Tote bei Unruhen in Ägypten

"Wir sind genauso viele wie in Tunesien"

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Über Facebook organisieren sich die Gegner von Präsident Hosni Mubarak. Deutsche Reiseveranstalter sagen Kairo-Ausflüge ab.

Kairo. Tunesien im Umbruch, Ägypten in Aufruhr: Es war der „Tag des Zorns“ im Land der Pharaonen – und mindestens drei Menschen ließen ihr Leben. Bei landesweiten Protesten gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak sind drei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Wie Sicherheitskreise berichteten, eröffnete die Polizei bei Krawallen in der Hafenstadt Suez das Feuer auf Demonstranten und tötete zwei Menschen. In Kairo erlag ein Polizist seinen Verletzungen, die er sich bei Ausschreitungen zugezogen hatte. Augenzeugen sprachen von den schwersten Krawallen seit Jahren.

Wegen der Unruhen in Ägypten haben mehrere deutsche Reiseveranstalter Tagesausflüge vom Roten Meer nach Kairo abgesagt. Diese Vorsichtsmaßnahme gelten zunächst für einen Tag, hieß es bei den Anbietern Thomas Cook/Neckermann in Oberursel (Hessen) und FTI in München. Die Rewe-Pauschaltouristik (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg) hatte bereits am Dienstag keine Urlauber mehr in Ägyptens Hauptstadt gebracht, sagte eine Sprecherin in Köln. Kostenlose Umbuchungen und Stornierungen von Ägypten-Reisen bieten die Veranstalter aufgrund der jüngsten Unruhen nicht an.

Trotz der jüngsten Proteste behält das Auswärtige Amt seine bisherigen Sicherheitshinweise für Urlauber bei. Es gebe keine Reisewarnungen für das Land, sagte ein Sprecher auf dapd-Anfrage. Touristen werde jedoch empfohlen, Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden und die örtliche Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen.

Die Proteste in mindestens 16 Städten richteten sich gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und Menschenrechtsverletzungen. Auf Spruchbändern und in Graffiti an Brücken und Gebäuden forderten die Demonstranten: „Revolution statt Unterdrückung“ und „Nieder mit Hosni Mubarak“. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte eine 24-Jährige, die nach eigenen Angaben erstmals an einer Protestaktion in Ägypten teilnahm. An früheren Aktionen der ägyptischen Opposition hatte sich immer nur eine kleine Minderheit beteiligt, obwohl eine größere Zahl von Ägyptern mit den Zielen der Regimekritiker sympathisiert.

Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Plastikgeschosse ein. Auch ein Kameramann von al-Dschasira wurde von einem Plastikgeschoss getroffen, wie der arabische Fernsehsender berichtete. Auf einem Platz im Herzen von Kairo trieben Sicherheitskräfte am frühen Mittwochmorgen die Demonstranten auseinander. Augenzeugen schilderten, viele Menschen seien blutüberströmt durch die Straßen der ägyptischen Hauptstadt gelaufen, andere seien bewusstlos zusammengebrochen. Dutzende Demonstranten wurden im ganzen Land festgenommen, wie Organisatoren berichteten. „Wir sind ebenso viele wie in Tunesien“, hieß es in einer arabischen Erklärung einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Revolutionstag gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit“. „Zehntausende sind auf die Straßen geströmt und haben ihr Recht eingefordert – bis zum Rückzug des Präsidenten und seiner Flucht aus dem Land.“

Der Tunesier, der mit seiner Selbstverbrennung zum Sturz von Präsident Zine el Abidine Ben Ali beitrug, habe die Tür zum Wandel für alle geöffnet, sagte ein Demonstrant in Kairo. Auch in Ägypten forderten die Menschen die Auflösung des Parlaments, den Aufbau demokratischer Strukturen und bessere Löhne. Die Schulen und Behörden des Landes waren am Dienstag wegen eines Feiertages – dem „Fest der Polizei“ – geschlossen. Die Organisatoren hatten ihren Aufruf zur Demonstration vor allem via E-Mail und über das soziale Netzwerk Facebook verbreitet. Unter den Demonstranten waren Studenten, Parlamentarier, Anhänger der Muslimbruderschaft und Mitglieder der linken Protestgruppe „Kifaya“ („Genug“). Schwerpunkte der Aktionen waren Kairo, das Nildelta, Alexandria und die Sinai-Halbinsel. Innenminister Habib al-Adli hatte durchblicken lassen, dass die Polizei kurzen Prozess machen werde, falls Eigentum zerstört werde oder die Sicherheit gefährdet sei.

Angesichts der blutigen Proteste haben die USA Kairo zur Zurückhaltung aufgerufen. Das Weiße Haus erklärte, beide Seiten sollten keine Gewalt anwenden. Die Regierung solle auf Proteste friedlich antworten. Das ägyptische Volk habe das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Regierung solle den Bestrebungen des Volkes Rechnung tragen und politische, wirtschaftliche und soziale Reformen, die das Leben verbessern könnten, fortsetzen.