Meinung
Hamburger Kritiken

Ihr Völker der Welt, schaut nicht auf diese Stadt!

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Matthias Iken. Stellvertretender Chefredakteur Hamburger Abendblatt. lok, Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Matthias Iken. Stellvertretender Chefredakteur Hamburger Abendblatt. lok, Foto:Andreas Laible / Funke Foto Services

Foto: Andreas Laible

Berlin ist ein Ort voller Baustellen: Clankriminalität, offenes Dealen in Kreuzberg und ein Mietendeckel mit schweren Folgen.

Hamburg. Berlin ist ein Mythos, eine besondere Stadt: Wie unter einem Brennglas konzentriert sich hier deutsche Geschichte, der Aufstieg Preußens und des Deutschen Reichs, Revolution, die Wilden Zwanziger im Babylon Berlin, Faschismus, Rassenwahn und Wannsee-Konferenz, deutsche Teilung, Berlin-Krise, Mauerbau und Mauerfall, Partyhauptstadt, Metropole der Kultur. Und auf der Tonspur läuft dazu die denkwürdige Rede von Ernst Reuter vom September 1948 vor dem Reichstag: „Ihr Völker der Welt ...! Schaut auf diese Stadt!“

Aber so außerordentlich die Hauptstadt ist, so außerordentlich schlecht wird sie mitunter regiert. Die Schlagzeilen der Woche? Im Impfzentrum Tempelhof mussten am Dienstag Hunderte Impfungen abgesagt werden – angesäuert meldete das Bundesgesundheitsministerium: „Es ist zum wiederholten Male vorgekommen, dass Lieferpläne kurzfristig für Berlin angepasst wurden.“

Wiedereinreisesperre in Berlin für Mörder aufgehoben

Dafür machte eine andere Spree-Behörde am Donnerstag von sich reden – ausnahmsweise, weil sie einmal ganz flink handelte: Das Berliner Amt für Einbürgerungen hob schnell die Wiedereinreisesperre für einen Polizistenmörder auf, der nach seiner 15-jährigen Haftstrafe in seine Heimat Libanon abgeschoben worden war. Die Begründung: Der Mann hatte während seiner Zeit im Gefängnis vier Kinder gezeugt.

Ditte is Berlin, zuckt da der Einheimische mit den Schultern. Chaos, Wurstigkeit und Missmanagement gehören zu Berlin schon lange dazu – preußisch sind hier nur die Fassaden. Man hat sich dran gewöhnt. Nun aber wird Berlin Anschauungsobjekt für die Republik: Da das Corona-Missmanagement der Union viele Wähler nach links treibt, interessiert sich die Republik für den rot-rot-grünen Elchtest.

Sozialismus wieder auf dem Vormarsch

Das Ergebnis: Nicht nur Christdemokraten fliegen beim Regieren aus der Kurve. Schon zu meinen Berliner Zeiten musste man für jeden Gang ins „Bürgerbüro“ einen Tag Urlaub einreichen, eine bloße Ummeldung dauerte mehrere Stunden, ein Termin auf dem Amt erinnerte an Kafkas Schloss. Bis heute, so erzählen mir Hauptstädter, hat sich daran nix geändert.

Dafür gibt sich der Senat viel Mühe, den Sozialismus wieder zum Laufen zu bringen, ohne dass ihn Ochs und Esel aufhalten können: Der Mietendeckel etwa, 2019 eingeführt, sollte die Mieten für rund 1,5 Millionen Wohnungen in Berlin auf dem Stand von Juni 2019 einfrieren – das Problem: Oftmals profitieren Besserverdiener in großen Wohnungen, während Genossenschaften nun das Geld fehlt.

Dealen im Görlitzer Park

Hamburg baut, Berlin dekretiert – und wenn das Bundesverfassungsgericht in Kürze den „Nietendeckel“ (O-Ton Heinz Buschkowsky, SPD) kippt, ist das Desaster da. Aus Angst vor den Richtern hat Berlins linke Sozialsenatorin auf den letzten Metern eine Migrantenquote im öffentlichen Dienst von 35 Prozent gekippt. Wochenlang diskutierte der Berliner Senat, ob Heizpilze auch in Corona-Zeiten besser verboten bleiben.

Einigkeit hingegen regiert beim Görlitzer Park: Das offene Dealen gehört in Kreuzberg einfach dazu, weil „keine Gruppe ausgeschlossen werden“ soll. Tübingens grüner Bürgermeister Boris Palmer sagte 2018 über Berlin: „Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands.“ Man könnte noch etwas über den Flughafen BER spotten – aber das verbietet sich im Schatten der Elbphilharmonie.

Berlin vor Bundestagswahl im Fokus

Berlin rückt vor der Bundestagswahl in den Fokus. „Berlin ist heute eine der wohl am schlechtesten regierten Hauptstädte Europas. Das Wegschauen bei Kriminalität, das Zulassen von Hausbesetzungen und die Ausbreitung der Clankriminalität – wo immer man hinschaut: Berlin ist eine dysfunktionale Stadt, ein failed state“, gab nun Wolfgang Reitzle in der „Welt am Sonntag“ zu Protokoll.

Der 72-Jährige ist Chairman bei Linde, heute die Nummer drei im DAX. Reitzle war es, der die deutsche Linde AG nach der Fusion mit Praxair in Irland und die operativen Zentralfunktionen in Großbritannien ansiedelte. Den Standort beschädigen eben nicht nur Politiker.

Reitzle eröffnet Scheibenschießen auf Berlin

Als streitlustiger Manager hat Reitzle das Scheibenschießen auf Berlin eröffnet. Der rot-rot-grüne Senat macht es den Scharfschützen leicht. Das könnte Olaf Scholz’ Kanzlerambitionen schmälern. Als Hamburger Bürgermeister hat er sich gern demonstrativ von den Berliner Genossen abgesetzt, jetzt wird er sie nicht los. Sein Reuter-Stoßseufzer könnte lauten: „Schaut nicht auf diese Stadt.“

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