Meinung
Hamburger Kritiken

Vom Glück, Dinge gegen den Strich zu bürsten

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken beleuchtet
in seiner Kolumne
jedes Wochenende
Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jedes Wochenende Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible / HA

Gutes von Warburg, Scholz und Tschentscher: Nicht nur Medaillen haben zwei Seiten, sondern auch Politiker und Banken.

Hamburg. In einer Gesellschaft, die dazu neigt, Dinge misszuverstehen, ja manchmal sogar missverstehen möchte, hat es ein Kolumnist nicht leicht. Kürzlich bescheinigte mir der grüne Fraktionschef in Eimsbüttel auf der Plattform der Freundschaft und des Friedens namens Facebook, ich hätte im Abendblatt einen „vor Rassismus triefenden Kommentar“ geschrieben. Wie nett. Der Grund: Ich hatte Bevölkerungsdaten des vermutlich auch vor Rassismus triefenden Statistikamtes Nord zitiert und eingeordnet.

Warum ich das erzähle? Nun, diese Kolumne werden sicher wieder einige missverstehen wollen. Daher eines vorab: Ja, auch ich halte die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte, mit denen windige Spekulanten, Banken und Berater den Fiskus geschröpft haben, für einen Skandal. Ich freue mich über Enthüllungen, wenn sie denn illegale Geschäfte enttarnen. Und ich begrüße den Untersuchungsausschuss, der nun in Hamburg Licht ins Dunkel bringen soll.

Warburg war eine Bank unter vielen

Aber ich wundere mich über die Fixierung der Cum-Ex-Enthüllungen auf ein Bankhaus und zwei Politiker. Wer das Thema nur am Rande verfolgt, könnte glauben, M.M.Warburg sei der größte oder alleinige Schurke im milliardenschweren Cum-Ex-Skandal und die SPD-Politiker Olaf Scholz und Peter Tschen­tscher böse Gesellen, die dem Schurken noch Steuern erlassen haben. Auch wenn diese Geschichte von manchen Autoren in manchen Medien in immer neuen Aufgüssen erzählt wird: Warburg war eine Bank unter vielen – und Scholz und Tschentscher nur Randfiguren in dem politischen Drama, das Cum-Ex heißt.

Ihr aller Pech: Warburg ist keine Aktiengesellschaft mit wechselnden Vorständen, und Tschentscher und Scholz sind Politiker, die noch etwas werden wollen. Sie alle müssen sich kritische Fragen gefallen lassen, aber die Wucht der Wut und die mediale wie soziale Ausgrenzung erscheinen inzwischen unfair.

Und deshalb, weil wir das Böse immer wiederkäuen und das Gute vergessen, sei an dieser Stelle an eine Geschichte erinnert, in denen ausgerechnet die drei „Schurken“ einen richtig guten Deal für diese Stadt eingefädelt und verfolgt haben – im Übrigen gemeinsam mit dem Milliardär Klaus-Michael Kühne und dem früheren Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU).

Zunächst schienen die Kritiker richtigzuliegen

Peiner war es, der 2008 gemeinsam mit Christian Olearius, dem persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses M.M.Warburg, das Konsortium Albert Ballin schmiedete. Mit dem Geld von Kühne und weiteren Investoren gelang es diesem Bündnis, die Reederei Hapag-Lloyd in Hamburg zu halten. Sonst hätte der Eigner TUI die Traditionsreederei wohl ins Ausland verkauft, und Hamburg hätte viele Jobs, Steuern sowie eine Unternehmenszentrale verloren, der Hafen einen weiteren Tiefschlag kassiert.

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Gegen weit verbreitete Kritik setzte der CDU-Senat unter Ole von Beust den Deal in der Finanzkrise 2008 um, das Konsortium übernahm die Mehrheit an Hapag-Lloyd. Die städtische HGV zahlte damals üppige 51,93 Euro pro Aktie. 2012 diente die TUI den Rest der Anteile an. Zwar hatten die politischen Farben im Rathaus gewechselt, aber Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und sein Finanzsenator Peter Tschentscher kämpften für den Kauf – übrigens mit den Stimmen von SPD und Linken. CDU, Grüne und FDP hingegen kritisierten das „hochriskante Geschäft“ und die „kolossale Fehleinschätzung“, 420 Millionen Euro für den Hapag-Lloyd-Anteil auszugeben und schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen.

Zunächst schienen die Kritiker richtigzuliegen: Der Börsengang der Hapag-Lloyd AG 2015 wurde eine Enttäuschung. Die Papiere gingen für 20 Euro an den Markt, bezahlt hatte Hamburg 2012 leider 41,22 Euro.

Nicht nur eine Medaille hat zum Glück zwei Seiten

Inzwischen ist der Deal nicht nur eine nachhaltige Standortsicherung gewesen, sondern auch ein cleveres Investment geworden. Der Aktienkurs der Reederei ist zuletzt amazonartig gestiegen – auf bis zu 146 Euro. Mit einer Marktkapitalisierung von fast 25,5 Milliarden Euro ist Hapag-Lloyd die wertvollste Aktiengesellschaft der Stadt. Allein der städtische Anteil ist 3,5 Milliarden Euro wert.

Und in diesem Jahr darf sich die Stadt über eine Dividende in Höhe von 85 Millionen Euro freuen. Eine Veräußerung der Anteile ist deshalb nicht geplant.

Warum ich das alles erzähle? Weil jeder Hamburger die Cum-Ex-Geschichte kennt und fast alle die von Hapag-Lloyd vergessen haben. Nicht nur eine Medaille hat zum Glück zwei Seiten.

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