Frontstadt

Ukraine-Krieg: Die Front rückt näher – warum viele bleiben

| Lesedauer: 8 Minuten
Jan Jessen
FUNKE-Reportage aus Ukraine: Bachmut in Trümmern

FUNKE-Reportage aus Ukraine- Bachmut in Trümmern

Bachmut ist eine Stadt in der Oblast Donezk im Osten der Ukraine. FUNKE-Reporter Jan Jessen spricht mit Einwohnern vor Ort. Während er vor Ort ist, hört er immer wieder Artilleriegefechte.

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Die russische Armee rückt immer näher, Raketen treffen die Stadt Bachmut nahe Donezk. Warum viele Einwohner trotzdem bleiben wollen.

Buchmut. In dem Kulturzentrum von Bachmut stapeln sich an den Wänden des Saals, in dem früher Konzerte gegeben wurden, die Pakete und Säcke mit Hilfsgütern. Es fällt nur ein wenig Tageslicht hinein, einige der Helferinnen sitzen um einen Tisch auf dem Kerzen flackern.

Es ist wieder einmal Stromausfall in der Kleinstadt im Donbass. Das bedrohliche Grummeln des Krieges, das den Alltag der Menschen in der Region im Osten der Ukraine untermalt, steigert sich hier zu einem infernalischen Donnern, wenn die ukrainischen Geschütze vor der Stadt auf die russischen Stellungen feuern, zu einem kreischenden Winseln, wenn die russischen Geschosse in die Stadt hineinfliegen.

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Ukraine: Die Front rückt nahe an Bachmut heran

„Die Front rückt näher an uns heran. Wir fordern unsere Bürger jeden Tag auf, die Stadt zu verlassen“, sagt Anna Petrienko-Polukhina, Sekretärin der Verwaltung von Bachmut. „Wir flehen sie an: Flieht vor den Russen, rette euer Leben!“ Jedoch harren viele Menschen in der Stadt aus. Beim manchen sitzt das Misstrauen gegen die Regierung tief.

Am Samstag hat Wolodymyr Selensky die Menschen in den wenigen noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Gebieten im Donbass dringend aufgefordert, ihre Dörfer und Städte zu verlassen. Die Russen ziehen offenbar aktuell in der russischen Region Belgorod Truppen zusammen, möglicherweise steht zeitnah eine weitere große Offensive Russlands bevor.

Selenskyj fordert Ukrainer zum Verlassen der Region Donezk auf
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Noch immer lebten Hunderttausende Menschen in den akut gefährdeten Gebieten, so der ukrainische Präsident: „Glauben Sie mir, je mehr Menschen aus dem Donezker Gebiet gehen, desto weniger Leute kann die russische Armee töten.“

Ukraine-Krieg: Selenskyj ordnet Zwangsevakuierungen an

Zuvor hatte die Regierung der Ukraine Zwangsevakuierungen angeordnet. Bislang ohne großen Erfolg. In Städte wie Slowjansk oder Kramatorsk, in denen immer wieder Raketen und Granaten einschlagen, sind nach Angaben lokaler Helfer sogar Menschen zurückgekehrt, weil ihnen auf der Flucht das Geld ausgegangen ist.

Bachmut liegt seit etwa einem Monat unter ständigem Beschuss. Die Kleinstadt ist strategisch wichtig, am Nordrand verläuft die Fernstraße M03, die in das nordwestlich gelegene und bereits von den Russen besetzte Isjum führt. In den vergangenen Tagen haben die Russen laut dem ukrainischen Generalstab nahe Bachmut ihre Positionen ausbauen können.

Die Situation für die Menschen in der Stadt wird jeden Tag bedrohlicher. Bereits im Mai hatte Bürgermeister Oleksij Rewa die 73.000 Einwohner aufgerufen zu fliehen. Etwas weniger als ein Drittel ist aber geblieben. „Das sind vor allem ältere Leute und Menschen, die Häuser und Gärten haben, sie weigern sich zu gehen“, berichtet Verwaltungssekretärin Petrienko-Polukhina. „Was sollen wir machen?“ Sie zuckt mit den Schultern.

„Im Moment bin ich eine Soldatin“, sagt Anna

In ihrem großen Büro in dem klotzigen Rathaus gegenüber dem Kulturzentrum sitzt Petrienko-Polukhina mit dem Rücken zu den Fenstern. Wenn eine Rakete vor dem Gebäude einschlagen würde, wäre das für sie lebensgefährlich. Sie wirkt äußerlich ungerührt, wenn draußen der Krieg aufbrüllt. „Natürlich habe ich Angst, aber wir müssen standhaft bleiben.“

Die städtischen Mitarbeiter versuchen, im Rathaus so gut wie möglich Hilfe für die in der Stadt gebliebenen Menschen zu organisieren. „Unsere Reparaturtrupps sind jeden Tag unterwegs, um die Schäden am Stromnetz oder der Wasserversorgung zu beheben. Mediziner suchen die Kranken auf.“

Sogar das Passamt arbeite noch, sagt die 40-Jährige. Dort erhalten Geflüchtete aus den von den Russen eroberten Gebieten Papiere, um ihnen weiter Richtung Westen reisen zu können. Warum sie selbst nicht flieht? „Im Moment bin ich eine Soldatin, die ihre Aufgaben und Pflicht erfüllen muss, weil hier Dinge geregelt werden müssen, weil Menschen hierbleiben.“ Dann lächelt sie: „Nach unserem großartigen Sieg werde ich wieder Mutter und Ehefrau sein und Urlaub machen.“

Wut auf die ukrainische Regierung

Vor dem Kultur-Zentrum wartet eine Gruppe älterer Menschen auf den Beginn der Verteilaktion. Eine Frau mit kupferfarbenem Haar stützt sich auf das Treppengeländer, sie zittert. Das ständige Donnern der Geschütze und die Explosionen seien daran schuld, sagt sie, früher sei sie nicht nervös gewesen. Sie ist zornig auf die Helfer, die sie so lange warten lassen, sie wolle nach Hause, wo sie sich sicher fühle. Mit Journalisten will sie eigentlich nicht sprechen.

„Ihr erzählt dann doch nur Märchen“, sagt sie. Ein wenig redet sie dann doch. Lehrerin sei sie gewesen, mehr als vierzig Jahre. „Ich lebe hier seit 75 Jahren, und ich habe niemanden gebeten, mich zu befreien“, sagt sie. Es ist aber die ukrainische Regierung auf die sie wütend ist.

Auf die Frage nach dem Warum schüttelt sie den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Ihr Ehemann, 86, der vor der Treppe sitzt, schimpft: „Selenskyj ist an allem schuld, der hat uns das eingebrockt.“ Sie schlägt ihm von oben auf den Arm: „Hör auf, sonst nehmen die uns das Haus weg.“

„Verschwindet“, zischt ein Fahrradfahrer

Die Regierung in Kiew ist weit weg. Manche Menschen im Donbass werfen ihr vor, sie in den vergangenen Jahren vergessen zu haben. Seit der Besetzung der Krim 2014 herrscht in der Region der Krieg zwischen den prorussischen Separatisten der sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk und der ukrainischen Armee. Viele Anstrengungen, den Konflikt diplomatisch zu lösen, gab es vor dem Beginn der großen russischen Invasion nicht mehr.

Die Menschen vor dem Kulturzentrum von Bachmut und die, die durch die nahezu leeren Straßen hasten, wirken verängstigt, gestresst und misstrauisch. Alle winken bei Interview-Anfragen ab, manche resigniert, manche verächtlich. „Verschwindet“, zischt ein Fahrradfahrer, der kurz vor einem zerstörten Wohnhaus in einer Straße in der Nähe des Rathauses anhält. Wie in anderen kriegsbetroffenen ukrainischen Städten glauben manche Menschen in Bachmut, dass Journalisten mögliche Ziele für die Russen ausspionieren.

Geschosse eines Uragan-Mehrfachraketenwerfers treffen die Stadt

Viktor Lys will in Bachmut bleiben, weil hier sein Lebenswerk steht, das Sportstadium der Stadt. Im Juli sind dort mehrmals Raketen eingeschlagen, in der Wand der Halle klaffen große Löcher, die Tribüne draußen ist zerstört. „Meine Seele ist zerrissen und mein Herz schmerzt“, sagt Lys, ein bulliger Mann mit kräftigem Händedruck, vor dem Trümmerfeld aus Beton und zerfetztem Plastik, und wirkt plötzlich ein wenig hilflos. Er hat das Stadion mit aufgebaut, er hat hier fünf paralympische Champions trainiert.

Er will bleiben, weil er sein Stadion wieder aufbauen will, vor dem Winter will er die Löcher in der Hallenwand schließen. Als plötzlich in nicht allzu großer Entfernung irgendwo vor der Stadt ein Mehrfachraketenwerfer seine tödlichen Geschosse mit einem giftigen Fauchen ausspuckt, zuckt Lys nicht zusammen.

Kurze Zeit später schlagen die Russen zurück. Zwei Stunden nach unserem Besuch in Bachmut treffen die Geschosse eines Uragan-Mehrfachraketenwerfers die Stadt. Mehrere Häuser und Wohnblöcke werden beschädigt. Drei Menschen sterben. Bislang sind in Bachmut mindestens 18 Menschen durch die Gewalt des Ukraine-Kriegs ums Leben gekommen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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