Konzertkritik

Elbphilharmonie: Am Ende gab's von Nagano ein Rätsel

Der Dirigent und Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano beglückte in der Elbphilharmonie mit seinem Orchester aus Kanada

Der Dirigent und Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano beglückte in der Elbphilharmonie mit seinem Orchester aus Kanada

Foto: Roland Magunia

Nicht ausverkauft, aber toll: Hamburgs Generalmusikdirektor mit dem Orchestre symphonique de Montréal.

Hamburg.  Sowas kommt auch vor: ein nicht ausverkauftes Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie. Und das trotz Nagano-Faktor. Der Hamburgische Generalmusikdirektor und Publikumsliebling war mit seinem anderen Klangkörper, dem Orchestre symphonique de Montréal, bei ProArte zu Gast. Ob’s am Sturm lag? An den Ferien? Oder gar am Programm? Ein später Debussy, ein später Saint-Saëns und ein Ballett von Strawinsky, das war handverlesen und blockbusterfrei und dafür um so spannender.

Schon mit dem einleitenden „Jeux. Poème dansé“ durchkreuzten die Künstler Erwartungen, nämlich die an die Tonsprache Claude Debussys. Silberstiftfein, aber deutlich gezeichnete Staccati statt dezent verwischter Klangbilder, jazzige Anklänge statt entrückter Melancholie: War das jetzt noch impressionistisch? Debussy hat sich gegen dieses Attribut streng verwahrt, solange er konnte (er starb 1918 mit nur 57 Jahren). Die Musikgeschichte hat es ihm trotzdem angehängt. Die „Jeux“, entstanden 1913, sind überraschend eng mit den dramatischen Entwicklungen jenes Jahres verbunden.

In Auftrag gegeben hat sie Serge Diaghilew, Impresario, der Compagnie Ballets Russes. Für Diaghilew hat auch Igor Strawinsky sein epochemachendes Skandalstück „Le Sacre du Printemps“ geschrieben. Dessen Uraufführung, übrigens ebenfalls 1913, gilt landläufig als die Geburtsstunde der musikalischen Moderne. Und genau die hörte man auch bei den „Jeux“ heraufziehen. Ganz ohne das Süßlich-Seichte, mit dem der Impressionismus oft verbunden wird. Nagano hielt die Musiker dynamisch über weite Strecken an der untersten Grenze. Faszinierend, wie nuanciert die Bläser im Pianissimo phrasierten und wie nahezu unhörbar die Streicher ihre Klangflächen ausbreiteten. Ein wenig zupackender hätte es mitunter zugehen dürften. Aber so kennen wir unseren Nagano, Überwältigungsgesten überlässt er anderen.

Entdeckung war das Fünfte Klavierkonzert von Saint-Saëns

Eine Entdeckung war das Fünfte Klavierkonzert von Saint-Saëns, genannt das „Ägyptische“, weil der Komponist es während einer Reise durch das nordafrikanische Land schrieb. Im ersten Satz, ganz europäisch-romantisch beseelt und bewegt, brillierte der Solist Jean-Yves Thibaudet in zahlreichen vollgriffigen Passagen mit warmem Klang und beredter Spielweise. Jeder Wendung verlieh der Pianist Sinn. Der Werktitel erschloss sich so recht im langsamen Satz. Da kräuselten sich die Arabesken in orientalischen Intervallen, und über die Klangfarben, die Thibaudet dem Steinway entlockte, konnte man nur staunen. Es war, als hätte der Pianist plötzlich ein Glockenspiel vor sich stehen. Das Pedal setzte er so ein, dass zwischendurch jeder tonale Bezug verschwand.

Mit Strawinskys „Petruschka“ feierten Nagano und sein kanadisches Orchester nach der Pause ein Fest der Bilder. Auch diese Ballettmusik haben 1911 die Ballets Russes aus der Taufe gehoben. Das „Sacre du Printemps“ kündigte sich bereits an in den hämmernden Rhythmen oder auch in den Fagottsoli, die den menschlichen Stimmklang mehr zu parodieren als einfach nur nachzuahmen schienen. Plastischer als Nagano und das Orchester kann man das Hölzerne der Puppentänze nicht darstellen. Großartig, wie die Solisten an Trompete, Englischhorn und Harfe einzelne Charaktere herausmeißelten.

"Kein normaler Walzer" am Ende

Mit den Zugaben knüpften die Künstler das Beziehungsnetz noch ein wenig weiter – heimlich sozusagen, denn den Namen des Komponisten gaben sie nicht preis. Thibaudet spielte vor der Pause die Klavierfassung der berühmten „Pavane pour une infante défunte“, und Nagano kündigte, nachdem er sich beim Publikum bedankt hatte, einen Walzer an: „aber es ist kein normaler Walzer“, sagte er lächelnd. Wohl wahr. „La Valse“ bestand aus Versatzstücken, Reminiszenzen, Verschiebungen, ein düsterer Blick zurück auf versunkene Pracht. Und von wem sind die beiden Werke nun? Von Ravel. Noch so einer, der das Etikett „Impressionist“ in Richtung Moderne umgedeutet hat.