Konzertkritik

Krimi am Kreuz – starker Haydn-Abend in der Laeiszhalle

Die Laeiszhalle in Hamburg (Archivfoto)

Die Laeiszhalle in Hamburg (Archivfoto)

Foto: picture alliance/imageBROKER

Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz mit Haydns „Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze“ – aufregend und bewegend.

Hamburg. Was am Karfreitag, am Tag der Kreuzigung Jesu, wirklich passierte, wie seine letzten Stunden abliefen, was er sagte, bevor er starb, und: hat er überhaupt gelebt? Wer weiß es? Die Evangelien wurden zig Jahre nach den Ereignissen geschrieben. Was ist (die) Wahrheit?

Das fragte schon Pilatus, bevor er seine Hände in Unschuld wusch und Jesus zur Kreuzigung freigab. Sicher ist, dass Jesus eine wunderbare Projektionsfläche und (künstlerische) Inspirationsquelle ist. „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ heißt eines der eigentümlichsten Werke von Joseph Haydn.

Sieben langsame Sätze, die über die angeblich sieben letzten Aussprüche Jesu musikalisch meditieren. Jetzt spielte das Ensemble Resonanz in der Hamburger Laeiszhalle unter Riccardo Minasi dieses ebenso anspruchsvolle wie faszinierende Werk im vierten Konzert seiner Resonanzen-Reihe. Das Motto: Durst, frei nach dem fünften Wort am Kreuz: Mich dürstet.

Haydn-Werk sensationell mit Leben erfüllt

Haydn selbst sagte, diese Komposition sei „keine von den leichtesten“ gewesen. Auftraggeber war ein Domherr aus dem spanischen Cádiz für die Feier der Karfreitagsereignisse. Wie schafft man es in rund 70 Minuten langsamer Musik die Hörer bei der Stange zu halten?

Langsam ist jedenfalls nicht gleich langsam. Tempo, Rhythmen, Begleitfiguren variieren und kontrastieren, Flöten, Oboen, Fagotte oder Hörner sorgen für Farb- und Stimmungswechsel, volles Orchestertutti versus kammermusikalischer Satz, dicht verbundene, gestrichene Töne oder kurz angezupfte Saiten.

Schön und gut, es muss aber auch mit Leben erfüllt werden. Und das gelang Riccardo Minasi mit dem Ensemble Resonanz auf sensationelle Weise.

Düster-mächtige Originalversion

Das große Plus: man spielte die Originalversion für Orchester, und nicht wie sonst meist die von Haydn später eingerichtete, instrumentatorisch eintönigere Streichquartettfassung. Schon die ersten düster-mächtigen Forte-Akkorde der Einleitung und das gleich darauf folgende geheimnisvolle Pianissimo deuteten das Drama an, durch das gegangen werden muss: Resignation und Trost (Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein), verzweifelte Anklage (Mein Gott, warum hast Du mich verlassen).

Schockierender Schluss – ein Krimi am Kreuz

Haydn formte auch die (lateinischen) Worte rhythmisch nach, zum Beispiel „con-sum-ma-tum est“ (Es ist vollbracht) oder „Si-tio“ (Ich dürste). Riccardo Minasi setzte auf wirkungsvolle Kontraste, auf spannungsvolle Bögen, strukturelle Klarheit durch detailgenaue Profilierung der Motive und Linien, feine Klangmischung und dynamische Abstufungen bis hin zum geradezu schockierenden Schluss. Ein Krimi am Kreuz.

Der einzige schnelle Satz lässt das volle Orchester „aufbrausen“ und entlädt all die aufgestaute Trauer und Melancholie in wildem Forte mit Pauken und Trompeten. Er symbolisiert das Erdbeben, das es zur Todesstunde Jesu gegeben haben soll.

Aufregender und bewegender hat man Haydns „Sieben letzte Worte“ selten gehört.