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Martha Argerich: „Sprechen ist schwieriger als Spielen“

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Martha Argerich war in Hamburg zu Gast.

Martha Argerich war in Hamburg zu Gast.

Die legendäre Pianistin im Podcast Erstklassisch über ihre Unzufriedenheit, verpasste Chancen – und Ja, Nein und Vielleicht.

Hamburg. Wenn Martha Argerich lächelt, geht sofort eine herzerwärmende Sonne im Raum auf. Die große, legendäre Pianistin gilt als scheu und auch als mitunter schwierig. Aber was heißt das schon und wen kümmert das, wenn man so spielt und so ist wie sie. Gerade war Argerich für ein Symphoniker-Konzert in Hamburg, für 2020 ist hier der dritte Durchgang ihres Festivals in Planung.

Sie hatten gerade Probe, das 1. Chopin-Konzert. Wie geht es Ihnen jetzt?

Martha Argerich: Ein bisschen besser, ich hatte dieses Konzert neun Jahre nicht gespielt. Das ist sehr lang. Und Chopin ist… hmm… ganz besonders.

Ist es nicht wie Fahrradfahren, so ein Chopin, der verlernt sich nicht?

Martha Argerich: Nein, man muss sich ihm vorsichtig nähern. Weil er sehr schwierig ist.

Weil Sie nie mit sich zufrieden sind?

Martha Argerich: Und ich glaube, dass er mit mir nicht zufrieden ist (lacht)

Sie spielen seit Jahrzehnten Klavier. Haben Sie ein Rezept gegen Muskelkater?

Martha Argerich: Bis jetzt war das nicht notwendig. Ich habe sehr viel Glück.

Sind Sie mit Ihrem Körper, den sie fürs Spielen brauchen, generell nicht vorsichtig?

Martha Argerich: Überhaupt nicht. In dieser Hinsicht bin ich sehr schlecht. Ich bin schon so oft gefallen, sehr schwer manchmal. Im letzten Jahr in Italien wollte ich um fünf Uhr früh im Hotel Haare waschen. Ich hatte Jetlag, es war feucht im Badezimmer… Da bin ich ausgerutscht. Ein Handballen war geschwollen, in allen Farben, es war aber nichts gebrochen. Da habe ich eine Flasche Cola dagegen gehalten, die war sehr kalt. Ich bin schon sehr oft auf die Hände gefallen, aber bis jetzt…

Langweilen Sie sich auch mal auf der Konzertbühne?

Martha Argerich: Langweilen nicht. Unzufrieden, das ja.

Sie können ja nicht wieder rausgehen und noch mal anfangen…

Martha Argerich: Vor vielen Jahren ist mir in Edinburgh so etwas passiert. Ich habe mit der Schumann-Toccata angefangen, hatte vorher überhaupt nicht geschlafen, es war alles sehr schlecht, um 11 Uhr morgens. Und ich habe ständig gedacht, ich müsste aufstehen und sagen: Ich kann nicht mehr. Aber aufstehen und sprechen – das war schwieriger als das Spielen.

The show must go on.

Martha Argerich: Deswegen habe ich es nicht getan. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen außer „Bye bye“.

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie so frustriert waren, dass Sie aufhören und Sekretärin werden wollten?

Martha Argerich: Nachdem ich mein erstes Kind bekommen hatte, hatte ich aufgehört zu spielen – aber nicht wegen des Kindes. Ich war bei Michelangeli gewesen, ich wollte Horowitz in New York treffen und hatte ihn nicht getroffen… Na ja, ok... Dann wollte meine Mutter, dass ich den Reine-Elisabeth-Wettbewerb spiele. Einen Monat nach der Geburt. Ich habe geübt, geübt. Meine Finger… so viele Blasen. Trotzdem bin ich gefahren und habe einen Flügel ausprobiert. Es war ganz schrecklich. Da habe ich gedacht: Ich kann das nicht. Ich kann einige Sprachen. Also: Sekretärin. Das habe ich gedacht.

Was hat Sie davon abgebracht?

Martha Argerich: Meine Mutter fand jemanden in Brüssel, den Pianisten Stefan Askenase. So hat es begonnen. Sieben Monate später habe ich öffentlich gespielt, und es war okay.

Eine Pianistin, die sich sicher in dem ist, was sie tut – ist das eine schlechte Pianistin?

Martha Argerich: Nicht unbedingt. Aber viele sind sehr ernst und machen keine Späße über sich. Das ist ein bisschen verdächtig.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie vor Konzerten – vorsichtig ausgedrückt – sehr nervös werden. Ist diese Angst grundsätzlich gut für einen Künstler? Ist Ihr Lampenfieber immer noch so schlimm?

Martha Argerich: Es hängt davon ab, was ich spielen muss. Ich bin nicht immer so gut vorbereitet.

Glauben Sie, Ihnen wäre jemand böse, wenn Sie nicht 100 Prozent Martha Argerich sind?

Martha Argerich: Ich weiß nicht… Wenn Evgeny Kissin zu mir kommt und „Congratulations!“ sagt, heißt es, das war nicht so gut. Wenn er aber sagt „Heute hast du wie Martha Argerich gespielt!“, dann war es gut.

Ist der schlimmste Moment eines Konzerts direkt nach dem Ende? Weil es vorbei ist?

Martha Argerich: Nein. Das ist nur ein Moment. Man ist erleichtert... Es gibt eine sehr traurige Geschichte über den Pianisten Shura Cherkassky. Nach einem Konzert fragte er: Ich habe jetzt zwei Wochen Urlaub, möchte mich jemand begleiten?

Denken Sie sich nach Konzertende: Ich habe überlebt?

Martha Argerich (lacht): Ja, oft ist es so. Ich habe überlebt.

Wonach entscheiden Sie bei Anfragen?

Martha Argerich (lacht): Ich entscheide nicht so sehr.

Irgendwann sagen Sie „ja“ oder „nein“.

Martha Argerich: Ich sage immer „vielleicht“.

Die schlimmste Möglichkeit.

Martha Argerich: Ich glaube, ich sage sehr wenig „nein“.

Was haben Veranstalter versucht, um sie vom „vielleicht“ zum „ja“ zu bewegen?

Martha Argerich: In Polen hat jemand für mich getanzt (lacht)… Er wollte, dass ich Jurorin beim Chopin-Wettbewerb werde. Er hat vieles gemacht. Und getanzt. Es war amüsant.

Daniel Barenboim sagte über Sie: „Martha ist wie ein Bild ohne Rahmen.“

Martha Argerich: Das hat er zu mir gesagt. Okay! Nicht schlecht, das gefällt mir, es lässt sehr viele Möglichkeiten.

Sie kennen sich, seit er sieben war und Sie acht. Wenn Sie sich jetzt treffen, sind Sie innerlich immer noch die Kinder von damals?

Martha Argerich: Wir sind jetzt wie Bruder und Schwester. Damals waren wir ganz verschieden. Er liebte es, vor Leuten zu spielen, ich wollte mich immer verstecken.

Ich war einmal in Steinbach am Attersee, auf dem Dorffriedhof am Grab Ihres Lehrers Friedrich Gulda…

Martha Argerich: Oh.. Ich war auf seiner Beerdigung… (tiefer Seufzer) Für mich war er eine der wichtigsten Personen in meinem Leben.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Martha Argerich: Ich habe ihn so bewundert. Dass er mich bemerkt hat, war für mich ein Geschenk. Ich war so glücklich. Aber er war sehr streng. Einmal sagte er: „Argerich, ich glaubte, du seist begabt, aber es könnte sein, dass ich mich geirrt habe.“ Dann habe ich in fünf Tagen Ravels „Gaspard de la nuit“ gemacht. Ich wusste nicht, dass es schwer war. Ich war 13.

Wenn man einen so guten Lehrer hatte, will man nicht auch selbst unterrichten?

Martha Argerich: Ich bin traurig, dass ich nicht unterrichte. Das ist schade.

Aber Sie könnten doch.

Martha Argerich: Ich habe keine Erfahrung. Ich glaube, ich kann das nicht. Aber ich möchte.

Gibt es noch unerfüllte musikalische Wünsche?

Martha Argerich: Es wäre schön, wenn ich mehr Improvisieren könnte, mehr Jazz gespielt hätte. Man sagt, ich bin etwas begabt. Habe ich aber nicht getan. Tja. Das hätte mir sehr gefallen.

Martha Argerich: Man kann durchaus Beamter gewesen sein – aber man kann nicht Musiker gewesen sein?

Musiker ist man das ganze Leben.