Meinung
Hamburger KritIken

Radikal ist nicht chic – ob links oder rechts

Rechtsextremismus ist gottlob verpönt – mit Linksextremismus aber kokettieren auch viele vernünftige Leute.

Haben wir aus unserer Geschichte gelernt? Wenn man berufsbedingt genötigt ist, so manchem AfD-Schreihals lauschen zu müssen, beschleichen mich Zweifel. Wenn der deutsche Massenmord zum „Vogelschiss“ kleingeredet wird oder das Holocaust-Mahnmal bewusst zweideutig zum „Denkmal der Schande“ wird, sollte man sich nicht zu sicher sein. Andererseits ist der politische Konsens in der Republik so klar wie selten – rechtsradikales Gedankengut ist nicht nur meilenweit von jeder Mehrheit entfernt, sondern geradezu verfemt.

Sind wir also immun gegen Radikale, Antidemokraten und Fanatiker? Nicht unbedingt – denn ihren Irrsinn haben die Rechtsextremisten leider nicht exklusiv. Auch andere Volksbeglücker, Despoten, Kolonialherren und religiöse „Gotteskrieger“ haben Geschichte mit Blut geschrieben. Nicht alle sind verfemt – ganz im Gegenteil.

Ein Hochprozenter zu Ehren Stalins, ein Mao-Wandbild überm Ikea-Sofa

Im Supermarkt fand ich kürzlich im Wodka-Regal Stalinskaya, ein Hochprozenter zu Ehren des Massenmörders der Revolution. Man weiß nicht, wie viele Millionen Stalins Terrorherrschaft zum Opfer fielen – die Historiker fürchten: bis zu 22 Millionen Tote. Mao wiederum wird in manchen Kreisen seit den ruhmreichen Tagen der 68er als Held verehrt: Dass im Zuge des „Großen Sprungs nach vorne“ Millionen ihr Leben ließen – der Sinologe Frank Dikötter geht von 45 Millionen Toten aus –, stört den „Radical Chic“ wenig. Den Mao-Anzug greifen Modemacher immer gerne auf, selbst beim erzkapitalistischen Versender Amazon kann man Mao-Devotionalien wie Zigarettenetuis oder Wandbilder für zu Hause kaufen – der Massenmörder passt zum Ikea-Sofa.

Mit anderen Revolutionsikonen ließen sich ganze Kaufhäuser bestücken und Armeen ausrüsten. Der größte Liebling des Radical Chic ist und bleibt der lateinamerikanische Rebell Che Guevara. Das Bild des coolen Revolutionärs, perfekt eingefangen von Alberto Korda, hat sich in die Hirne eingebrannt, die Realität des Fanatikers hingegen vergessen gemacht. Che führte auf Kuba Straf- und Arbeitslager ein, ließ „Verbrecher gegen die Revolution“ exekutieren und fabulierte von Atombombenabwürfen auf New York. Das Bizarre: Eine wachsende Bedrohung der freiheitlichen Gesellschaft durch rechte Populisten allüberall hat nicht etwa die Mitte, die Verteidiger von Demokratie und Diskurs, gestärkt, sondern einen linken Populismus und Fanatismus befeuert. Schlichte Denker glauben, Hitler verhindere man mit einer Prise Stalin, Trump mit etwas Che. Wer aber glaubt, Rechts- mit Linksradikalismus bekämpfen zu können, löscht vermutlich auch Feuer mit Öl. Klügere Köpfe wissen, dass sich die Radikalen am Rande des politischen Spektrums berühren.

Die Hamburger Kulturszene und die Revolutionsfolklore

Deshalb muss man sich wundern, warum manche in der Hamburger Kulturszene immer wieder der Revolutionsfolklore verfallen. Gegen rechts setzt man sich konsequent und klug ab, links schmiegt man sich unkritisch an. In der „Hamburger Erklärung der Vielen“ heißt es: „Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über Strategien, die die Gesellschaft der Vielen angreifen.“ Wo bleibt der offene Dialog sonst so? „Lesen ohne Atomstrom“ – eine eigentlich lobenswerte Lesewoche mit Beteiligung der halben Kulturwelt – widmet sich nun „Protest & Widerstand“. Anlass ist „der Tabubruch der Hamburger Landesregierung, die 2017 für G 20 die Stadt eine Woche lang an eine militarisierte Polizei übergab und elementare Grundrechte außer Kraft setzte“. Das ist angesichts der linksradikalen Gewaltexzesse eine sehr eigene Sichtweise. Und eine, in der linksliberal und linksradikal verschwimmen.

Dem Revolutionär „Mein Bruder Che“ wurde im November gehuldigt. In der Akademie der Künste diskutieren die vom Verfassungsschutz überwachte Interventionistische Linke Emily Laquer mit Gretchen Dutschke und Claus Peymann bald über „1968 – worauf wir stolz sein können“. Und am Montag geht es um den „kommenden Aufstand“: Rote-Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt und Ex-RAFler Karl-Heinz Dellwo sind ins MARKK eingeladen – das ehemalige Völkerkundemuseum mit dem neobescheuerten Namen „Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt“.

Wir leben in einer seltsamen Welt.