Vor 150 Jahren

Wo das Fremdwort „Madame“ einen Silbergroschen kostete

Lesedauer: 5 Minuten
Podcast "Vor 150 Jahren".

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Oft wird kritisiert, dass in der deutschen Sprache zu viele Fremdwörter genutzt werden. Das war auch schon vor 150 Jahren ein Thema.

Lauenburg.  In der dritten Podcast-Folge zum Jubiläum „150 Jahre Lauenburgische Landeszeitung“ wird es exotisch, sprachlich und thematisch, von Französisch bis Platt, von Fremdwörtern bis zum Nordlicht.

„Der verhunzten deutschen Sprache wieder zu Ansehen verhelfen“

Häufig wird heutzutage kritisiert, dass zu viele englische Wörter verwendet werden, Deutsch zu „Denglisch“ verkomme. Schon vor 150 Jahren war das ein Thema. Die Redaktion der Allgemeinen Lauenburgischen Landeszeitung machte sich 1870 Gedanken über die „Deutschen Sprachverunreinigung“ wie folgender Artikelauszug zeigt:

„Es giebt wol kaum eine Sprache auf der Erde, welche in so hohem Grade wie die deutsche durch Einrangirung fremder Worte ihre volle Selbstständigkeit geschädigt hat. Wir bedienen uns der französischen, englischen, türkischen, griechischen, lateinischen Sprache in einer Unmasse von Fällen, und könnten uns ebenso gut und meistens auch ebenso kurz in unserer eigenen Sprache ausdrücken. Namentlich die lateinische Sprache, eine solche, die obendrein von keinem Volke gesprochen wird, spielt in den Gesetzen, Gerichtsverhandlungen, Erlassen u.s.w. eine Rolle, die dem gemeinen Manne oft ein Verständniß unmöglich macht. Während auch wiederum jemand, der sich die Mühe machen würde, wirklich rein deutsch zu sprechen, heutzutage von Niemand verstanden würde; ja die Menge der fremden Ausdrücke, in denen sich Einer bewegt, zeigt den Grad der Bildung an, die man einem Deutschen zutraut. Nur in Österreich scheint man sich nach einigen uns zu Gesicht gekommenen Aktenstücken dieser Unsitte zu schämen. Und es ist uns aus eigener Beobachtung bekannt, daß namentlich die dortigen Schullehrer Alles aufbieten, bei ihren Schülern sowohl als auch bei sonst passenden Gelegenheiten der verhunzten deutschen Sprache wieder zu Ansehen zu verhelfen.“

„Den Gebrauch jedes Fremdwortes zu strafen“

Eine Notiz, ein paar Ausgaben später, passt zu diesem Thema. Sie ist mit „Fremdwörtermaßregelung“ überschrieben und liest sich so:

„Mehrere Berliner Damen, die wöchentlich dreimal zusammenkommen, um Charpie zu zupfen und Verbandzeug zu fertigen, haben sich das Wort gegeben, den Gebrauch jedes Fremdwortes mit der Zahlung eines Silbergroschens für die Verwundeten zu strafen. Gleich bei der ersten Sitzung kamen drei Taler zusammen, zu denen das fatale Wort „Madame“ nicht wenig beigesteuert hat. Die zweite Sitzung verlief sehr schweigsam, und es ist im Interesse der Verwundeten zu fürchten, dass eine Baisse eintreten und der Strafpreis auf einen Sechser herabgedrückt werden wird.“

Dieser kleine Bericht lässt schmunzeln, denn der Verfasser konnte selbst nicht von fremden Wörtern lassen: Charpie ist hergeleitet von dem Lateinischen carpere ‚zupfen’, ‚pflücken’ und das französische Baisse heißt so viel wie „Senkung“.

Das exotische Nordlicht mit seiner „Röthe“ am Himmel

So exotisch wie manche Fremdwörter wirkt 1870 ein Phänomen, mit dem sich die Zeitung häufiger befasst: das Nordlicht. Dabei schauen die Redakteure von Andalusien bis Lauenburg und geben auch eine Episode in ganz besonderer Sprache wieder – es hört sich an wie Plattdeutsch.

In Lauenburg soll am 24. Oktober 1870 ein Nordlicht zu sehen gewesen sein. So heißt es in der Ausgabe vom 25. Oktober:

„Gestern Abend war hier ein Nordlicht sichtbar. Gegen 9 Uhr war der ganze nördliche und nordöstliche Himmel roth, um halb 10 entstand eine Scheidung der Röthe nach rechts und links, welche um 10 nur noch in Nordost sichtbar war und dann verschwand.“

„Dat is een Nurdlich“

Zur Erklärung eines Nordlichts auf der Insel Rügen schnackt sogar „een op Platt“, also jedenfalls liest es sich ein bisschen so. Das fragt ein Siebenjähriger seinen Vater: „Vadding, kiek eens, wat is dat?“ Und der Vater antwortet: „Myn Sähn, dat is een Nurdlicht. Sühst du den hellen Bagen woll un wur dat darunner düster is, un wur de Strahlen ummer to Höchten scheeten?“

Nun, der Sohn sieht das Licht wohl, doch er will wissen, was es damit auf sich hat. Und da holt der Vater ordentlich aus, greift in die Flunkerkiste und erzählt von der Achse, auf der die Welt sich dreht und von Riesen, die zum Reparieren kommen müssen, wenn etwas dort entzwei geht. Pfeifen haben die „as een Kirchthorm groot“, die Pfeifenrohre glatt noch fünfmal länger. Und schmieden können diese Riesen, oh Mannomann.

Wer die hübsche „Erklärung“ gern hören möchte, klickt am besten einmal in den aktuellen Podcast hinein. Und wer es lieber Hochdeutsch mag: Eine kleine „Übersetzung“ wird mitgeliefert.

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