Konzertkritik

Mitsuko Uchida: Herzzerreißend und immer wieder falsche Töne

Die Pianistin Mitsuko Uchida in der Hamburger Elbphilharmonie.

Die Pianistin Mitsuko Uchida in der Hamburger Elbphilharmonie.

Foto: Daniel Dittus

Die berühmte Pianistin spielte im Großen Saal der Elbphilharmonie ihren zweiten Schubert-Abend mit großer Sensibilität.

Hamburg. Mitsuko Uchida setzt ihre Brille auf, wie man eine meditative Handlung verrichtet. Sehr langsam führt sie die Bewegung aus, als befände sie sich nicht im Kegel der Scheinwerfer, als wären nicht 2000 Augenpaare auf sie gerichtet. Uchida breitet die Arme aus und verharrt. Murmeln und Reden ebben erst ab, als jemand gedämpft „Ruhe!“ in den Großen Saal der Elbphilharmonie ruft.

Eine gefühlte Ewigkeit später senken sich langsam die Hände der Pianistin. Da ist er, der Moment, um den Uchida immer wieder zu flehen und zu bangen scheint, der eine richtige Moment, um mit den Fingerspitzen die Tasten zu erreichen und niederzudrücken.

Basstriller hat bei Uchida nichts Bedrohliches

Es ist der zweite der beiden Schubert-Abende, die Uchida in kurzem Abstand gibt. Die Klaviersonate B-Dur, Spätwerk eines 31-Jährigen, beginnt verhangen. Der lange Basstriller am Ende der ersten Phrase hat bei Uchida nichts bedrohlich Grummelndes. Sanft fällt die Musik in ein tiefer gelegenes Geschoss und entfaltet sich von dort aus weiter.

Uchida legt dieses Molto moderato an wie einen langen Spaziergang über einen Friedhof. Stürme und Dramen sind überwunden, hin und wieder rühren marmorne Engel sacht ihre Schwingen.

Es liegt ein Versprechen in der Musik, und Uchida schwört das beharrlich hustende Publikum geduldig darauf ein. Beim fast unhörbar leisen Triller vor der Wiederaufnahme des ersten Themas herrscht dann tatsächlich mal konzentrierte Stille im Saal.

Kann die Musik noch weitergehen?

Nicht von dieser Welt ist der langsame Satz. Uchida ringt um die Platzierung jedes einzelnen Tons; bei jeder Pause fragt man sich, ob die Musik überhaupt noch weitergehen kann.

Wenn das Thema am Schluss in variierter Form wiederkehrt, dann umspielt die Pianistin es im zartesten piano, das sich überhaupt denken lässt. Und der Saal transportiert es bis in den hintersten Winkel. Genau wie den markanten langen Ton, mit dem der Schlusssatz beginnt. Bei manchen Pianistenkollegen hat er fast Fanfarencharakter, Uchida dagegen nimmt ihn einzigartig diskret, nachdenklich.

Zarte Gestalt im transparenten Jäckchen

70 Jahre alt ist sie inzwischen. Man kann es fast sehen, wie die fragile Gestalt im transparenten Jäckchen die klanglichen und interpretatorischen Erfahrungen, die Fragen und Selbstzweifel einer langen Pianistenkarriere auf ihren Schultern trägt. Wenn sich die Stimmen spreizen oder die Akkorde dichter werden, wird Uchida manchmal langsamer, dann wird es fühlbar, was für harte körperliche Arbeit so ein Sonatenabend bedeutet.

Immer wieder falsche Töne

Ob es eine Konditionsfrage ist, dass der Künstlerin an diesem Abend immer wieder falsche Töne unterlaufen? Die mögen verwundern – die eigentliche Botschaft stören sie kaum. Bei Uchida geschieht das Wesentliche sowieso zwischen den Noten. Es ist phänomenal, wieviel Leben sich in diesen Räumen abspielt, unabsehbar und gerade deshalb so fesselnd.

Und immer hat sie noch Raum für einen Beleuchtungswechsel, für einen weiteren Farbton und eine dieser Herzschlagpausen.

Mitsuko Uchida scheut kein Risiko

Zu Beginn des Abends hat sie sich in die zornig punktierten Rhythmen der Sonate a-Moll förmlich gestürzt. Fast nervös, hell im Klang und scharfkantig zeichnet sie die Ausbrüche nach und scheut dabei kein Risiko. Manchmal scheint sie vor einem Forte-Akkord noch einmal Luft zu holen, um das Gesagte zu betonen. Der Satz zieht vorbei wie eine fulminante Rede.

Mit ihrer geballten Energie drückt Uchida einzelne Akkorde arg heftig in die Tasten, dann stehen die kahl im Raum, ohne klangliche Aura.

Begleitachtel entwickeln ein Eigenleben

Eine andere Balance findet die Pianistin im folgenden Allegretto quasi Andantino. Trittsicher wandelt sie auf dem Grat zwischen entrückter Innigkeit der Melodie und volksmusikhaft handfester Begleitung. Selbst die Begleitachtel, unter weniger berufenen Händen klängen sie womöglich banal, entwickeln ein Eigenleben.

Zwischen diesen Polen deutet Schubert seine Todesahnungen mehr an, als dass er sie ausbreitet, und gerade in der Diskretion liegt oft das Erschütternde.

Herzzerreißend, wie sich Dur und Moll begegnen

Der dritte Satz schließlich stellt Stimmungen nebeneinander wie Bilder: Wut, Fröhlichkeit, Übermut. Leicht klingt das, bisweilen fast nach Glockenspiel, und endet in einem aufgeräumten Fortissimo-Akkord.

Schubert hat die Sonate 1817 geschrieben, da war er gerade mal 20 Jahre alt. Sie ist kein Anfängerwerk, beileibe nicht. Doch welche Entwicklung noch folgen sollte, darauf weisen die beiden Sätze aus der c-Moll-Sonate von 1825 hin. In ihr klingen schon die Weite und Transzendenz der B-Dur-Sonate an.

Herzzerreißend, wie sich Dur und Moll begegnen, überlagern. In diesen Sekundenbruchteilen der Unbestimmtheit scheint auf, welch schmerzliches Rätsel dem Komponisten Schubert das Leben gewesen sein muss. Es braucht schon eine Künstlerin von der Sensibilität Uchidas, um das einzufangen.