Meinung
Kolumne Deutschstunde

Schweizer Käse für böhmische Dörfer

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig

Oder: Der Unterschied zwischen westfälischem Schinken und Westfälischem Frieden bei geografischen Namen.

Labskaus mit Rollmops, Spiegelei und Roten Beten mag man mögen oder nicht, aber man wird ihm beim Besuch der Hansestadt als „Hamburger“ Spezialität nicht so leicht entgehen können. Oder heißt es „hamburgische“ Spezialität? Das können Sie halten wie Fiete bei Lütt un Lütt im Schellfischposten. Uns geht es nicht um die Bezeichnung, sondern um die Schreibweise. Warum wird „Hamburg-er Spezialität“ großgeschrieben, „hamburg-ische Spezialität“ jedoch klein?

Die von geografischen Namen abgeleiteten und nicht flektierbaren Adjektive auf -er schreibt man immer groß: Lübecker Straße, Wiener Schnitzel, Frankfurter Flughafen, Schweizer Käse oder Kölner Oberbürgermeisterin. Dagegen gilt für die flektierbaren Adjektive auf -isch die Kleinschreibung: böhmische Dörfer, chinesische Seide oder hamburgische Kochkunst – es sei denn, es handelt sich um einen Eigennamen. Eigennamen sind Unikate. Man schreibt sie groß: Holsteinische Schweiz, Bayerischer Wald oder Hamburgische Bürgerschaft. Deshalb heißt es „westfälischer Schinken“ (allgemein), aber „Westfälischer Frieden“ (Eigenname).

Wo ein Bindestrich hingehört – geografisch gesehen

Man schreibt Komposita mit einfachem geografischen Namen im Allgemeinen zusammen: Nildelta, Alsterufer, Rheinfall, Großglocknermassiv. Mehrgliedrige Fügungen sollten gekoppelt werden: Dortmund-Ems-Kanal, Kaiser-Franz-Joseph-Land. Falls ein großgeschriebenes und nicht flektierbares Adjektiv die geografische Lage bezeichnet, stehen die Wortteile getrennt: Tiroler Alpen, Hamburger Hafen, Segeberger Kalkberg oder Lüneburger Heide. Weiter im Süden und vor allem in Österreich und der Schweiz sind auch Zusammenschreibungen üblich: Wienerwald, Vierwaldstättersee und Böhmerwald.

Ein Bindestrich steht bei Länder- oder Ortsnamen in adjektivischer Verbindung auf -isch: Spanisch-Guinea, Französisch-Guayana und Britisch-Kolumbien. Allerdings weicht die behördliche Schreibung in Deutschland teilweise ab: Bergisch Gladbach, Schwäbisch Hall. Demnach auch „Bayrisch Zell“? Mitnichten! Die Bayern tanzen aus der Reihe und schreiben „Bayrischzell“. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie auf eine lexikalische Delikatesse hinweisen, auf das getrennt geschriebene und ungekoppelte Königs Wusterhausen. Dieses Städtchen südöstlich von Berlin hat seine nach dem Preußenkönig Friedrich I. gebildete Schreibweise gegen jede Staatsform verteidigt und sogar die DDR überlebt.

Eine Ausnahme? Nicht einmal für das "Thalia Theater"

Die Wörter „Sankt“ und „Bad“ stehen vor geografischen Namen getrennt und ohne Bindestrich: das Nachtleben auf St. Pauli, das Kulturzentrum in Bad Oldesloe. Jetzt brauche ich einen Trommelwirbel, um mit brutaler Deutlichkeit einen Fehler anzukreiden, der immer wieder gemacht wird: In einem mehrgliedrigen Kompositum werden alle (alle!) Glieder durchgekoppelt. Es heißt der St.-Pauli-Vorsitzende, die St.-Katharinen-Kirche oder das St.-Joseph-Stift. Hier geht es nicht darum, wie irgendwelche Sekretärinnen oder Plakatmaler die eigene Institution in dieser Woche gerade schreiben, sondern wie sie nach amtlichem Regelwerk geschrieben werden muss. Ich sehe auch keinen Grund dafür, beim „Thalia Theater“ eine Ausnahme zu machen.

Ein seinerseits aus geografischen Namen zusammengesetzter geografischer Name wird mit Bindestrich geschrieben: Hamburg-Altona, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz. Bei Kopplung mit einem anderen Ortsnamen wird allerdings nur ein Bindestrich zwischen beide Namen gesetzt: Stuttgart-Bad Cannstatt, während andere zusammengesetzte Namen penibel durchgekoppelt werden müssen, etwa Johann-Wolfgang-von-Goethe-Platz.

Wann man aller Freundlichkeit zum Trotz Moskau klein schreibt

Komposita aus geografischem Namen und adjektivischem Zweitglied schreibt man zusammen und klein: europatreu, moskaufreundlich oder berlingeprägt. Ortsnamen sind im Allgemeinen Neutra: „das“ schöne Hamburg. Unbegleitete Ortsnamen bekommen im Genitiv ein -s: oberhalb Berlins. Bei Ortsnamen auf -s, -ß, -z, -tz oder -x wird der Genitiv durch einen Apostroph gekennzeichnet: Florenz’ Geschichte, Bordeaux’ Hafen. Stehen Ortsnamen mit Artikel und Adjektivattribut, kann das Genitiv-s weggelassen werden: „Berlins“ Wiederaufbau, aber der Wiederaufbau des zerstörten „Berlin“.

Kontakt zum Autor: deutschstunde@t-online.de