Vor 150 Jahren

Krieg mit Mini-Soldaten und sehr heißen Tagen vor Paris

1870 wird auf Schlachtfeldern gekämpft, es wird getrauert und gefeiert und es werden Erlebnisse erzählt, die nie zu vergessen sind.

Lauenburg.  Das Jahr, in dem die Allgemeine Lauenburgische Landeszeitung geboren wurde, ist auch das Jahr, in dem der deutsch-französische Krieg begann. Und so ist die gesamte Berichterstattung von dem Thema geprägt. Manche Meldungen streifen es nur am Rande, andere beschäftigen sich sehr intensiv damit. Mal auf ernste, mal auf launige Art und Weise.

100 Franzosen und ein Jägerposten von 30 Mann

Vieles dreht sich um die „große Politik“, manches aber auch direkt mit dem Lauenburgischen. So wie folgende Meldung vom 11. Oktober : „Wie uns aus dem Briefe eines vor Metz stehenden Lauenburgers mitgetheilt wird, war unser Jägerbataillon in dem Gefechte am 7. mit betheiligt. Schon vor Beginn desselben versuchte eine Abtheilung von etwa 100 Mann Franzosen einen Jägerposten von 30 Mann auf Schleichwegen zu erreichen, um denselben aufzuheben. Unsere 30 Lauenburger hatten das aber entdeckt, es wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen und als die vier Franzosen ziemlich nahe herangekommen, dieselben mit einer Gewehrsalve empfangen, worauf sie eiligst die Flucht nahmen.

Eine eher kuriose Geschichte von der Front wird am 22. Oktober veröffentlicht, in der ein Soldat von einem Jungen erzählt: „Er war vollständig equipirt mit Uniform, Tornister und Säbel, nur kein Zündnadelgewehr; der kleine Kerl hätte es auch nicht einmal aufheben können. Er war nur 9 Jahre alt und nicht groß für sein Alter. Er hielt mich an und frug mich in dem geschäftsmäßigsten Tone von der Welt, ob ich ihn nach dem Büro des Stadtkommandanten verweisen könne?“ Das Kind erklärt, es gehöre zum 61. pommerschen Regiment und er wünsche Quartier. Letztlich nimmt der erwachsene Soldat den Jungen mit auf sein Pferd und reitet mit ihm ins Hauptquartier.

Ein „äußerst bewegtes Treiben“ in Lauenburg

Am 1. November geht es wieder direkt nach Lauenburg: „Die Siegesfeier der Capitulation von Metz rief in unserer Stadt am Sonnabendabend ein äußerst bewegtes Treiben hervor. Von 7 Uhr an bis nach 10 Uhr wogte es in der Elbstraße auf und ab und die froh erregten Gesichter bekundeten die Theilnahme, welche Alle an dem wichtigen Ereigniß nahmen. Die Illumination war für unsere Verhältnisse sehr befriedigend zu nennen; in einem Schaufenster an der Ecke des Marktes war die Büste des Königs Wilhelm aufgestellt, und an Abwechslung durch hie und da auftauchende Beleuchtung bengalischer Flammen fehlte es nicht.“

Am 15. Dezember klingen die Zeilen weniger euphorisch. Berichtet wird ausführlich über Verwundete und Gefallene bei den Kämpfen bei Orleans Anfang Dezember, und dass „wieder manche Familien sowohl aus hiesiger als auch aus den uns benachbarten Gegenden in Trauer versetzt werden dürften.“

Gewehrfeuer wie Theaterhagel und das Rollen der Mitrailleusen

In seltsam schöner Art berichtet auf der Titelseite am 2. Dezember ein Soldat im „Feuilleton“ selbst von den Kämpfen um Paris. „Das waren, das sind wieder entsetzlich heiße, blutige Tage vor Paris; jetzt, wo man glaubte, die Kraft der Pariser sei durch alle früheren Niederlagen, durch Hunger und Demoralisation und durch die langsam gährende Revolution innerhalb der Stadtmauern für immer gebrochen. Jetzt machen sie Tag für Tag die heftigsten Ausfälle und schlagen sich mit der Bravour der Verzweiflung und dem Mute eines verwundeten Löwen.

Der Soldat beschreibt später, wie ihn das nahe Gewehrfeuer an Theaterhagel erinnert und das Rollen der Mitrailleusen (die ersten Schnellfeuer-Schusswaffen), sei „ als wenn eine metallene Skala mit Gedankengeschwindigkeit abgespielt, als wenn ein Eimer Wasser aus Haushöhe auf harten Boden heftig ausgeschüttet, als wenn eine große Kaffeetrommel stoßweise umgedreht wird – ein Gemisch aus alledem, ein schauriger, wilder Ton, den man sein Lebenlang nicht wieder vergisst, der uns nachts im Traume peinigt und aus dem Schlafe auffahren lässt.“

Der leidige Krieg schleppt sich ins neue Jahr hinein

Auch einen Monat später ist der Krieg noch nicht zu Ende. Am 31. Dezember 1870 gibt es eine „Politische Rundschau“ auf der Titelseite. Da heißt es: „Der leidige Krieg, der uns diesmal durch den frevelhaften Übermut und Größendünkel unseres Nachbarvolkes aufgedrungen und bereits seit einem halben Jahre die besten Kräfte zweier Nationen zu einer verdammungswürdigen und barbarischen Tätigkeit zwingt, schleppt sich mit all seinen bösen Gefolge in das neue Jahr hinein; die nach den großen Niederlagen der französischen Armeen im August und September, welche in der beispiellosen Katastrophe von Sedan gipfelten, wohlberechtigte Hoffnung, daß unsere sieggekrönten Heere vor dem Schlusse des Jahres wieder in die Heimat zurückgekehrt sein würden, hat sich nicht verwirklicht.“

Im Folgenden wettert der Schreiber und ärgert sich, dass trotz aller Siege der Deutschen über französische Gebiete, Paris noch immer Widerstand leistet. Er fürchtet, dass der Krieg noch bis in den Sommer 1871 dauern könnte. Das bewahrheitete sich nicht ganz. Wie wir heute wissen, kam der endgültige Friedensvertrag mit Frankreich am 10. Mai 1871 zustande.

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