Gründer von WikiLeaks

Julian Assange offenbar in England - Haftbefehl inkorrekt

Die "Times" berichtet, die britische Polizei hätte WikiLeaks-Gründer Julian Assange nicht festnehmen können - wegen eines Fehlers.

Berlin/Washington/London. Julian Assange, der Gründer des Enthüllungsportals WikiLeaks, der wegen Vergewaltigungsvorwürfen von Interpol gesucht wird, ist einem Zeitungsbericht zufolge nur wegen eines inkorrekten Haftbefehls einer Festnahme in Großbritannien entgangen. Die britische Polizei habe gewusst, wo sich der Australier aufhalte, berichtete am Donnerstag "The Times“. Die Beamten hätten aber nicht zugreifen können, weil der von den schwedischen Behörden ausgefüllte Haftbefehl nicht korrekt gewesen sei. "Es ist kein ordentlicher Haftbefehl, wir können auf seiner Grundlage nicht handeln“, zitierte die Zeitung aus Polizeikreisen.

Dem Bericht zufolge wird Assange im Südosten Englands vermutet. Sein Anwalt Mark Stephens sagte der "Times“, die Behörden wüssten den genauen Aufenthaltsort. Die internationale Polizeiorganisation Interpol hatte Assange wegen der gegen ihn in Schweden erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe in der Nacht zum Mittwoch auf die Fahndungsliste gesetzt. Der Wikileaks-Gründer wurde seit Beginn der Veröffentlichung von 250.000 Dokumenten des US-Außenministeriums durch die Internetplattform am Sonntag nicht in der Öffentlichkeit gesehen.

Lesen Sie auch: Interpol jagt den Enthüller Julian Assange - Wer noch?

Der Mann ist der Welt ein Rätsel: Der Gründer von WikiLeaks, Julian Assange, bewegt sich auf der Bühne der Weltöffentlichkeit. Er zeigt sich aber nicht. Sein WikiLeaks-Projekt will die Welt verbessern. Im privaten Leben muss sich der 39-jährige Australier wegen Vergewaltigung verantworten. Aber ist das noch privat in Zeiten allgegenwärtiger Enthüllungen? Während seine Internetplattform Transparenz verheißt, treiben Verschwörungstheorien bizarre Blüten. Der Mann ist ein Getriebener. „Seit April haben wir keine Ruhe gehabt“, sagt er in einem Interview des US-Magazins „Forbes“, veröffentlicht in dieser Woche. Er sagt es laut „Forbes“ mit einer rauen Baritonstimme, und er seufzt dabei.

Ein rauer Ton muss auch in den eigenen Reihen geherrscht haben, glaubt man den Informationen, die nach dem Ausscheiden des ehemaligen WikiLeaks-Sprechers Daniel Domscheit-Berg bekannt wurden. So soll sich Assange gegenüber einem isländischen Studenten als Diktator geriert und gesagt haben: „Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, Theoretiker, Sprecher, erster Programmierer, Organisator, Finanzier und alles Übrige. Wenn du ein Problem mit mir hast, verpiss Dich.“

Assange gilt als „brillant, aber sehr speziell“

Domscheit-Berg, der Mitte Dezember eine WikiLeaks-Alternative starten will, charakterisierte Assange demnach als „eine wirklich brillante Persönlichkeit, und er hat viele sehr, sehr spezielle Talente“ . Bereits als Jugendlicher beschäftigte sich Assange mit Computern und stöberte in Online-Netzwerken herum. Damals zog er mehrfach in Australien um, seine Eltern betrieben ein Wandertheater. Im Alter von 24 Jahren geriet Assange erstmals in Konflikt mit den Behörden, die ihm und einigen seiner Hacker-Freunde den Einbruch in geschützte Netzwerke vorwarfen.

Brisantes YouTube-Video befeuert Verschwörungstheorien

Rund zehn Jahre später, 2006, gründete Assange mit einigen Freunden WikiLeaks als Plattform für Enthüllungen im Internet. Hier sollten anonym eingeschickte Dokumente fragwürdige Zustände offenlegen. Schon lange vor WikiLeaks war dieses Whistleblower- Konzept von Einzelpersonen und unterschiedlichen Initiativen als Mittel zur Förderung demokratischer Transparenz gefördert worden. Mit der Veröffentlichung einer internen Video-Dokumentation der US-Streitkräfte zu einem Luftangriff auf Zivilpersonen im Irak gerieten Assange und WikiLeaks in diesem April international in die Schlagzeilen.

Seitdem lebt Assange aus dem Koffer und übernachtet oft konspirativ bei Freunden und Bekannten. Er glaubt, dass er sich im Visier von Geheimdiensten befindet. Erst am Mittwoch verbreitete Wikileaks einen Link zur YouTube-Aufnahme einer Fernsehsendung, in der ein kanadischer Regierungsbeamter sagt, dass er „nicht unglücklich“ wäre, „wenn Assange verschwindet“. Auch hinter den Ermittlungen der schwedischen Justiz wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung von zwei Frauen sieht Assange ein Komplott der US-Regierung.

Gesucht: Assange, Julian Paul

Jetzt hat Interpol eine „Red Notice“, eine Art Steckbrief, veröffentlicht: „Wanted Assange, Julian Paul“. Assanges schwedischer Anwalt Björn Hurtig hat angeboten, dass sein Mandant über Telefon, Videolink oder andere Kommunikationswege vom Ausland aus zu den Vorwürfen vernommen werden könnte. Die schwedische Justiz besteht aber auf seiner persönlichen Anwesenheit. Als ob es nicht schon genug offene Fragen gäbe, werden im Netz Verschwörungstheorien laut, wonach die jüngsten WikiLeaks- Enthüllungen ein gewaltiges Propaganda-Komplott der USA sein sollen. Die darin versteckten Botschaften, so eine der Verschwörungstheorien, seien besonders glaubwürdig, wenn sie von einem erklärten Gegner der US-Regierung verbreitet würden. Von einem unbekanntem Ort aus meldete sich Assange am Dienstag beim „Time Magazine“ zu Wort – über Skype, dessen Internet-Telefonate als besonders abhörsicher gelten. Dabei forderte er den Rücktritt von US-Außenministerin Hillary Clinton, wenn sich herausstellen sollte, dass sie US-Diplomaten zur Spionage bei den Vereinten Nationen aufgerufen haben sollte.

Furcht vor einem Putsch in Pakistan

Unterdessen wurden weitere Einzelheiten aus den rund 250.000 zum Teil geheimen Dokumenten bekannt. Demnach sind westliche Regierungen sehr besorgt darüber, dass das Atommaterial Pakistans in die Hände militanter Islamisten fallen könnte. Die Amerikaner sind zudem skeptisch, dass die Regierung in Islamabad ihre Beziehungen zu den in Afghanistan kämpfenden Gruppierungen der Taliban ganz abbricht.

Die Nachrichten zeigen deutlich die heimlichen Sorgen der Amerikaner angesichts einer schwachen und unpopulären Zivilregierung. Der Heereschef des Landes wird hingegen als wichtiger Akteur hinter den Kulissen eingestuft, der auch schon darüber nachgedacht haben soll, Präsident Asif Ali Zardari zu stürzen. Dieser wiederum äußerte die Befürchtung, dass das Militär ihn absetzen könnte.

In einer Depesche vom 4. Februar 2009 schrieb die damalige US-Botschafterin Anne Patterson, „unsere große Sorge ist nicht, dass ein militanter Islamist eine ganze Waffe (Atombombe) stiehlt, sondern dass einer, der in der (pakistanischen) Regierungseinrichtung arbeitet, nach und nach genug Material herausschmuggelt, um daraus eine Waffe zu bauen.“ Die britische Zeitung „Guardian“ berichtete, russische und britische Diplomaten hätten sich ähnlich geäußert.

China blockiert WikiLeaks

In China ist die Website der Enthüllungsplattform geblockt worden. Weder die Seiten wikileaks.org noch cablegate.wikileaks.org konnten am Mittwoch aufgerufen werden. Grund sind offenbar Inhalte der von Wikileaks veröffentlichten amerikanischen Diplomaten-Depeschen, in denen es unter anderem um Pekings Verbündeten Nordkorea geht. In den Dokumenten wird angedeutet, dass das kommunistische Regime in Pjöngjang vermutlich binnen drei Jahren nach dem Tod von Staatschef Kim Jong-il zusammenbricht. Chinesische Politiker seien bereit, eine mögliche südkoreanische Herrschaft über die gesamte Halbinsel zu akzeptieren. In einer Depesche wird ein chinesischer Diplomat mit den Worten zitiert, Nordkorea sei wie ein „verzogenes Kind“, weil es mit einem provozierenden Raketentest die Aufmerksamkeit der USA zu gewinnen versuche.

USA diskutieren über Umgang mit Whistleblowern

Die Veröffentlichungen von WikiLeaks haben in Washington offenbar zu einem Umdenken in Bezug auf den Umgang mit sogenannten Whistleblowern (Geheiminformanten) geführt. Bislang drohen den Geheimnisträgern selbst dann Degradierung und Kündigung, wenn sie Vorgesetzte innerhalb ihrer eigenen Organisation über Missstände informieren, die als geheim eingestufte Bereiche berühren. Diese Hinweisgeber sollen nun besser geschützt werden – offenbar in der Hoffnung, dass sie sich statt an WikiLeaks an ihre Chefs wenden.

Pikant: Sarkozy litt an der Scheidung von Cecilia

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy war nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Cécilia WikiLeaks zufolge empfindlich und unausgeglichen. „Die jüngste Scheidung Sarkozys wirft Fragen nach seiner Fähigkeit auf, sein Gleichgewicht und seine Konzentration zu behalten“, zitierte die britische Zeitung „Guardian“ aus einem Telegramm der US-Botschaft in Paris vom Oktober 2007. Sarkozy habe zudem immer von seiner „Abhängigkeit von Cécilia“ gesprochen, heißt es darin.

Bereits während der Trennung des Paares im Jahr 2005 sei Sarkozy „äußerst empfindlich und finsterer Laune“ gewesen. Am Tag nach der öffentlichen Verkündung der Scheidung sei er in genau demselben Zustand gewesen, zitierte die Zeitung aus dem Dokument. „Wir rechnen aber damit, dass er sich wieder erholt.“ Sarkozy hatte wenige Monate nach der Scheidung das frühere Model Carla Bruni geheiratet. Mit der Sängerin ist er auch heute noch verheiratet.