Star-Dirigent

Warum Daniel Barenboim mit Herbert Blomstedt schimpft

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Herbert Blomstedt war von 1996 bis 1998 NDR-Chefdirigent in Hamburg.

Herbert Blomstedt war von 1996 bis 1998 NDR-Chefdirigent in Hamburg.

Foto: Roland Magunia / FUNKE Foto Services

„Ich fühle mich jeden Tag wie ein Anfänger.“ Dirigent Herbert Blomstedt im großen Abendblatt-Interview.

Hamburg. Auf dem Tisch in der Elbphilharmonie-Garderobe liegt seine Aktentasche, in Würde gealtert, praktisch und dezent. Vielleicht Zufall, womöglich aber ein bezeichnendes Detail zur Erklärung dessen, was Herbert Blomstedts Klasse ausmacht. Gerade ist der 92 Jahre alte Dirigent wieder einmal zu Gast beim NDR Elbphilharmonie Orchester. Es gibt späten Haydn und Bruckner. Typisch. Und es passt auch zu Blomstedt, dass er von sich sagt: „Ich habe nie so viel gelernt wie in den letzten zehn Jahren.“

Sie wurden 1927 geboren. Damit sind Sie in einem Jahrgang mit Harry Belafonte, Juliette Greco, Günter Grass, Hans-Dietrich Genscher, Margot Honecker, Roger Moore, dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch und Ex-Papst Benedikt. Haben Sie jemanden von dieser Liste leibhaftig kennengelernt?

Herbert Blomstedt: Rostropowitsch habe ich einige Male getroffen und mit ihm gespielt. Sehr lustig – und sehr nasse Umarmungen bekommen. Schon beim ersten Mal hat er mich fast totgeklemmt und gerufen: „Wonderful to see you, Herbert!“ Eine schöne Erinnerung habe ich aus San Francisco. Da war er beim 75. Geburtstag des Geigers Isaac Stern. Mein Orchester hatte ein Konzert im Golden Gate Park, 25.000 Menschen, der Conferencier war Gregory Peck. Und plötzlich kommt jemand auf die Bühne, eine Tutu-Tänzerin, aber ein bisschen dick. Wer das war, hat man erst erkannt, als er das Cello vom Konzertmeister nahm und Saint-Saens‘ „Schwan“ spielte.

Sie konzentrieren sich auf klassisches und spätromantisches Kernrepertoire. Das kennen Sie vorwärts, rückwärts, seitwärts. Ist das Wiederholung oder Vertiefung?

Herbert Blomstedt: Es wird ja jedes Mal neu gekocht. Auch wenn das Grundrezept vielleicht bekannt ist, ist das Ergebnis immer wieder völlig neu. Das Orchester ist völlig neu, ich bin nicht derselbe wie am Tag davor. Wenn man denkt: Ah, das kenne ich schon, entsteht keine Musik. Dann ist es nur Routine.

Sie waren Schüler von Bernstein. Ich wäre da in Ehrfurcht erstarrt. Haben Sie nie gezögert und sich gedacht, so gut wie der werde ich nie, nie, nie werden?

Herbert Blomstedt: Er war nicht mein Lehrer. Ich kam nach Tanglewood, er hatte mir ein Stipendium gegeben, dort leitete er formal die Dirigentenklasse. Er hat mir überhaupt keinen Unterricht gegeben, wie man die Hände bewegt oder was man zu einem Orchester sagt. Sein Unterricht war der lockere Umgang mit der Musik, der sehr gekonnte, durchdachte Umgang mit der Partitur.

Ein anderer Name in Ihrem Lebenslauf: Daniel Barenboim. Mit ihm waren Sie in Salzburg in einer Dirigentenklasse. Oder stimmt das auch nicht so ganz?

Herbert Blomstedt: Das stimmt. Ich war dreimal in der Klasse von Igor Markevitch, und beim ersten Mal war auch Daniel Barenboim dabei. Der war 14, die anderen waren Ende 20. Dass er aufgenommen wurde, war eine Ausnahme.

Wie alt waren Sie?

Herbert Blomstedt: 16 Jahre älter.

Haben Sie ihn überhaupt ernst genommen?

Herbert Blomstedt: Ja. Aber viele haben ihn wie ein Kind behandelt, er schrieb später in seiner Autobiografie: „Der Einzige, der mich ernst genommen hat, war Herbert Blomstedt.“

Er hat also bis heute Respekt vor Ihnen?

Herbert Blomstedt: Wenn wir uns treffen, schimpft er immer auf mich und sagt, ich sähe so jung aus und er viel älter als ich.

Ein Stichwort habe ich mir in Großbuchstaben notiert: DISZIPLIN.

Herbert Blomstedt: Ohne Disziplin geht – wenigstens bei mir – gar nichts. Wir haben alle unsere Talente, aber auch unsere Grenzen. Einige entwickeln sich sehr schnell, explosiv, andere langsam. Ich gehöre eher zu diesem Typ. Und ich habe nie so viel gelernt wie in den letzten zehn Jahren. Das kann man nur mit Disziplin erreichen.

Wenn Sie erst so spät so viel gelernt haben, ist es dann nicht ärgerlich, so viele Jahre mit Proben, Üben, Suchen verplempert zu haben?

Herbert Blomstedt: Nein, ich habe die Zeit gut genutzt. Ein Tag, an dem ich nichts lerne, ist für mich ein verlorener Tag.

Das klingt nicht so, als ob Sie sagen möchten: Ich kann meinen Job. Ich bin fertig, als Dirigent. Jetzt ist Autopilot. Sie sind immer noch nicht mit sich zufrieden?

Herbert Blomstedt: Dieses Szenario kenne ich überhaupt nicht. Umgekehrt: Ich fühle mich jeden Tag wie ein Anfänger.

Das ist aber fürchterlich.

Herbert Blomstedt: Ja. Vor jeder Probe denke ich: Bin ich genügend vorbereitet? Bin ich wert, vor diesem guten Orchester zu stehen? Mit Respekt muss man damit umgehen, das macht das Leben enorm spannend. Auch weil der Ausgang ungewiss ist.

Um mal ein Klischee herauszuholen: Je besser ein Dirigent, desto kleiner ist sein Ego – stimmt das?

Herbert Blomstedt: Da ist etwas dran. Ein Dirigent muss viel Selbstvertrauen haben. Aber wenn das Ego überhandnimmt, blockiert das das Musizieren. Es ist die Persönlichkeit des Komponisten, die uns interessiert, nicht die Persönlichkeit des Dirigenten. Wir sind beneidenswerte Menschen, denn wir dürfen – ein Kollege formulierte das so – jeden Tag mit Gott sprechen. Er meint: Mit den größten Komponisten, die in der Partitur verborgen sind.

Blöd, wenn man dort steht, und Gott – also: der Komponist – antwortet nicht?

Herbert Blomstedt: Antwortet er nicht, ist das unser Fehler. Dann haben wir die falschen Fragen gestellt. Vielleicht antwortet er morgen.

Wie lange können Sie sein, ohne vor einem Orchester zu stehen? Werden Sie irgendwann nervös oder unleidlich?

Herbert Blomstedt: Ich habe sehr viele Interessen. Musik ist mein Hauptinteresse, aber ich konnte mir schon als Student auch vorstellen, Musikwissenschaftler oder Mathematiker zu werden oder Latein-Professor. Für die Wahl der Musik bin ich sehr dankbar. Aber ich gestehe auch: Wenn ich zwei Wochen nicht dirigiere, bin ich auch physisch unruhig. Und wenn ich zu Hause bin, was sehr selten der Fall ist, ist das viel anstrengender. Dann kommen Steuerunterlagen, Arzttermine, Korrespondenz ... Sobald ich vor einem Orchester stehe, bin ich wieder frei. Und die Menschen interessieren mich so sehr. Früher war ich mehr an den Noten interessiert als an den Menschen. Perfekte Sechzehntel, dass alles passt, das war mein Hauptinteresse. Jetzt interessieren mich die Spieler hinter den Pulten. Der Ausdruck, mit dem sie spielen, wie sie ihre Seele in die Musik legen. Das beflügelt mich.

Konzerte: 18. 10., 20 Uhr / 20.10., 18 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal und 19.10., 20 Uhr, Kiel, Schloss. Haydn: Sinfonie Nr. 104, Bruckner: Sinfonie Nr. 6, jew. mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester. Evtl. Restkarten a.d. Abendkasse.
Buch:
Julia Spinola: „Mission Musik“ Henschel, 192 S., 24,95 Euro)