Meinung
Schumachers Woche

Zurück zur Normalität – ganz einfach, oder?

| Lesedauer: 2 Minuten
Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher fragt sich, wie es nach Corona weitergeht. Wie sollen wir uns wieder näher kommen?

Hamburg. Die Chefin hat einen Impftermin, im Sommer, sogar diesen Sommer. Angenommen, es läuft alles glatt – und nichts, aber auch gar nichts, spricht dagegen –, dann haben wir eine Impfdifferenz. Sie darf Dinge, ich nicht. Sie könnte in die Kneipe gehen. Und ich dürfte mir drei Tage lang die Liveübertragung am Handy anschauen.

Vielleicht gar nicht schlecht. Keine Hetze beim Resozialisieren. Kann ja sein, dass wir nach eineinhalb Jahren Vermaulwurfung den Lockdown für normal halten? Vielleicht sind die Mitmenschen gar nicht so nett, wie wir sie in der Erinnerung haben? Was sollen unsere Kinder in diesen großen unwirtlichen Gebäuden mit den viel zu kleinen Stühlen und ohne WLAN? Ein Kollege plant, als Neustarthilfe, sich den Sommer über durch alle Gaststätten der Stadt zu trinken. Wie früher. Aber will man das? Wir reden zu viel über Astrazeneca und Söder, aber zu wenig darüber, wie wir sozialverträglich in ein altes, neues, anderes Leben treten.

Umarm-Kurse für Impflinge

Wird sich dieses merkwürdige Normalisieren anfühlen wie ein Zurück zum Vertrauten oder eher wie ein Vorwärts ins Unbekannte? Werden wir nur noch auf Demonstrationen die Chance haben, den anderen zu begegnen, die nicht geimpft werden wollen oder dürfen? Wie kommen sich Impflinge wieder näher?

Wird es Umarm-Kurse geben? Small-Talk-Coaches? Kann auch sein, dass wir uns gar nicht mehr vor die Tür trauen, so wie einstmals wilde Tiere, die das Leben im Käfig angenehmer finden als die Artgenossen draußen. Wir brauchen einen Stufenplan des Auswilderns, so wie mein Ostfreund Karsten nach dem Mauerfall. Tagelang trainierte er vor Schaufenstern Gelassenheit, bevor er sich hineinwagte ins Bekleidungshaus.

Ein neues Leben im eigenen Tempo

Nächste Stufe: das Restaurant, mit richtigem Hinsetzen, aber zunächst ohne Bussibussi mit Gianni. Als Höhepunkt dann eine Nacht im Gertrud garni, dem sympathischen Frühstückshotel gleich um die Ecke. Schrecken wir hoch, wenn’s im Nebenzimmer hustet? Es wird kein neues Leben, aber eine lehrreiche neue Phase. Und das Tempo bestimmen wir ganz allein.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung