganz unterbrochen. Mehr als 10 000 Obdachlose hätten die Nacht im Freien verbracht. "Die Krankenhäuser sind voll, und Zelte werden benötigt, um die Verletzten zu versorgen", sagte der Parteichef. Im Erdbebengebiet stürzten mehrere Schulen ein und begruben Hunderte von Schülern, ohne dass Aussicht auf Rettung bestand.

Auch in Peking spürbare Erdstöße der Stärke 3,9 zeigte nach Ansicht der Organisatoren der Olympischen Spiele, dass die Stadien erdbebensicher gebaut wurden. Der Experte der Erdbebenwarte in Peking, Gu Yongxin, sagte der "Chongqing Chenbao", die Wettkampfstätten hätten "den Test bestanden". Sie könnten sogar Beben bis zur Stärke 8 aushalten.

Der Dalai Lama sprach den Betroffenen sein Beileid aus. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter zeigte sich in einer Mitteilung im nordindischen Dharamsala "zutiefst betrübt über den Verlust vieler Leben" und über die Verletzten. Er bete für die Opfer. Chinas Regierung hatte den Dalai Lama mitverantwortlich für die Unruhen in Tibet Mitte März und die jüngsten chinafeindlichen Proteste gemacht.