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In der Pandemie entgleist gerade einiges - mäßigen wir uns

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Hamburg. Ist Nena nun auch noch verrückt geworden? Ihre Instagram-Botschaft „Danke Kassel“ machte diese Woche die Runde durch alle Medien und erntete Abscheu und Empörung. Tatsächlich stellt sich die Frage, wofür sich die Musikerin da genau bedankt. Für eine Demonstration, bei der viele auf alle Auflagen pfiffen, keinen Schnutenpulli trugen und Abstandsregeln dummdreist ignorierten? Nun, aber Meinungsfreiheit, das ist ja Sinn der Sache, gilt gerade für Menschen, die eine andere Meinung haben.

Trotzdem kocht die mediale Empörung über Nena hoch – wie schon über die Demonstration selbst. Viele Journalisten fielen in Kassel aus der Rolle des Berichterstatters, riefen nach Wasserwerfern und Tränengas und fragten sich, warum die Kundgebung nicht aufgelöst worden sei. „Der Staat muss gegen die Querdenker endlich Härte zeigen“, hieß es. Über Demos, bei denen Autonome Schneisen der Verwüstung schlugen, hat man derlei selten gelesen. Bei aller berechtigten Kritik: Wer die Bilder und Videos dieses seltsamen Aufzugs betrachtet, sieht vieles – aber nicht zwangsläufig eine „Gefahr für die Demokratie“.

Viele, die mit dem Pandemie-Maßnahmen hadern, folgen den Losungen der Querdenker

Schwere Verletzungen gab es laut Polizei in Kassel nicht: „Die Teilnehmer seien augenscheinlich überwiegend aus dem bürgerlichen Lager gekommen und hätten insgesamt eher keine erkennbare Tendenz zu gewalttätigen Aktionen gezeigt.“ Natürlich stellte sich die Frage, ob solche Aufzüge in Zeiten der Pandemie klug sind. Aber die Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut. Das sollten wir nicht vergessen.

Die spannendere Frage ist, was diese Menschen so wütend macht – woher sie kommen und wohin sie wollen. Wer in seinem unterkomplexen Weltbild alle Kasseler Demonstranten zu Nazis stempelt, benötigt für sein Leben zwar nur zwei Schubladen, aber nützt den Rechten am Ende mehr als der eigenen Sache: Wir wiederholen den Fehler der Flüchtlingskrise und drängen die Zweifler und Verzweifelten aus dem politischen Spektrum. Viele, die mit dem Pandemie-Maßnahmen hadern, vielleicht weil sie ihren Job, ihr Geschäft, ihre Zukunft verloren haben, folgen den törichten Losungen der Querdenker. Aber sind sie alle „Corona-Leugner“, ein Kampfbegriff, der an Holocaust-Leugner erinnert?

Natürlich man muss Teile dieser Querdenker im Blick behalten. Die Bewegung hat einen radikalen Kern, in dem Verblendung und Hass wurzeln. Ihre kruden Faschismus-Vergleiche sind genauso bizarr wie der Vorwurf einer Corona-Diktatur. Und die wuchernden Hassbotschaften sind ein Fall für den Staatsanwalt: Wenn Politiker wie Karl Lauterbach aufs Übelste beleidigt, bedroht und unter Druck gesetzt werden, ist jede Grenze überschritten.

Streit über die Corona-Politik spaltet die Gesellschaft

Hass erfahren aber auch Bürger, die nüchtern die Folgen des Lockdowns kritisieren. So wird der Zusammenschluss von Eltern namens „Familien in der Krise“ in den sozialen Netzwerken beschimpft und mit der AfD gleichgesetzt. Da bekommen Mütter zu hören, sie seien „in der Pandemie das, was brandschatzende Nazibanden in der Flüchtlingskrise“ waren. Der Streit über die Corona-Politik spaltet die Gesellschaft.

Weil das „Docks“ und die „Große Freiheit“ seltsame Wandzeitungen auf dem Kiez aufgehängt haben, drohen Konzertveranstalter nun mit Boykott – dabei kennt man sich doch. Die Clubbetreiber sind doch keine Nazis, die haben einfach Angst! Aber längst ersetzt Misstrauen das Vertrauen, lieber profiliert man sich auf der richtigen Seite der Corona-Barrikade, statt zu streiten.

Politiker in Bausch und Bogen zu verdammen, baut keine Zukunft auf

In der Pandemie entgleist gerade einiges: Wundern darf man sich auch über das Medienecho auf die Merkel’sche Osterruhe. Die FAZ spricht von „Offenbarungseid. Deutschland kann es nicht“, die „Welt“ von „Deutschland als Lachnummer“, RTL von der „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Nun hat der Autor dieser Zeilen ebenfalls heftig ausgeteilt, langsam aber stellt sich die Frage, wohin das alles noch führen soll: Politiker in Bausch und Bogen zu verdammen mag beim Frustabbau helfen, baut aber keine Zukunft auf. Auch die Scharmützel zwischen Lockdown-Befürwortern und -Gegnern bringen niemanden weiter.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat gesagt: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Fangen wir an, nicht noch weitere Gräben aufzureißen. Mäßigen wir uns. Wir alle wollen nach Corona wieder miteinander leben, arbeiten, feiern.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

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