Meinung
Schumachers Woche

Liebe Schreiber von Hassmails ...

| Lesedauer: 2 Minuten
Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Klar, ihr wollt mal etwas Aufmerksamkeit und vielleicht sogar ein wenig Ruhm – aber damit ist jetzt Schluss.

Hamburg. Meine erste und einzige Morddrohung ist schon eine Weile her. Nach einem TV–Auftritt schrieb ein aufgeregtes Menschenkind, dass Leute wie ich bald ihre gerechte Strafe bekämen, den Strick. Ich habe die Mail zur digitalen Polizeiwache gegeben und nie wieder was gehört.

Es wird ja viel anonym gedroht dieser Tage; manche Menschen scheinen ein Hobby daraus gemacht zu haben. Und bei aller Ekligkeit liefern derlei Schreiben auch relativen Ruhm, Zuspruch und Aufmerksamkeit, was mit klassischer Arbeit kaum zu schaffen ist. Vielleicht bin ich leichtfertig, aber: Kann es sein, dass Täter und Droher nicht dieselben sind?

Drohende pöbeln aus digitalem Versteck heraus

Seit jeher gibt es sehr wenige Attentatbereite, die ihre Opfer gar nicht erst vorwarnen wollen, aber von Berichten über dauernde Drohungen in ihrem Wahn womöglich noch bekräftigt werden. Und es gibt die Drohenden, eine weitaus größere Gruppe von ansonsten unauffälligen Trittbrettfahrern, die aus ihrem digitalen Versteck heraus pöbeln, drohen und sich freuen, wenn sie es in die Nachrichten schaffen. So wie Hooligans, die neugierig schauen, ob sie auf Prügelbildern zu erkennen sind.

Paradoxerweise dient die anonyme Drohung oft Tätern wie Opfern zugleich. Eine Drohung ist gerade für Halbprominente ein sicherer Weg in die Medien, wenn die bizarren Schreiben millionenfach auf TwitterFacebookInstagram geteilt werden. So bekommt der Urheber vom Opfer auch noch ein paar Krümel ab von der Droge Aufmerksamkeit.

Ignorieren von anonymen Hassschreiben

Es gilt ein ungeschriebenes Gesetz in diesem Land, dass über Selbstmorde, wenn überhaupt, dann möglichst knapp zu berichten ist. Wenig Aufmerksamkeit, so die berechtigte Annahme, führe zu weniger Nachahmenden. Nein, liebe Verfassungsfreunde, hier wird keine Nachricht unterdrückt, sondern ein Tabu gegen die Sensationsgier verteidigt.

Vielleicht sollten wir uns auf ein zweites Tabu einigen: Ab sofort ignorieren wir anonyme Hassschreiben. Ohne Aufmerksamkeit verliert die Droherei massiv an Reiz, das überspannte Debattenklima könnte abkühlen – und einige Menschen würden sich ein neues Hobby suchen.

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