Frei machen vom Trauma Holocaust

Junge Juden in Deutschland - die nächste Generation

Foto: www.oliverpolak.com / www.oliverpolak.com/Daniel Josefsohn

Ihre Vorfahren wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Trotzdem wollen sich junge Juden frei machen vom Trauma Holocaust.

Die Stimme aus dem Off kündigt ihn als den "einzigen lebenden jüdischen Komiker in Deutschland an", und dann steht Oliver Polak auch schon auf der Bühne und sagt: "Ich bin Jude, doch ihr müsst trotzdem nur klatschen, wenn es euch gefällt." Es ist die Premiere seiner "Jud süß sauer"-Show, der Berliner Quatsch Comedy Club ist ausverkauft.

Oliver Polak (33) kommt aus Papenburg in Niedersachsen. Sein Beruf: Komiker. Jüdischer Komiker. "Ihr fragt euch sicher: Juden dürfen wieder auftreten?", sagt der junge Mann im Trainingsanzug und schaut seine Zuschauer mit seinen braunen Augen herausfordernd an. Die Leute im Saal halten die Luft an. Hohoho. Noch etwas verschämt. Polaks Kulisse sind zwei riesengroße deutsche Schäferhunde aus Pappe mit leuchtendem Davidstern als Halskette.

Der Komiker macht weiter: "Weiß jemand, warum jüdische Männer beschnitten sind? Weil eine jüdische Frau nichts anfassen würde, was nicht mindestens um 20 Prozent reduziert wurde." Das Lachen kommt schon etwas befreiter. Vor allem bei den Jüngeren im Saal.

Polak provoziert sein Publikum, er spielt ganz bewusst mit der Scham vor dem Thema Holocaust, wenn er süffisant über Lokführer herzieht. "Liebe Lokführergewerkschaft", lästert er, "hättet ihr vor 70 Jahren gestreikt, hättet ihr uns jede Menge Probleme erspart."

Darf man Witze über den Holocaust machen? "Ich darf das", findet Polak, "ich bin Jude." Er gehört zu einer neuen Generation von jungen Juden in Deutschland. Genauso wie Vertriebsmanagerin Netta Emanuel (31), Jurastudent Daniel Zylberberg (31) und Doktorand David Tichbi (28) aus Hamburg.

Den Holocaust kennen sie nur aus Erzählungen. Ihre Familien leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Sie haben einen deutschen Pass, sind religiös erzogen worden. Und doch wollen sie jetzt mit der Rolle ihrer Großeltern- und Elterngeneration brechen und das Judentum in Deutschland neu erfinden.

Dass Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden zurücktritt, reicht ihnen nicht. Das sei kein Generationswechsel. Dieter Graumann, der wohl neuer Zentralratschef wird, erlebte im Gegensatz zur 77-jährigen Knobloch zwar den Holocaust nicht mit. Doch die junge Generation hat Zweifel, ob der 1950 geborene Graumann für inhaltliche Veränderungen steht.

Sie wollen ein positives Bild des Judentums. Sie werfen der Generation Knobloch und Graumann vor, für das Miesepeter-Image der Juden in Deutschland verantwortlich zu sein. Jude zu sein, das bedeutet für sie nicht, religiös zu sein. Es ist Teil ihrer Identität. In ihrer Wahrnehmung rückt der Holocaust in den Hintergrund, auch der Israel-Bezug. Sie wollen Teil der Gesellschaft sein, ihre Gemeinden öffnen und sich den Herausforderungen der Zukunft stellen.

Und das, obwohl sie seit ihrer Geburt irgendwie anders waren. Zu Weihnachten fühlten sie sich als Außenseiter, weil sie Jesu Geburt nicht feiern. David wurde von Klassenkameraden mit Juden-Witzen veräppelt. Im Kindergarten fiel Daniel seinen Alterskameraden auf, weil er beschnitten ist. Netta war auf ihrer Schule die einzige Jüdin. Wenn das Thema Holocaust in der Schule behandelt wurde, hatte sie das Gefühl, alle Augen seien auf sie gerichtet. In anderen Ländern, Amerika oder Frankreich etwa, gebe es viel mehr jüdisches Leben, beklagt sie. "Wenn ich hier erzähle, dass ich Jüdin bin, komme ich mir wie ein Museumsstück vor."

Bei Komiker Oliver Polak war es ähnlich: Sein Vater, seine Mutter und er waren die einzigen Juden in Papenburg, Polak bezeichnet sich selbst sarkastisch als "Mahnmal - the next generation". Es gebe Leute in Deutschland, die hätten noch nie einen Juden gesehen. "Wir sind ein bisschen wie Pandabären, es gibt hier nicht mehr so viele von uns", ätzt er von der Bühne herunter.

Was bedeutet es heute, Jude in Deutschland zu sein? In einem Land, in dem sich die vielen verschiedenen Strömungen des Judentums zeigen - von orthodox über liberal bis antireligiös. Es ist nicht der Glaube, über den sich viele junge Juden definieren. "Ich bin jüdisch, das ist Teil meiner Identität", sagt Polak. "Aber genauso bin ich auch Papenburger, Berliner. Mein Leben ist nicht so, dass ich jeden Morgen an mir runtergucke und sage: Oh, da ist es ja kalt. Ich bin Jude, die Vorhaut fehlt." Auch David Tichbi sagt: "Die Religion spielt in meinem Alltag keine wesentliche Rolle. Sie ist Teil meiner Identität, aber sie füllt sie nicht aus."

Orthodox sind Oliver, Netta, Daniel und David nicht. In die Synagoge an der Hohen Weide gehen sie nicht so oft. Aber das Pessach-Fest feiern sie alle. "Tradition ist etwas Schönes", sagt Netta. Sie ist damit aufgewachsen. Wenn sie mal Kinder hat, möchte sie ihnen die jüdischen Traditionen weitergeben.

Zur Identität der jungen Generation gehört auch, dass das Thema Holocaust nicht mehr zentral ist. Der Zentralrat der Juden habe sich überwiegend mit seiner Rolle als Wächter über den richtigen Umgang mit der Nazi-Vergangenheit beschäftigt, kritisieren sie. "Aber das ist nur ein Aspekt", sagt David Tichbi. "Es ist nicht das Hauptsächliche. Dieses Bild muss verändert werden. Der Zentralrat soll nicht nur Moralapostel sein, sondern Teil der Gesellschaft." Das sagt einer, dessen Großvater das Warschauer Ghetto überlebte und dessen Großmutter nach dem Krieg nie wieder in einen Zug steigen konnte, weil sie von den Nazis in einen Eisenwaggon gepfercht und verschleppt worden war.

"Gerade als junger jüdischer Mensch bin ich nicht zufrieden mit der Arbeit des Zentralrats. Ich kann mich in großen Teilen nicht damit identifizieren", sagt David. Daniel Zylberberg findet: "Das Judentum wird mit negativen Inhalten verbunden wie dem Holocaust, der Frage der Schuld." Das will er ändern.

Komiker Oliver Polak lästert, dass er am liebsten selbst für den Zentralrat der Juden kandidieren würde. "Aber ich kann das nicht, ich kriege die Mundwinkel nicht weit genug runter." Wenn er nicht auf der Bühne steht und über den Holocaust spricht, dann ist er nicht mehr so lustig. Sein Vater war im KZ, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg als einziger Jude überhaupt nach Papenburg zurück. Viele Verwandte starben in den Konzentrationslagern. "Natürlich spürt und teilt man das, schon als Kind", sagt Polak. "Man trägt eine tiefe Traurigkeit mit und in sich." Aber auch Polak sagt: "Man sollte das Hier und Jetzt allerdings nicht aus den Augenwinkeln verlieren." In seiner Show bietet er seinem Publikum einen Deal an: "Ich vergesse diese blöde Geschichte mit dem Holocaust, und ihr verzeiht uns Michel Friedman."

Aber was ist das Zukunftsprogramm? Ein positiveres Bild des Judentums in Deutschland wollen sie alle. Und wie schafft man das? "Indem man den Leuten sagt und zeigt, was das Judentum überhaupt ist. Die Aufgabe ist es, als Teil der Gesellschaft aktiv zu sein und religiöse und kulturelle Veranstaltungen zu machen", sagt David. Und Daniel ergänzt: "Jetzt ist es an der Zeit, nach außen zu zeigen: Guckt Leute, wir feiern unsere Feste auf der Straße, ihr seid eingeladen. Wir wollen uns nicht isolieren, sondern ein Teil der Gesellschaft sein." Vor zweieinhalb Jahren haben sich David und Daniel für Wahlen in der jüdischen Gemeinde Hamburg aufstellen lassen. David ist Mitglied im fünfköpfigen Vorstand der Gemeinde, Daniel Beiratsvorsitzender. Beide sagen, sie seien damals gewählt worden, weil sich die ganze Gemeinde einen Umbruch erhofft.

Seitdem organisieren David und Daniel Diskussionsveranstaltungen mit Vertretern anderer Religionen. In der jüdischen Gemeinde finden vermehrt Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen statt, die Gottesdienste werden häufiger von Nichtjuden besucht. Und im Grindel- Viertel, wo das jüdische Gemeindezentrum und die Talmud-Thora-Schule stehen, zeigt sich jüdisches Leben wieder selbstbewusster.

"Wenn der Zentralrat mehr Publicity für das Judentum in Deutschland machen würde, dann würden die Leute besser wissen, wer Juden sind", sagt Netta.

Als Repräsentanten des Staates Israel fühlen sich die jungen Juden in Deutschland nicht. Daniel hat es satt, sich zum Nahost-Konflikt anhören zu müssen: Was macht ihr da unten? "Ich bin 1978 in Deutschland geboren, habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft, habe keinen Politiker in Israel gewählt. Warum kommen die Leute auf mich zu?" Die junge Generation möchte Distanz zum Staat Israel, auch wenn er der Zufluchtsort von Juden aus aller Welt ist. "Mir ist es wichtig, dass die Menschen das Judentum nicht automatisch mit Israel gleichsetzen", sagt David.

Netta findet, dass ihre Generation den jüdischen Humor wiederentdecken soll. Der ist bitter, böse - und selbstironisch. Komiker Oliver Polak sagt, dass sich sein Humor in erster Linie gegen sich selbst richtet, "ob ich jüdisch bin oder nicht". Sein Ziel? Mit seinem Song "Kommt, lasst uns alle Juden sein!" beim Eurovision Song Contest für Deutschland auftreten - das wäre schon was, frotzelt er. Oder mal im Berliner Olympiastadion eine Show machen, dort, wo 1936 im Hitler-Deutschland die Olympischen Spiele stattfanden. "Das würde man dann Ironie der Geschichte nennen."