Jahreswechsel

Papst fordert einen neuen christlichen Humanismus

Der Glaube müsse den Alltag prägen und Orientierung darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht".

Vatikanstadt/Hamburg. Papst Benedikt XVI. hat zum Jahresende zu einem neuen christlichen Humanismus aufgerufen. Ein solcher Humanismus müsse in der Lage sein, Kultur und soziales Engagement aus christlichem Geist hervorzubringen, sagte er am Sonnabend in einem Silvestergottesdienst im Petersdom. Das setze eine Neubelebung christlichen Lebens und einen vertieften Dialog mit der modernen Kultur voraus. Es gelte, die „Schönheit und Aktualität des Glaubens“ wiederzuentdecken, betonte Benedikt XVI vor mehreren tausend Zuhörern. Der Glaube dürfe kein „isolierter Akt“ bleiben, der nur „einige Momente“ des Lebens betreffe. Er müsse den gesamten Alltag prägen und eine „beständige Orientierung“ darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht“.

In seiner Predigt betonte der Papst, dass die Verbreitung der christlichen Botschaft auch heute ein „unabdingbarer Auftrag“ an alle Gläubigen sei. Die ganze Gemeinschaft der Kirche müsse dies mit „neuem missionarischen Eifer“ wiederentdecken. Dieser müsse sich vor allem auf die jungen Generationen richten. Diese litten angesichts der gegenwärtigen Krise immer stärker unter Orientierungslosigkeit. Es sei nicht nur eine ökonomische Krise, sondern auch eine „Krise der Werte“. Der Papst appellierte an die Gläubigen, das neue Jahr mit Zuversicht zu beginnen. Seit Christi Geburt gebe es keinen Raum mehr für die „Angst vor der dahineilenden Zeit“, die nicht wiederkehre, sagte Benedikt XVI. Gott sei in Jesus Christus selbst in die Zeit eingetreten, um sie aus der Sinnlosigkeit und Nichtigkeit zu befreien.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch sprach sich in seiner Silvesterpredigt für mehr Solidarität und Nachhaltigkeit in der Gesellschaft aus. Um dem Elend in der Welt zu begegnen, sei eine Verantwortung für die kommenden Generationen notwendig, sagte Zollitsch im Freiburger Münster. „Wir dürfen nicht nachlassen, Mittel und Wege zum Abbau der immensen Staatsverschuldung in Deutschland zu suchen. Dazu braucht es realistische Lösungen, keine einbalsamierende Rhetorik für die Wähler“, forderte er.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker wiederum appellierte zum Jahreswechsel an die Christen, bereit für einen Neuanfang zu sein. Die Forderung Gottes, sich zu ändern und umzukehren, stoße vielfach auf taube Ohren, sagte Becker in der Jahresabschlussmesse im Paderborn Dom. Der Mensch wolle lieber alles beim Alten lassen, und er wolle auch lieber der Alte bleiben. „Ein Teil der Bevölkerung lebt immer noch in einem Wohlstand, der es uns schwermacht, an die Notwendigkeit eines neuen Anfangs zu glauben“, sagte Becker laut Redetext.

Gott komme deshalb nur noch in den „extremen Winkeln“ des alltäglichen Lebens vor, führte der Erzbischof aus. Das Neue, das Gott anbiete, sei die Menschwerdung Gottes, durch die Gott und Mensch auf einer Ebene lebten. Für einen neuen Anfang seien vor allem die Stillen und Verachteten offen gewesen. Menschen wie der König Herodes, der alles beim Alten lassen wollte, hätte das neu geborene Kind in der Krippe gefürchtet. Die Hirten hingegen hätten sich nach der Freudenbotschaft der Engel „sofort hörend auf den Weg gemacht“. Die Aufforderung zu einem Neuanfang richte sich jedoch an alle Christen.

Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff erinnerte in seiner Silvesterpredigt an die Wirtschaftskrise und an die „Eurokatastrophe“. Es mache ihm Sorge, „dass anonyme Kräfte weltbeherrschende Bedeutung bekommen“, sagte Mussinghoff laut Mitteilung des Bistums im Aachener Dom. In seiner Jahresschlussandacht kritisierte der Bischof unter anderem die Steuerung durch die Märkte und Rating-Agenturen. Es müsse ein „weltweites neues politisches Ordnungssystem“ geben, forderte er. Wirtschaft brauche Ethik. Es müsse eine Bindung an Werte gebe, die über wirtschaftlich-technisches Handeln hinausgingen.

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen fordert eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber dem Rechtsextremismus. 2011 habe gezeigt, wie stark die Aktivitäten der rechtsextremistischen Szene in Deutschland seien, sagte Thissen in seiner Silvesterpredigt laut vorab verbreitetem Redemanuskript. Das gehe bis zu den Morden der Zwickauer Terrorzelle. Besorgniserregend sei die zunehmende Präsenz von Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern. Die Neonazis dort versuchten verstärkt, junge Menschen für die Szene anzuwerben.