Dieter Graumann

Ein politischer Kopf mit einer Vorliebe für klare Worte

Foto: dapd

Generationenwechsel beim Zentralrat der Juden: Dieter Graumann ist der erste Präsident, der den Holocaust nicht selbst erlebt hat

Frankfurt/Main. Der Volkswirt und Kaufmann Dieter Graumann, 60, ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er wurde zum Nachfolger von Charlotte Knobloch, 78, gewählt. Sie hatte seit 2006 an der Spitze der Dachorganisation gestanden. Die Wahl Graumanns zum obersten Repräsentanten des deutschen Judentums markiert einen Generationenwechsel.

Erstmals in seiner Geschichte hat der Zentralrat einen Präsidenten, der die Ermordung der europäischen Juden während des Nationalsozialismus nicht selbst erlebt hat. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte, Graumann trete ein "überaus wichtiges und verantwortungsvolles Amt an". Der Zentralrat und seine Führungspersönlichkeiten hätten entscheidend dazu beigetragen, dass "jüdisches Leben in seiner Vielfalt wieder ein fester Bestandteil der Gesellschaft in Deutschland wurde". Graumann wurde 1950 in Ramat Gan in Israel geboren - in dem Jahr, in dem sich in Frankfurt am Main der Zentralrat der Juden gründete. Schon im Alter von eineinhalb Jahren kam Graumann mit seiner Familie nach Frankfurt.

Hier ging er zur Schule und studierte Volkswirtschaft. In London kam die Rechtswissenschaft hinzu. Promoviert wurde Graumann 1979 mit einer Arbeit über die Europäische Währungsunion: "Die Parallelwährung als europäische Integrationsalternative".

Dieter Graumann arbeitete mehrere Jahre bei der Deutschen Bundesbank, machte sich als Immobilienkaufmann selbstständig und verdient sein Geld mit einer Liegenschaftsverwaltung. Schon sein Vater, Flüchtling aus Nazi-Deutschland, hatte als Immobilienkaufmann gearbeitet. Graumann ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 2001 ist er Mitglied im Präsidium des Zentralrats, im Jahr 2006 wurde er einer der beiden Vizepräsidenten.

Graumann gilt als ein politischer Kopf mit einer Vorliebe für klare Worte. Nach seinem Amtsantritt als Vizepräsident schrieb die "Jüdische Allgemeine", er wolle beim Kampf gegen Antisemitismus, Islamismus und Rechtsradikalismus kein Blatt vor den Mund nehmen. Es sei ihm wichtig, positive jüdische Werte in den Vordergrund zu stellen, "sonst wissen wir nur noch, wogegen wir sind, aber nicht mehr, wofür".

Der Zentralrat hat Graumann immer wieder schwierige Aufgaben übertragen, so die Verhandlungen mit der Union progressiver Juden oder Gespräche mit der Bundesregierung über Zuwanderung. Entschieden setzt er sich für ein Verbot der rechtsextremen NPD ein. Der deutschen Wirtschaft machte er wegen "übereifriger Geschäfte" mit dem Iran schwere Vorwürfe. Zu seinen Aufgaben wird die Integration der Zuwanderer aus Osteuropa in die jüdischen Gemeinden gehören, wo sie einen Großteil der Mitglieder stellen.