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Hamburger Kritiken

Deutschlands Versagen

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken beleuchtet
in seiner Kolumne
jedes Wochenende
Hamburg und die Welt.

Matthias Iken beleuchtet in seiner Kolumne jedes Wochenende Hamburg und die Welt.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Corona-Pandemie zeigt es schonungslos: Selbstgefällig und selbstzufrieden steuert dieses Land in die Sackgasse.

Hamburg. Es ist kein Jahr her, als man im Ausland mit einer Mischung aus Neid und Respekt auf Deutschland blickte – im Umgang mit der Pandemie schien die Bundesrepublik einmal mehr ihre besonderen Stärken auszuspielen. Das Gesundheitssystem funktionierte, der Lockdown blieb maßvoll, die Zahl der Infizierten und Corona-Toten lag deutlich niedriger als anderswo. Der britische Autor John Kampfner landete mit seinem Buch „Why the Germans Do it Better“ sogar einen Bestseller.

Nun staunt das Ausland wieder über die Bundesrepublik, dieses Mal mit Häme. Der angebliche Organisations-Weltmeister kann nichts anderes als den Lockdown verlängern, verlängern, verlängern. Das im eigenen Land entwickelte BionTech-Vakzin fehlt, der Impfprozess scheitert an Organisationspannen, Bürokratismen, überzogenem Anspruchsdenken. Selbst die Schnelltests, die anderswo seit Langem verfügbar sind, fehlen. Gesundheitsämter faxen ihre Daten an das Robert-Koch-Institut, weil es keine einheitliche Software gibt, die Corona-App ist krachend gescheitert, und die Krise zeigt schonungslos, dass die Digitalisierung in Deutschland in einer Mischung aus Hochmut und ­Wurstigkeit verschlafen wurde. Das Einzige, wo Deutschland noch führend ist, mag der Datenschutz sein. Leider ist diese Kategorie im Kampf gegen die Pandemie eher hinderlich.

Standort Deutschland lebt in der Vergangenheit

Es sind Wochen des bitteren Erwachens. Der Standort lebte in der Vergangenheit vor allem von seiner Zuverlässigkeit: Investoren wussten um die Kosten, aber hofften auf die Effizienz. Und die Deutschen, die ohnehin mit ihrem Land hadern, verlieren nun eines der letzten Argumente, warum sie stolz auf ihr Land sein sollten. 2006 bezauberte Deutschland die Welt mit der perfekt organisierten Fußball-WM und einer fast südländischen Lebensfreude, damals staunten die Gäste über pünktliche Züge, großartige Fanfeste und perfekte Stadien. Nun ist nicht nur die Lebensfreude dahin, sondern auch das Organisationstalent. In den vergangenen 15 Jahren ist es mit Deutschland langsam, aber stetig bergab gegangen – manches konnte man nicht sehen, vieles wollte man nicht sehen. Selbstgefällig, selbstzufrieden, selbstgenügsam steuert das Land in die Krise.

Krisen sind eigentlich die Stunden der Opposition – nämlich dann, wenn die Regierenden so versagen wie in diesen Tagen. Leider gibt es hierzulande aber keine klare Alternative. Im alten System der zwei großen Volksparteien wäre die Bundestagswahl ein Selbstläufer für die Volkspartei in der Opposition. Aber CDU/CSU und SPD regieren seit acht Jahren gemeinsam. Wohin sollen die Wechselwähler wechseln?

Vor den Landtagswahlen 2021 sind die Parteien mit sich selbst beschäftigt

Wahl in Baden-Württemberg: Grüne steuern auf neuen Sieg zu
Wahl in Baden-Württemberg: Grüne steuern auf neuen Sieg zu

Die FDP, die einst erklärt hatte, es sei besser, „nicht zu regieren als schlecht zu regieren“, wurde krachend widerlegt. Die Grünen haben in der Pandemie die Oppositionsarbeit fast eingestellt, ganz so, als sei das Liebeswerben um die Union schon eröffnet. Die größte Oppositionspartei, die AfD, beschäftigt sich nur mit sich selbst. Statt Modelle fürs Morgen anzubieten, träumen sich große Teile der Rechtspopulisten in die dunkle Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Ähnlich ergeht es der Linken – sie streiten am liebsten mit sich selbst, und viele suchen Lösungen für das 21. Jahrhundert bei Marx und Trotzki.

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Kurz vor den Landtagswahlen ist die Lage so unübersichtlich wie unsicher. Die Union stöhnt nicht nur unter dem Missmanagement der Kanzlerin, ihres Gesundheitsministers, ihrer Bildungsministerin und ihres Wirtschaftsministers, sondern unter unglaublichen Skandalen: Die Selbstbereicherung zweier Unionsabgeordneter in der Pandemie ist ein Gottesgeschenk für alle politischen Gegner; die SPD zerlegt sich derweil selbst und desavouiert die verdienten Genossen Wolfgang Thierse und Gesine Schwan, weil sich einige LGBTQ-Aktivisten auf den nicht vorhandenen Schlips getreten fühlen. Vertraut man aber das Land einer Partei an, die schon Parteifreunde dermaßen brutal ausgrenzt?

Das alles zehrt an der politischen Substanz und untergräbt die Stabilität im Land, ein weiteres Pfund, mit dem Deutschland stets zu punkten vermochte. Woher kommt die Hoffnung? Ulrich Tukur erinnerte in der „Zeit“ an den Kreislauf der Zivilisation: Harte Zeiten schaffen starke Menschen, starke Menschen schaffen gute Zeiten. Gute Zeiten schaffen schwache Menschen. Schwache Menschen schaffen harte Zeiten.

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