Finanzen

Türkei: Wie gefährlich ist die Währungskrise für die EU?

Lesedauer: 8 Minuten
Michael Backfisch und Elena Bodora
Eine Frau mit türkischen Lira in der Hand. Das Geld hat in den letzten Wochen dramatisch an Wert verloren.

Eine Frau mit türkischen Lira in der Hand. Das Geld hat in den letzten Wochen dramatisch an Wert verloren.

Foto: Chris McGrath

Die türkische Lira verliert weiter an Wert. Der Verfall wird auch für die EU zur Gefahr – auch deutsche Unternehmen müssen bangen.

Berlin.  Die türkische Lira fällt und fällt. Das ist nicht nur ein zunehmendes Problem für das Land, sondern auch für Banken und Unternehmen in Europa und Deutschland. Welche konkreten Auswirkungen hat die türkische Ansteckungsgefahr auf die Wirtschaft und Sicherheit in Europa? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie dramatisch ist der Fall der türkischen Lira?

Seit Beginn des Jahres hat die türkische Lira mehr als 40 Prozent ihres Werts verloren. Wegen der Talfahrt der Währung muss die Türkei für Anleihen immer höhere Zinsen an Investoren bezahlen. Für eine am Montag herausgegebene 419 Millionen Lira (umgerechnet rund 55 Millionen Euro) schwere Staatsanleihe setzte das Finanzministerium in Ankara eine Rendite von 24,89 Prozent fest.

Eine Anleihe aus dem Juli rentierte bei 20,3 Prozent. Im März lag die Rendite noch bei weniger als 14 Prozent. Die Istanbuler Börse hat am Montag unter dem Druck des Lira-Verfalls weiter nachgegeben. Bis zum Mittag sackte der Leitindex ISE 100 um nahezu vier Prozent ab, nachdem die Kurse bereits vor dem Wochenende eingebrochen waren.

Was sind die Ursachen hierfür?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Betrieben seines Landes jahrelang milliardenschwere öffentliche Aufträge verschafft. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren. 2017 betrug das Wachstum 7,4 Prozent. Infolge der überhitzten Konjunktur stieg die Inflationsrate auf rund 16 Prozent.

Normalerweise müsste die Zentralbank die Leitzinsen anheben, um die Inflation zu dämpfen. Experten meinen auf 20 Prozent. Doch Erdogan hält Zinssteigerungen für Teufelszeug. Gleichzeitig schichten Investoren weltweit ihr Geld um: Es wird von Schwellenländern wie der Türkei abgezogen und in harten Währungen angelegt, vor allem in Dollar. Die US-Wirtschaft steht seit Jahren unter Dampf, was die Preise nach oben treibt. Deshalb hat die amerikanische Notenbank die Leitzinsen angehoben. Dadurch gewinnt der Dollar an Wert. Die internationale Leitwährung zieht immer mehr Kapital an – auch aus der Türkei.

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Europa und Deutschland?

Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs in der Türkei strömte immer mehr ausländisches Kapital ins Land. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich steht die Türkei mit 223 Milliarden Dollar bei ausländischen Geldgebern in der Kreide, vor allem aus Südeuropa. Allein spanische Institute haben der Türkei 82 Milliarden Dollar geliehen.

An erster Stelle steht die zweitgrößte spanische Bank, BBVA. Sie hält 49,9 Prozent an der türkischen Garanti Bank, dem zweitgrößten Geldhaus des Landes. Bei italienischen Instituten hat die Türkei Außenstände in Höhe von mehr als 50 Milliarden Dollar. Stark vertreten ist die Großbank Unicredit über eine Beteiligung bei der türkischen Yapi Kredi Bank. Französische Häuser haben Türkei-Darlehen über 35 Milliarden Dollar in ihren Büchern. Die Großbank BNP Paris kontrolliert mit Türk Ekonomi Bank das neuntgrößte Institut des Landes.

Wie sehr sind deutsche Unternehmen belastet?

Deutsche Banken machten zwar laut Bundesbank nur rund 21 Milliarden Euro für die Türkei locker. Sollten jedoch südeuropäische Häuser ins Schlingern geraten, wären auch deutsche Banken betroffen – sie haben sich in Südeuropa stark engagiert.

Doch nicht nur Banken, auch Unternehmen sind von der türkischen Finanzkrise betroffen. Viele türkische Firmen nahmen Kredite in harter Währung – Dollar oder Euro – auf. Insgesamt haben türkische Betriebe Fremdwährungsanleihen über rund 60 Milliarden Dollar ausgegeben. Da die Lira im Vergleich zu Euro und Dollar immer weiter fällt, müssen sie immer tiefer in die Tasche greifen, um die Schulden zu begleichen.

Einige Unternehmen könnte dies in die Zahlungsunfähigkeit treiben, befürchten Experten. Die deutsche Export-Industrie leidet ebenfalls unter der Talfahrt der Lira. Wenn die türkische Währung billiger wird, wird der Euro entsprechend höher bewertet. Ein höherer Euro verteuert aber die Ausfuhren in die Türkei. 2017 gingen deutschen Exporte für rund 22 Milliarden Euro dorthin: Damit steht die Türkei auf Rang 16 aller deutschen Ausfuhrpartner. Die Exportbilanz 2018 dürfte durch die Kapitalknappheit türkischer Firmen sowie die Verteuerung der Ausfuhren gedrückt werden.

Merkel - Niemand hat Interesse an einer destabilisierten Türkei
Merkel - Niemand hat Interesse an einer destabilisierten Türkei

Was bedeutet das für die in Deutschland lebenden Türken?

Verheerende Folgen hat der Kursverfall für viele Türken, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, und mittlerweile Rentner sind. Häufig hat diese erste Generation der in Deutschland lebenden Türken Wohnungen oder Häuser im Heimatland gekauft.

Mit den Mieteinnahmen (in türkischer Lira) aus diesen Immobilien werden die oftmals kleinen deutschen Renten aufgebessert. Denn viele waren Hilfsarbeiter oder haben nicht ausreichend lange in das deutsche Rentensystem eingezahlt. Tauschen sie den eingenommenen Mietzins in Euro um, dann ist der Gegenwert im Vergleich zum Anfang des Jahres um mehr als 40 Prozent gesunken.

Euro, die in die Türkei an Verwandte, beispielsweise die in das Heimatland zurückgekehrten Eltern, überwiesen werden, sind hingegen mehr türkische Lira wert. Wer in der Türkei Land oder Immobilien kaufen will, kann das jetzt besonders günstig tun.

Wird nun verstärkt mit der türkischen Lira spekuliert?

Die Nachfrage, auch von Verbrauchern, nach der türkischen Lira hat sich stark abgeschwächt. Die Commerzbank geht davon aus, dass wegen der starken Kursschwankungen auch weniger spekuliert wird, und rechnet mit einem weiterhin zurückhaltenden Markt. Grund sind die Unsicherheit der Anleger und fehlendes Vertrauen in die türkische Zentralbank.

Selbst wenn die Türkei Fremdwährungsaktivitäten beschränkt, reicht diese Maßnahme nicht aus, um die Lira zu stabilisieren. Auch wer in türkisches Geld investiert, könnte das Nachsehen haben: Derzeit ist der Kursverlust höher als mögliche Zinsen auf Anleihen.

Gefährdet Erdogans Hinwendung nach Osten die Sicherheit Europas?

Die türkischen Streitkräfte sind seit 1952 Mitglied der Nato. Das Land hält nach den USA die zweitgrößte Anzahl an aktiven Soldaten in der Allianz. Das türkische Militär kann im Rahmen der sogenannten Nuklearen Teilhabe der Nato mit taktischen Sprengköpfen der US-Streitkräfte nuklear bewaffnet werden. In der Türkei werden einsatzfähige Atomsprengköpfe am Nato-Stützpunkt Incirlik Air Base unter Kontrolle der US-Luftwaffe dafür bereitgehalten.

Diese Ausstattung stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Damals war die Türkei für Amerika ein wichtiger Allianzpartner in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Zudem galt Ankara als stabilisierendes Element im politisch unruhigen Nahen Osten. Doch gegenwärtig befinden sich die Beziehungen zwischen der Türkei und den Vereinigtem Staaten auf einem neuen Tiefpunkt.

Hintergrund ist der Streit um den in der Türkei unter Terrorwürfen festgehaltene US-Pastor Andrew Brunson. Umgekehrt forderte Erdogan vergeblich die Auslieferung des im US-Exil lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen, den er für den gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. Der türkische Präsident drohte unverhohlen, sich „nach neuen Freunden und Verbündeten umzuschauen“.

Wie eng sind die Beziehungen zu Russland?

Im Syrienkonflikt arbeiten die Türkei bereits eng mit Russland und dem Iran zusammen, den US-Präsident Donald Trump für den größten Unruhefaktor im Nahen Osten hält. Am Montag und Dienstag hält sich der russische Außenminister Sergej Lawrow zu Gesprächen in Ankara auf. Erdogan übte in der Vergangenheit scharfe Kritik an der US-Unterstützung für die kurdische Volksmiliz YPG in Syrien – für Ankara ein Ableger der in der Türkei verbotenen PKK. Die YPG ist für die Amerikaner ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

Angedeutet hatte sich die Entfremdung zwischen Washington und Ankara bereits seit einiger Zeit. So haben die Türken russische S-400-Luftabwehrraketen in Russland bestellt. In Nato-Kreisen wirft das die Sorge auf, dass Moskau als Gegenleistung Einblicke in die Waffensysteme der westlichen Militär-Allianz bekommen könnte. Die zunehmende Hinwendung der Türkei nach Osten stellt das Bündnis auf eine schwere Belastungsprobe.