Meine wilden Zwanziger

Großstädter entspannen – unterwegs mit dem zotteligen Eddy

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (27) ist Redakteurindes Abendblatts

Annabell Behrmann (27) ist Redakteurindes Abendblatts

Foto: Andreas Laible

Wer mal nicht an Corona und Inzidenz denken will, geht am besten mit Alpakas wandern. Was die wunderbaren Tiere uns lehren.

Kummerfeld. Theo und ich – das war Liebe auf den ersten Blick. Sein wuscheliges Haar, die großen Kulleraugen und dieses charmante Lächeln, das auf seinen Lippen lag, haben mich sofort in seinen Bann gezogen. Für mich stand fest: Mit diesem Kerl möchte ich meinen Vormittag verbringen. Mindestens. Doch dann schnappte eine andere Frau mir Theo weg. Und so lernte ich Eddy kennen. Zwei Stunden gingen wir zusammen spazieren. Er hat mir seine Welt gezeigt, mich seinen Kumpels vorgestellt, und ich habe alles um uns herum vergessen. Am liebsten hätte ich Eddy mit nach Hause genommen. Aber das ging nicht. Meine Wohnung ist einfach zu klein für ein Alpaka.

Am vergangenen Sonntag habe ich in Kummerfeld im Kreis Pinneberg eine zweistündige Wanderung mit Alpakas gemacht, ein Geburtstagsgeschenk meines Freundes. Die Spaziergänge mit den Tieren, die ursprünglich aus den südamerikanischen Anden stammen, sind beliebter denn je und teils über Wochen ausgebucht. Sie versprechen gestressten Großstädtern wie mir Entschleunigung.

Zahl der Alpakas hierzulande hat sich verzehnfacht

„Mit einem Alpaka an der Leine in der Natur vergisst du garantiert, dass du das Wort Stress überhaupt kennst.“ Mit diesem Versprechen wirbt der Alpaka-Hof, den ich besucht habe, auf seiner Website. Der Bestand der Tiere in Deutschland hat sich nach Schätzungen des Alpakazuchtverbands innerhalb von zehn Jahren auf 20.000 Alpakas vervierfacht. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2018. Inzwischen dürften es weitaus mehr sein.

Bevor die Wanderung startete, fütterten wir – eine Gruppe von elf Erwachsenen – die Stuten auf der Wiese. Rund 20 Alpakas stürmten auf uns zu, und mein Herz zerschmolz vor Niedlichkeit. Ich tauchte in eine völlig andere Welt ein, verschwendete keinen Gedanken mehr an Corona und Inzidenzwerte. Nach dem Kennenlernen mit den Damen wurden uns die Hengste für den Spaziergang zugeteilt. Jeder bekam einen. Männliche Alpakas seien entspannter, sagte der Hofbesitzer. Das sei wie bei uns Menschen ...

In Theo verliebte ich mich auf Anhieb: Das zottelige, weiße Alpaka hatte ein entspanntes Dauergrinsen im Gesicht, als hätte es fünf Joints hintereinander geraucht. Schon beim Anblick bekam ich gute Laune. Theo wurde wie gesagt anderweitig vergeben, dafür führte ich Eddy an der Leine. Ein dunkelbraunes Tier, das mir bis zum Bauchnabel reichte, mit ebenso großen Kulleraugen.

Alpakas zwingen, einen Gang runterzuschalten

Dann ging’s los. Während wir Menschen ungeduldig an der Leine zupften, es uns nicht schnell genug gehen konnte, ließen sich die Alpakas viel Zeit. Es dauerte eine Weile, bis sich überhaupt eines in Bewegung setzte. Die Herdentiere liefen in einer Reihe hintereinander. Wenn Elmo aus unerklärlichen Gründen vor uns stoppte, Blätter von den Bäumen knabberte, hielt auch Eddy sowie die gesamte Truppe dahinter an.

Hätten wir Menschen das Tempo bestimmt, wären wir innerhalb einer halben Stunde mit der Wanderung fertig gewesen. Die Alpakas zwangen uns zur Ruhe. Man musste einen Gang runterschalten. Dadurch hat man viel mehr von seiner Umwelt wahrgenommen. Ich fühlte mich so entspannt und ausgeglichen wie schon seit Langem nicht mehr.

Floating, Meditieren – und Alpaka-Wandern

Kaum ein Tier wird derzeit so gehypt wie das Alpaka. Es gibt sie als Plüschtiere, sie sind auf Postkarten und T-Shirts gedruckt. Selbst Flamingos, Faultiere und Einhörner haben es derzeit schwer, gegen die Alpakas anzustinken. Im Internet kursieren etliche Fotos mit ihnen. Alpaka-Wanderungen treffen den Nerv der Zeit. Immer mehr Menschen wollen dem Alltagsstress entfliehen. Der Wunsch nach Entschleunigung wächst in einer schnelllebiger werdenden Welt. Gestresste Großstädter finden Entspannung beim Floating, Meditieren – und Alpaka-Wandern.

Der friedliche Charakter der Alpakas strahlt auf Menschen aus. Nicht umsonst werden sie auch als Therapie-Tiere eingesetzt und als „Delfine der Weide“ bezeichnet. Selbst Yoga-Kurse bieten Alpaka-Höfe an. Zahlreiche Studien belegen, dass Kontakt zu Tieren beruhigend auf Menschen wirkt. Das würde ich sofort unterschreiben.

Wer einen Hund oder eine Katze streichelt, ist schon nach zehn Minuten deutlich entspannter. Das belegte ein Forschungsteam der Washington State University in den USA. In dem Projekt streichelten Studenten gegen Prüfungsängste an. Für mich steht fest: Gerade in diesen außergewöhnlichen Zeiten können so wunderbare Tiere – wie Theo und Eddy – uns helfen.

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