Meinung
Schumachers Woche

Vom Jazz lernen heißt gemeinsam Großes schaffen

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Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher

Autor und Journalist Hajo Schumacher

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Jazz ist chaotisch wie das Leben, aber fairer.

Hamburg. Ich mag Jazz. Jazz ist chaotisch wie das Leben, aber fairer. Bei einem Jazz-Konzert tritt jeder und jede aus der Kombo nach vorn an die Bühne, um zu zeigen, was sich aus dem Instrument so rausholen lässt. Die anderen halten im Hintergrund das Tempo. Das Publikum applaudiert jedem Solo: Einer für alle, alle für eine. Es zählt nicht, wer du bist, woher du kommst, mit wem du schläfst, sondern, wie du mit deinem Arbeitsgerät umgehst.

Junge Menschen neigen derzeit dazu, den Menschen auf ein einziges Merkmal zu reduzieren: Hautfarbe, Neigungen, Herkunft. Diese Fixierung führt zu Forderungen wie der, dass nur junge schwarze Übersetzerinnen die Gedichte der jungen, schwarzen Schriftstellerin Amanda Gorman übersetzen mögen. Der Jazz schafft nun das Gegenteil, nämlich Identitäten bis zur Bedeutungslosigkeit zu verknäulen, wie der Universalgelehrte Thomas Steinfeld am Beispiel des Trompeters Don Cherry aufzeigt.

Wer darf jetzt Don-Cherry-Stücke spielen?

Cherry stammte von einer amerikanischen Ureinwohnerin und einem schwarzen Vater ab, dessen Vorfahren versklavte Menschen aus Afrika waren. Mit seiner Trompete spielte Cherry jahrelang in Stockholm und Kopenhagen mit skandinavischen Kollegen. So prägte er eine Generation dänischer Musiker, die wiederum den nordischen Jazz mitbegründeten. Die Wurzeln des Jazz liegen in der afrikanischen Musikkultur, doch es kamen Soul und Blues dazu, zudem nutzten schwarze Musiker populäre Unterhaltungsstücke wie „Autumn ­Leaves“ oder „My Funny Valentine“, die von Weißen komponiert worden waren.

So sollten weiße Hörerschaften erschlossen werden. Afrika, das Amerika vor und nach Kolumbus, Dänemark, schwarz, weiß, hybrid – welche Identität hat sich kulturell von wem was angeeignet? Wer darf jetzt Don-Cherry-Stücke spielen? Schwer zu sagen: Am Ende haben sich Individuen auf eine Sprache, den Jazz, geeinigt und gemeinsam neues Großes geschaffen. Der Tunnelblick auf die eine Identität mag eine begrenzte Weltsicht ordnen. Aber die Suche nach Gemeinsamkeiten bringt uns in einer ungeordneten Welt womöglich weiter.

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