Ex-Bundespräsident

Horst Köhler taucht langsam wieder auf – in Afrika

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Frank Rafalski

Foto: dpa / dpa/DPA

Über die Gründe seines Rücktritts schweigt er weiter. Doch Horst Köhler traf sich mit Nachfolger Christian Wulff zu einem Geheim-Gespräch.

Berlin. Es war der spektakulärste Präsidenten-Rücktritt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seit einem Jahr schweigt Horst Köhler eisern zu den Gründen. Aber Mitte Juni ist es wieder so weit. Horst Köhler startet zur ersten Afrika-Reise seit seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten vor einem Jahr. Zwei Wochen lang wird er in Tansania, Uganda, Ruanda und Äthiopien unterwegs sein. Das Engagement für Afrika war Köhlers ganz besonderes Anliegen seiner sechsjährigen Amtszeit.

Darüber redet aber heute kaum jemand mehr. Der spektakuläre Abgang am 31. Mai 2010 stellte Köhlers Leistungen als Bundespräsident in den Schatten. Es war ein politischer Paukenschlag, für Außenstehende völlig unerwartet. Und bis heute fragt sich das politische Berlin: Warum ist Köhler eigentlich zurückgetreten?

Ausgangspunkt war eine journalistische Routine-Tat. Auf dem Rückflug von einem Soldaten-Besuch in Afghanistan spricht Köhler in das Mikrofon eines mitreisenden Rundfunk-Reporters. Es geht um die Rolle der Bundeswehr am Hindukusch und anderswo in der Welt in Verbindung mit der Sicherung freier Handelswege. Die Präsidenten-Worte klingen in den Ohren des Journalisten nicht spektakulär.

Erst Tage später, das Interview ist längst ausgestrahlt, bricht der Sturm los. Der Bundespräsident habe „Wirtschaftskriegen“ das Wort geredet, er müsse seine Aussagen zurücknehmen, melden sich zunächst Hörer und dann Oppositionspolitiker zu Wort. Der mediale Druck nimmt zu. Auch aus der Union gibt es kritische Stimmen. Köhler äußert sich zunächst nicht.

Erst Tage später lädt er kurzfristig die Medien zu einer Erklärung ins Schloss Bellevue, tritt mit seiner Frau Eva an der Hand vor die Kameras und überrascht alle: „Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten – mit sofortiger Wirkung.“ Bis heute wird gerätselt, was die tieferen Gründe dieses Schrittes waren. Köhler habe sich geärgert, dass ihn Kanzlerin Angela Merkel nicht öffentlich unterstützt habe. Und das, obwohl sie ihn zuvor angeblich zu einer zweiten Amtszeit gedrängt hatte, lautete eine Lesart.

Köhler sei mit seiner Distanz zur politischen Klasse in Berlin zunehmend vereinsamt im Schloss Bellevue, habe keine Leitthemen mehr für seine restliche Amtszeit gehabt, glaubten andere. Köhler selbst hat nach Amtsantritt seines Nachfolgers ein ausführliches Spaziergang-Gespräch mit Christian Wulff im Garten von Schloss Bellevue geführt. Über den Inhalt haben beide nie gesprochen. Inzwischen ist das Thema Zeitgeschichte – aber eine noch nicht zu Ende geschriebene. Köhler tritt jetzt wieder öfter in der Öffentlichkeit auf. Zusammen mit den Welt-Ökonomen Paul Volcker und Michel Camdessus hat der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds Vorschläge zur Neuordnung des Weltfinanzsystems ausgearbeitet. Er ist weiterhin ein gefragter Experte.

Gemeinsam mit seiner Frau Eva Luise lebt er in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Manchmal wird Köhler beim Italiener um die Ecke gesichtet – ganz der Bürger-Präsident, als der er gerne gesehen wurde, ein Gegenmodell zum etablierten Karriere-Politiker. „Ich habe meine Entscheidung nie bereut“, ließ sich Köhler kürzlich einen Satz zu seinem Rücktritt entlocken. Und bei einer Reise zu seinem Geburtsort in Polen sagte er vor einigen Tagen auf die Frage einer Schülerin: „Ich fand einfach, man hat dem Amt des Bundespräsidenten, in diesem Fall durch mich ausgeübt, zu wenig Respekt gegeben. Das war für mich ein nicht akzeptables Maß an Unwahrhaftigkeit.“

Ob er nach Ablauf des ersten Jahres nach seinem Rücktritt vielleicht doch die Zeit gekommen sieht, sich etwas genauer dazu zu äußern? Köhler-Kenner schließen das nicht aus. Bedauern oder gar Selbstzweifel dürften dann aber nicht dabei sein. „Ich triumphiere über diese Entscheidung nicht. Aber so, wie ich mich kenne, würde ich sie wieder so treffen in vergleichbaren Situationen“, sagte der ehemalige „Bürgerpräsident“ in Polen.

Er gehörte zu den beliebtesten Staatsoberhäuptern der Republik. Wo er jetzt auftritt im Land – ob in Tübingen, wo er eine Gastprofessur hat – oder in der Heimatstadt seiner Frau Ludwigsburg, wo ihm kürzlich die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde – schlägt ihm nach wie vor große Sympathie entgegen. (dpa)