Konzertkritik

Wenn Flügel und Violine ein ganzes Orchester ersetzen

Der belgische Musiker Wim Mertens.

Der belgische Musiker Wim Mertens.

Foto: Pedro Puente Hoyos / picture alliance / dpa

Pianist und Countertenor Wim Mertens gab mit Geigerin Tatiana Samouli ein Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Hamburg. Künstler, die in die Jahre kommen, denken bisweilen verstärkt über die Vergänglichkeit nach. Bei dem inzwischen 65-jährigen Wim Mertens führt das zu einem wunderbaren populärklassischen Konzertabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie unter dem Motto „That which is not“ (Das was nicht ist). Es ist zugleich der Titel seines aktuellen, mit üppigem Instrumentarium arrangierten Albums. An diesem Abend nutzt der belgische (Film-)Komponist, Pianist und Countertenor seinen Flügel als Orchester. Die Melodie übernimmt die Violinistin Tatiana Samouli.

Die ersten Takte von „Bassin d’attraction“ klingen befeuert von der Tradition des Minimal durchaus süßlich, ohne jemals die Grenze zum Kitsch zu überschreiten. Über seine auf und ab wogenden Akkorde setzt Mertens seinen eigenwilligen Countertenor-Gesang in einer selbst entworfenen Fantasiesprache. Ein Kunst-Spleen, der erstaunlich gut aufgeht.

Mertens zielt mit den Zeigefingern ins Publikum

Mit dem fast schon jazzigen „En chair et en os“ wird es langsam rhythmischer und dynamischer. Sobald der Applaus aufbrandet – und der schraubt sich im Laufe des Abends langsam in die Höhe – verlässt Mertens seinen Klavierhocker und zielt mit beiden Zeigefingern ins Publikum. Diese typische Geste, die jede vornehm klassische Zurückhaltung aufgibt, ziert auch das Albumcover von „That Which is Not“. Arpeggien und Läufe ergänzen und befruchten einander und werden im Verbund mit Samoulis virtuosem Geigenspiel zu purer Magie.

Die Musik weist Widerhaken auf

Man könnte das alles für allzu gefällig halten, aber die Musik weist Widerhaken auf. Denn Mertens ist auch ein Erneuerer und Avantgardist, ein Konzeptmusiker, der 1980 etwa ein elektronisches Stück für Flipper-Automaten entwickelt hat. Nach der Pause folgen ältere Werke. Das eigentlich elektronisch verfremdete „Not At Home“ klingt in diesem reduzierten Arrangement organisch und klassisch. Als Zugaben dürfen natürlich seine Evergreens aus dem Soundtrack von Peter Greenaways Filmklassiker „Der Bauch des Architekten“ nicht fehlen. „Struggle for Pleasure“ und das fröhlich sprunghafte „4 Mains“ sowie zum guten Schluss das nur scheinbar banale „Close Cover“.

In Mertens’ Musik entfaltet die vermeintliche Einfachheit eine unerhörte Wirkung. Das ist große Kunst.