Er wollte seinen Mördern ins Auge sehen

Irak-Geiseln: Der Italiener Fabrizio Quattrocchi ist der erste von rund 40 entführten Ausländern, den die irakischen Kidnapper hinrichteten. Woher kam er, was wollte er im Irak, und wer sind seine drei Landsleute, die nun das gleiche Schicksal fürchten müssen?

Rom. In der Lebensgeschichte von Fabrizio Quattrocchi deutete nichts darauf hin, dass er eines Tages im Alter von 36 Jahren über einen Hof irgendwo bei Falludscha im Irak gehen würde, mit einer schwarzen Kapuze auf dem Kopf, im Bewusstsein, dass er in wenigen Augenblicken sterben würde.

Es deutete auch nichts darauf hin, dass der italienische Außenminister Franco Frattini jemals den Namen Fabrizio Quattrocchi nennen würde, dass ihm dabei die Stimme versagen würde, weil er den Tod des jungen Mannes aus dem Sant-Martino-Viertel in Genua der Öffentlichkeit mitteilen und erklären musste, berichten musste, wie Fabrizio zuletzt versucht hatte, sich die schwarze Kapuze vom Kopf zu ziehen, um seinen Peinigern in die Augen zu sehen, als er ihnen auf Italienisch zurief: "Ich werde euch zeigen, wie ein Italiener stirbt!" Dann traf ihn ein Genickschuss.

Eigentlich hätte Fabrizio Quattrocchi an diesem Morgen, dem 14. April 2004, in seiner Bäckerei in Genua stehen müssen, eingestaubt mit Mehl und seiner bildhübschen Freundin Alice an der Kasse zulächelnd, im Bewusstsein, dass sie mit jedem eingenommenen Euro der herbeigesehnten Hochzeit näher kamen. Fabrizios Vater Santo Quattrocchi stammte aus einer armen sizilianischen Familie, hatte sein ganzes Leben lang geschuftet, damit sein Sohn in dieser, seiner eigenen Bäckerei stehen konnte. Santo war aus dem trostlosen Catania weggegangen, um in Genua eine Zukunft für seine Kinder aufzubauen.

Fabrizio lernte Bäcker, wohnte im Apartment seiner Mutter Agata Quattrocchi und träumte von einer eigenen Wohnung zusammen mit Alice. Kriege und Gewalt interessierten ihn nie, er war in der Kirchengemeinde von Martino bekannt als ein mit Muskeln bepackter Riese, der zwar den schwarzen Gürtel der Karatekämpfer trug, aber nie in eine Schlägerei verwickelt war.

Wenn er an einem bestimmten Abend im November letzten Jahres zu Hause geblieben wäre, wenn er nicht die Gruppe von ehemaligen Fremdenlegionären getroffen hätte, die in einer Bar verbreiteten, dass man als Leibwächter im Irak 8000 Euro im Monat verdienen konnte - dann würde er noch leben.

Fabrizio ließ sich anwerben nach jenem Novemberabend, aber den Mut, seiner alten Mutter die Wahrheit zu sagen, den hatte er nicht. Sie konnte sich nicht von ihm verabschieden, weil er sie im Glauben ließ, dass er irgendwo in der Nähe arbeiten würde, irgendwo bei Venedig.

"Er starb als Held", sagte gestern der Außenminister.

Maurizio Agliana (37) war den italienischen Medien vor seiner Geiselnahme im Irak einmal aufgefallen. Der 1,95 Meter große Riese, der 136 Kilogramm auf die Waage bringt, stand im Sommer 2002 in einem Zelt in San Giuliano di Puglia, wo ein eingestürztes Schuldach 28 Kinder unter Trümmern begraben hatte. Agliana stand da in seiner grünen Uniform vom Misericordia-Rettungsdienst und sah zu, wie ein Vater einen Kuschelbären in den Sarg seines sechsjährigen Sohnes legte, als wenn das Kind dadurch weniger allein wäre. Der Riese Agliana heulte vor laufenden Fernsehkameras wie ein Schlosshund, als er das sah. Er war verantwortlich für die Zeltstadt, ein freiwilliger Helfer im Fall von Naturkatastrophen aus Prato in der Toskana.

Er hatte keinen Job gefunden in der Textilstadt, der stille Riese Agliana. Eine Schule für Leibwächter in Livorno nahm ihn schließlich auf, und nach der Ausbildung fiel er amerikanischen Sicherheitsexperten auf, die in Italien auf der Suche nach ehemaligen italienischen Elitesoldaten waren, die im Irak für Sicherheitsdienste arbeiten wollten. Maurizio Agliana war noch nie aus Europa herausgekommen, die Reise am 3. April war seine erste auf einen anderen Kontinent.

Nun hat sein Vater, Carlo Agliana, ihn plötzlich auf dem Fernsehschirm auftauchen sehen als Geisel, und seine Weggefährten in der Misericordia-Rettungsgesellschaft können sich beim besten Willen nicht erklären, wie er auf diesen Fernsehschirm geraten konnte.

Salvatore Stefio (34) ist in seiner Heimat bei Enna auf Sizilien ein reicher Mann, er besitzt eine Villa im Neubauviertel Castelanuova und ist mit einer bildhübschen Frau verheiratet, die als Modell arbeiten könnte. Salvatore Stefio war lange arbeitslos gewesen, bis der Sicherheitsdienst der US-Armee auf Sizilien den muskulösen Karatekämpfer anwarb, um den Flughafen Sigonella zu bewachen. Er wurde ein Amerikaner. Er träumte von Amerika und von Flugzeugen. Alles, was aus Amerika kam, war gut, die Amerikaner hatten ihm eine Chance gegeben, und dafür war er ihnen dankbar. "Seinen Sohn nannte er sogar William", sagt Vater Angelo Stefio.

Ex-Soldaten der US-Armee heuerten Stefio für Wachdienste außerhalb Europas an, er arbeitete lange in Nigeria, wo er Anlagen von amerikanischen Ölfirmen bewachte. Stefio verdiente dort gut, konnte eine eigene Sicherheitsfirma aufbauen, die heikle Jobs überall auf der Welt annahm.

Umberto Cupertino (35) hatte alles versucht, um einen Job zu finden. Er hatte seine Heimatstadt Bari abgegrast, auf Baustellen gefragt, Verwandte um Hilfe gebeten - alles ohne Erfolg. Er war schon weit über 30 und musste immer noch seine Mutter um Geld bitten, wenn er in die Pizzeria wollte. Seine Freundin Francesca Boberba hätte ihn gern geheiratet, aber wer heiratet schon einen, der sich nicht einmal einen Abend im Kino leisten kann.

Umberto Cupertino musste viel Zeit totschlagen, und das tat er in den Fitnessstudios, wo er umsonst trainieren durfte. Und genau dort fand ihn zum ersten Mal das Glück, dachte er. Er hatte alles Mögliche in den Fitnessstudios trainiert, auch Karate, und im März trainierte ausgerechnet in seinem Fitnessstudio ein Amerikaner, der Leibwächter für den Irak suchte. Zum ersten Mal in Cupertinos Leben sagte jemand zu ihm: "Ich brauche Leute genau wie Sie, und ich zahle gut." Umberto Cupertino dachte nicht eine Sekunde lang nach, am 3. April reiste er in den Irak.

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