Vor 150 Jahren

Geister, Hirnverbrannte und ein vehementer Friseurbesuch

Lesedauer: 4 Minuten
Wiebke Schwirten

Manche Geschichten sind kaum zu glauben, die sich 1870 im „Vermischten“ finden. Da gibt es immer wieder etwas zu Schmunzeln.

Lauenburg. Was heute die bunten Blätter berichten und auch die aktuelle Lauenburgische Landeszeitung auf ihrer Seite „Aus aller Welt“, das war damals in der Allgemeinen Lauenburgischen Landeszeitung von 1870 die Rubrik „Vermischtes“. Hier gesellte sich so manches Kuriose zu Witzigem, manches aus der Region, anderes aus aller Welt. Ob es alles so seine Richtigkeit hatte? Wer weiß. Unterhaltsam war es allemal.

Verblüffend liest sich etwa diese Meldung in der ersten Zeitungsausgabe vom 1. Oktober 1870: „Unvergleichliche Beinamen führen im Gegensatz zu den einfachen Titulaturen der gegenwärtig regirenden europäischen Monarchen die Fürsten des Morgenlandes. Der Schah von Persien heißt unter anderen: „Zweig der Ehre“, „Spiegel der Tugend“ und „Rose der Wonnen“. Der König von Arrakan führt den Titel „Besitzer des weißen Elephanten und der zwei Ohrringe“; der König von Ava nennt sich „Bruder der Sonne und König der 24 Regenschirme“; der Fürst von Monomotapa endlich heißt kurzweg „der große Dieb“.“

Tische rücken und Klingeln schellen wie von Geisterhand

Fragwürdiges wird in einer bunten Geschichte aufgeklärt, die überschrieben ist mit „Geister-Fabrikation“. Da hat nämlich ein Fabrikant von physikalischen Instrumenten Konstrukte ersonnen, die per Knopfdruck wie von Geisterhand Tische rücken, Klingeln schellen und Klopfgeister zum Leben erweckt hätten. Doch die Zeitung rügt: „ Derartige Spielereien mögen für den Eingeweihten recht hübsch und amüsant sein, aber der Uneingeweihte kommt oft nicht allein mit dem bloßen Schreck fort, sondern kann die nachtheiligen Folgen für seine Gesundheit von einem solchen Erschrecken haben.

Kurios und gleichzeitig vom Schreiber kritisch kommentiert, lesen sich folgende Zeilen: „Ein Culturbild ist ein Inserat in der Zeitung in Passau. Marie Einhellig bittet die Emilie Pulko um Verzeihung wegen Verleumdung. Sie, die Marie, habe sich mit Hülfe des Richters und Advokaten überzeugt, daß die Emilie ihr weder das Wasser im Brunnen, noch die Milch in der Kuh verhext und verzaubert habe. Dieses Geständnis ist sicher recht brav von der Marie. Daß man aber im Passau Richter und Advokaten dazu braucht, um sich zu überzeugen, daß Wasser und Milch nicht verhext worden sind, das ist ein finsterer Schlagschatten, der auf der schönen Gegend ruht.“

Hirnverbrannte aber durchaus achtbare Damen

Nach Amerika geht der Blick bei folgender Meldung, die nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen der Wortwahl die Damen betreffend verblüfft. Sie ist mit „Unausführbar“ überschrieben: „Ein Klub hirnverbrannter, aber durchaus achtbarer Damen in Chicago hatte sich die Aufgabe gestellt, junge Leute aus anständigen Familien, welche während der Nacht betrunken auf der Straße gefunden würden, aufzunehmen, sie durch Sodawasser, Eis etc. zu restauriren und nach der Entnüchterung mit freundlicher Ermahnung nach Hause zu schicken. In der ersten Nacht wurden sieben dieser „Unglücklichen“ samaritanisch behandelt, in der zweiten Nacht lag die halbe Jugend Chicagos betrunken auf der Straße, und die schöne Idee blieb wegen der Menge der Bewerber unausführbar.

Der erfundene Füsilier Kutschke, der Unterschied zwischen Damen und Frauen, ein Wort zur Meinungsfreiheit, höchst unterschiedliche Gesuche um Kanonen und ein vehementer Besuch beim „Barbier von Nancy“, bei dem die Ohren in akuter Gefahr sind – auch von diesen „vermischten“ Geschichten erzählt der neue Podcast. Hören Sie in die kurzweilige, neue Folge gern hinein.

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