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Hamburg – Stadt der einstürzenden Neubauten

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Der Autor ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: Andreas Laible

Hamburg. Vermutlich hätte Günther Jauch vor Kurzem seine Millionenfrage noch zur „grauen Energie“ stellen können – abseits von Fachzirkeln hatte davon kaum jemand gehört. Bald dürfte jeder plietsche Schüler die Erklärung parat haben: Graue Energie bezeichnet die gesamte Energiemenge, die ein Produkt in seiner Lebenszeit benötigt – angefangen bei der Herstellung über den Transport bis zur Entsorgung. In die Rechnung fließen auch die Vorprodukte inklusive Rohstoffgewinnung ein.

Dieser ganzheitliche Ansatz könnte so manche angeblich ökologisch gerechtfertigte Übersprungshandlung verhindern: Bislang geht es in der medialen und politischen Umweltdebatte vorrangig um Symbole – und um ein Schubladendenken, das mit den zwei Laden, eine für gut, eine für böse, auskommt.

Angebliche Klimaretter

Der Diesel-Antrieb beispielsweise war vor wenigen Jahren noch Weltretter, er wurde üppig subventioniert, die Grünen fuhren mit der Diesel-Flotte 2013 durch den Wahlkampf. Ein paar Jahre später sind die Selbstzünder Aussätzige, Luftvergifter, Sargnägel. Sogar Diesel-Fahrzeuge, die weniger als 100.000 Kilometer gelaufen sind und damit kaum die Hälfte ihrer Lebenserwartung erreicht haben, werden verschrottet – und durch angebliche Klimaretter wie das Elektroauto ersetzt.

Wer aber die Graue Energie einbezieht, darf den Tesla abbestellen und seinen Diesel noch etwas länger fahren. Es gibt immer mehr Studien zum Thema, wie vom Schweizer Bundesamt für Umwelt, wonach die aufwendige Herstellung und die Abfälle dem vermeintlich so umweltfreundlichen Elektroantrieb die Öko-Bilanz verhageln.

Auch in der Hamburger Debatte kommt der Begriff auf – zuletzt vom Bund für Umwelt- und Naturschutz und dem Denkmalverein. Zuerst fiel er im Streit um Abriss oder Erhalt des City-Hofs, der Hochhäuser am Hauptbahnhof. Manche mögen dahinter eine weitere Argumentationsschleife im seit Jahren währenden Diskussionsprozess vermuten, doch dahinter steckt mehr.

Gänsemarkt Passage auf der Abschussliste

Denn die „Freie- und Abrissstadt“ macht dem alten Spotttitel von Alfred Lichtwark derzeit alle Ehre. Ja, Investoren haben den kongenialen Namen einer Berliner Band offenbar zur Maxime ihres Handelns gemacht: Hamburg, die Stadt der einstürzenden Neubauten. Seit dieser Woche steht auch die Gänsemarkt Passage, erst 1979 eingeweiht, auf der Abschussliste. Nebenan soll das Deutschlandhaus fallen, in den 20er-Jahren errichtet, in den 70er-Jahren saniert.

Vis-à-vis in der ABC-Straße wurde 2018 ohne Federlesen das frühere Gebäude der Eurohypo aus den 80er-Jahren abgeräumt. In der Mönckebergstraße ist das C&A-Gebäude bedroht. In der City gähnen dort, wo einst das Allianz-Gebäude oder das Haus der Kirche standen, neue Löcher. Die Gebäude seien in die Jahre gekommen, heißt es dann – dabei waren sie deutlich jünger als die Herren Investoren. Drolligerweise ist eines der Argumente für den Abriss stets der zweifellos exorbitante Energieverbrauch dieser Büroflächen im Betrieb.

„Verbietet das Bauen“

Das Problem: Die Energie, die Abriss und Neubau verschlingen, fließt in diese Rechnung nicht mit ein – und auch nicht der Klimaeffekt. Mittlerweile verbauen wir mehr Energie, als Häuser in ihrer durchschnittlichen Lebenszeit von 50 bis 60 Jahren an Betriebsenergie überhaupt verbrauchen. Über die Hälfte steckt allein im Rohbau. Laut Umweltbundesamt kommen 53 Prozent des Mülls und 40 Prozent des Energieverbrauchs aus dem Baubereich.

In seiner Streitschrift „Verbietet das Bauen“ rechnet der Autor Daniel Fuhrhop vor, dass die Sanierung eines Altbaus ressourcenschonender als Abriss und Ersatzneubau ist – selbst wenn Letzterer höchsten Öko-Kriterien entspricht. Zudem verweist er darauf, dass die Modernisierung weniger Material verschlinge, aber mehr Jobs schaffe.

Auch renommierten Architekten treibt die Abrisswut die Zornesröte ins Gesicht: Volkwin Marg etwa wirbt seit Langem für eine Politik des Erhalts bestehender Rohbauten – beim City-Hof genauso wie beim bedrohten Hermes-Hochhaus in Bahrenfeld. Marg sagte dem Abendblatt: „Ich verstehe die Grünen wirklich nicht: Sie schreien bei jedem Wachtelkönig, aber hier wollen sie auch wieder jede Menge grauer Energie vernichten.“ Immerhin: Langsam wachen die Grünen jetzt auf.