Konzertkritik

In der Elbphilharmonie: Welttheater und wogendes Meer

Johan Leysen in Olga Neuwirths Stück „The Outcast“.

Johan Leysen in Olga Neuwirths Stück „The Outcast“.

Foto: Claudia Hoehne

Im Großen Saal war „The Outcast“ von Komponistin Olga Neuwirth zu erleben – eine Hommage an Herman Melville („Moby Dick“).

Hamburg. Wer einmal in das Auge des Wals gesehen hat, klein, starr und böse, der bleibt an diesem Blick hängen, durch alle Wellentäler hindurch, bis sich das Wasser blutrot zu färben beginnt. Ja, das Auge gehört Moby Dick, dem berühmtesten Wal der Literaturgeschichte.

Aber wer glaubt, Olga Neuwirth, die Residenzkomponistin der Elbphilharmonie, hätte Melvilles gleichnamigen Roman als süffiges Walfangabenteuer vertont und bebildert, der irrt. Diesem Irrtum sind offenbar einige im Publikum aufgesessen, und für sie muss ein ganzer Abend Neuer Musik harte Kost sein, dem unbekümmerten Gemurmel nach zu schließen.

Dabei schreibt Neuwirth keine Hardcore-Avantgarde für einen kleinen Kreis Eingeweihter. Es reicht, Ohren und Herz zu öffnen für ihre Klänge. Die Herausforderung ihrer Melville-Hommage „The Outcast“ liegt in der Komplexität: Neuwirth hat ein „Musicstallation-Theater with Video“ geschrieben. Sie hat die Essenz des Jahrhundertromans zu einer Parabel verdichtet und mit dessen literarischer Umgebung, mit Fundstücken aus der Biografie Melvilles und eigens beauftragten Texten zu einem dichten Netz verwoben.

Anthrazitfarbene Wellenberge türmen sich auf

Dazu hat sie eine ungeheuer klangsinnliche Musik komponiert, und die Videokünstlerin Netia Jones setzt das Ganze in Beziehung zu dem Film, der an diesem Abend den Großen Saal der Elbphilharmonie auf mehreren Leinwänden gleichsam zum Wogen bringt. Vom sanften Kräuseln bis zu anthrazitfarben aufgetürmten Wellenbergen fängt Jones alle Bewegtheitszustände des Meers ein, diese allumspannende Metapher, in der Gottes Gegenwart ebenso Platz hat wie das rettungslose Ausgeliefertsein des Menschen. Masten ragen in den funkelnden Himmel, und Ketten spannen sich quer übers Bild, und nur ganz selten nehmen die Bilder etwas Farbe an.

Herz und Seele des Stücks ist die Figur des Autors. Der belgische Schauspieler Johan Leysen entblättert in den Monologen, die Anna Mitgutsch für die Produktion beigetragen hat, das Innenleben eines Mannes, der seinen Weltruhm nicht mehr erlebt, hat, der als Kind den Verlust existenziellen Geborgenseins durch den wirtschaftlichen Ruin des Vaters erfuhr und früh seine liebsten Menschen an den Tod verlor. Danach war nichts wie zuvor.

Der Saal ist in Dauerspannung

Orchester und Orgel unter der Leitung von Ilan Volkov versetzen den Saal fiepend, tosend und raunend in Dauerspannung. Das Sängerensemble Company of Music und der Münchner Knabenchor reflektieren das Geschehen auf sehr farbige Weise. Dass sich die Zeit bisweilen trotzdem etwas dehnt, könnte an der Balance liegen.

Der Tenor Jan Petryka und der Bariton Matthias Helm als Maate Starbuck und Stubb gehen im Orchesterklang oft unter, obwohl die Gesangssolisten Mikroports tragen. Die höher gelegenen Stimmen kommen besser durch. So singt Emily Hindrichs als Ishmaela – Melvilles berühmter Ishmael ist bei Neuwirth eine Frau – in betörend warmen Vokalisen noch in den höchsten Lagen. Der Countertenor Daniel Gloger als Harpunier Queequeg beschreibt erratische Intervallsprünge. Und die Diseuse Georgette Dee als Schreiber Bartleby bringt einen frechen Ton hinein.

Der ist typisch für Neuwirths hintergründigen Humor. Mit „The Outcast“ blickt sie in den Spiegel der Geschichte und erschafft ein Stück Welttheater auf der Höhe der Zeit. Unserer Zeit.