Kritiken

Amberg und Bottrop – Gift für die Integration

Rechte instrumentalisieren die Ausländerkriminalität, Linke die rechtsradikale Gewalt – beides gehört bekämpft.

Es ist schon seltsam, was manche Menschen zum Jahreswechsel so umtreibt: Sie könnten Glückwünsche in alle Welt schicken, sich über Vergangenes und Kommendes unterhalten oder sich in guten Vorsätzen üben. Stattdessen geben sie sich mit Leidenschaft der Schlechtigkeit der Welt hin und toben sich in den sozialen Netzwerken aus.

Wer wissen möchte, wie Echokammern funktionieren, muss nur einmal die Debatten zu den Mordversuchen eines deutschen Autofahrers im Ruhrgebiet und der Prügeltour von vier Asylsuchenden im bayerischen Amberg verfolgen – sogar auf Qualitätsseiten wie welt.de oder tagesschau.de. Dabei stellt sich schon die Frage, was es da eigentlich zu diskutieren gibt: Den Opfern gehört jedes Mitgefühl, die Täter gehören vor ein Gericht gestellt. Punkt.

In Amberg hatten vier 17 bis 19 Jahre alte Flüchtlinge – drei Afghanen und ein Iraner – zwölf Menschen, darunter ein Kind, attackiert und verletzt. Diese Prügel-Orgie von Amberg nutzen viele dazu, ihre Vorbehalte und Vorurteile gegen alle Migranten und Flüchtlinge rauszurotzen und Verschwörungstheorien zu teilen. In Bott­rop und Essen hatte in der Silvesternacht ein 50-jähriger Deutscher versucht, Menschen zu überfahren. Acht Personen, unter ihnen Syrer und Afghanen, wurden zum Teil schwer verletzt. Diesen ungeheuerlichen Mordanschlag nehmen manche Nutzer im Internet zum Anlass, den politischen Gegner, vorzugsweise die AfD, aber auch die CSU, mitverantwortlich zu machen.

Rechte instrumentalisieren die Ausländerkriminalität

Es passt ja so schön in die Argumentationsketten – Rechte instrumentalisieren die Ausländerkriminalität, Linke die rechtsradikale Gewalt. Zugleich übersehen Linke gern das Pro­blem der Ausländerkriminalität, reden es klein oder relativieren es, während Rechte ihrerseits Anschläge wie die von Bottrop verharmlosen, verdrehen oder in Zweifel ziehen. Gegenseitig schaukeln sich die Ränder hoch, die Radikalen verharren in einer Scheinwelt, in der entweder überall Nazis lauern – oder prügelnde Ausländer.

Besonders bitter ist, wenn diese Radikalisierung des Diskurses von Experten noch verstärkt wird. So sind Politiker schnell bei der Hand, Ausweisungen der ausländischen Straftäter zu fordern – wohlwissend, dass dies oft kaum möglich ist. Aber es schafft Aufmerksamkeit. Die Linken-Politiker Ulla Jelpke wiederum gibt Horst Seehofer indirekt die Mitschuld an den „Lynchakten“ – ganz so, wie die AfD jede Tat von Flüchtlingen der Kanzlerin in die Schuhe schiebt.

Feinheiten spielen längst keine Rolle mehr

Auch mancher Wissenschaftler verliert den Überblick: Der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent spricht wenige Stunden nach der Auto-Attacke von „Terrorismus“. Der Soziologe, dessen „Forschungseinrichtung gegen Rechtsextremismus“ in gewisser Weise ja vom Rechtsradikalismus lebt, stellt – ob fahrlässig oder boshaft – auch noch Innenminister Horst Seehofer (CSU) ins Schaufenster der Bösartigkeit, wenn er über den Täter von Bottrop äußert: „Der Mann attackierte mit seinem Auto die Personengruppe, die er als Problem ansah – und die auch in Teilen der Öffentlichkeit als ,Mutter aller Probleme‘ beschrieben wird“, sagte Quent „Spiegel Online“. Das ist für einen Wissenschaftler steil, weil er Seehofers Aussage nicht nur aus dem Zusammenhang reißt, sondern auch noch falsch zitiert: Der Innenminister sprach in Bezug auf Migration von der „Mutter aller Probleme“, nicht von Zuwanderern als Mutter der Probleme.

Aber Feinheiten spielen in der Debatte längst keine Rolle mehr: Auf einen groben Klotz, so glauben viele, gehöre ein grober Keil. Die Andersdenkenden sollen gefälligst differenzieren, während man selbst pauschal verurteilen darf. Und die Vernünftigen in der Mitte schweigen dazu, hilflos, fassungslos, orientierungslos.

Genau diese Debattenunkultur gefährdet das große Ziel der Integration. Wie sollen sich Zuwanderer in eine Gesellschaft integrieren, deren Teile sie im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Blut bekämpfen? Was schwächt die Aufnahmebereitschaft mehr als eine kleine Minderheit von Gewalttätern, die unter dem Vorwand Asyl nach Deutschland kommen und dann hier Angst und Schrecken verbreiten?

Das sind die Probleme, die einer Lösung harren. Die ewig gleichen Schuldzuweisungen bringen keinen weiter.