Hamburger KRITiken

Deutsche Provinz: Berlin, zieh aufs Land!

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

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Foto: Andreas Laible

Warum Gelbwesten, Brexiteers und Trump-Wähler Deutschland eine Warnung sein sollten. Auf dem Land gibt es einen tiefen Strukturwandel.

Albanien, du hast es besser! Zumindest wenn es um den Zugang zu schnellem Internet geht. Nach einer Studie des Beratungsunternehmens P3 im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion schleicht das Land der Dichter und Denker sowohl bei der Abdeckung als auch bei Datenraten hinterher. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) lässt sich bei Autofahrten nicht mehr mit ausländischen Kollegen verbinden – ihm sind die vielen Funklöcher peinlich. Noch peinlicher indes sollte dem Saarländer, der seit 2005 Staatssekretär, Minister und Kanzleramtschef war, sein, dass seine Bundesregierung seit mehr als 13 Jahren diesen Zustand offenbar nicht deutlich verbessern konnte.

Oder stören die Funklöcher eben kaum, weil die Nation in Zeiten der Globalisierung immer stärker auf ihre Metro­polen ausgerichtet ist? Was in der Uckermark, der Eifel, dem Hunsrück oder dem Harz passiert, interessiert kaum noch. Und manchem Vertreter der Großen Koalition ist der Beifall der Leitartikler in München, Berlin oder Hamburg längst wichtiger als der Applaus der Basis vor Ort.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa forderte kürzlich, die Diesel-Fahrverbote bald auch auf Benziner auszuweiten. Eine Idee, die nicht nur die Gewerkschaften begeistern wird, sondern auch die verbliebenen SPD-Wähler, die mit dem Auto zur Arbeit pendeln müssen und sich keinen Wohlfühl-Tesla leisten können. Durch die stetig steigenden Immobilienpreise in den Großstädten wird diese Zielgruppe übrigens nicht kleiner, sondern eher größer. Bei aller berechtigten Begeisterung über die Fahrradstadt – nicht alle Menschen wohnen in nächster Nähe zum Arbeitsplatz. Und es halten auch nicht überall Busse und Bahnen. Aber diese Menschen, Pendler, Vorstadtbewohner tauchen in den großen Debatten nur am Rande auf.

Gerade auf dem Land gibt es einen tiefen Strukturwandel, der zu wenig wahrgenommen wird. Vielleicht leistet ja der wunderbare Roman von Dörte Hansen („Mittagsstunde“) über ein nordfriesisches Dorf ein wenig Nachhilfe, weil er lakonisch beschreibt, was auf dem Land los ist – oder eben nicht mehr los ist. Nüchterner ist die Sprache der Statistik: Die Zahl der Bauernhöfe etwa in Schleswig-Holstein ist zwischen 1999 und 2016 um fast ein Drittel auf 12.700 gesunken. Wann aber hat sich ein Politiker letztmalig für einen fairen Milchpreis starkgemacht? Die Zahl der Kneipen hat sich in Bayern seit 1980, in Hamburg sogar seit 2001 fast halbiert – außer dem Rauchverbot als aktive Sterbehilfe kam keine Unterstützung aus Berlin. Und wer durch einstmals lebendige Kleinstadt-Innenstädte fährt, sieht die Schneise der Verwüstung, die Amazon, Alibaba & Co. geschlagen haben.

Ist es zu viel verlangt, dass Politik hier einmal nachdenkt oder, besser noch, steuert? Wie wäre eine Abgabe von einem Euro pro Paket zur Stärkung des ländlichen Raums? Wo sind überhaupt die Pläne des selbst ernannten „Heimatministers“ Horst Seehofer? Wie viele Milliarden der sprudelnden Steuermehreinnahmen fließen derzeit zielgerichtet in abgelegene Regionen? Es gibt Leute, die spotten, nur bei der Verteilung der Flüchtlinge sei die Provinz nicht vergessen worden.

Warum wir dringend über die Lage in der Provinz debattieren sollten, zeigt der linke französische Geograf Chris­tophe Guilluy. Er bestimmt mit seinem Buch „No society“ gerade die Debatte bei unseren Nachbarn. Guilluy schreibt: „Der politische Schock kommt von den Rändern: ländliche Gebiete, aussterbende Dörfer, Kleinstädte ohne Industrie. In allen westlichen Ländern machen diese Territorien die große Mehrheit aus.“ Auch wenn die deutsche Provinz wirtschaftlich noch besser dastehen mag als die jenseits des Rheins, muss seine Analyse aufhorchen lassen.

Donald Trump gewann seine Mehrheit nicht in den urbanen Zentren oder den Gewinnerregionen, sondern gerade in den Bundesstaaten, die Intellektuelle gern als Flyover Country verspotten. Es hat gereicht, um ins Weiße Haus einzuziehen. Auch der Brexit war eine Entscheidung der Provinz – die Londoner wollten mit großer Mehrheit in der EU bleiben, aber auf dem Land gewannen die Brexiteers ihre nötigen Mehrheiten.

Berlin, zieh aufs Land!

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