Konzertkritik

Laurie Anderson – Publikum flüchtet aus der Elbphilharmonie

Laurie Anderson im Kleinen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg (Archiv).

Laurie Anderson im Kleinen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg (Archiv).

Foto: Peter Hundert Photography

Das starke Festival im Großen Saal von und mit der New Yorker Avantgardistin Laurie Anderson hatte einen faden Beigeschmack.

Hamburg. Sie ist eine Geschichtenerzählerin: Laurie Andersons unverwechselbare klare Stimme ist vielleicht ihr wichtigstes Instrument, wichtiger als die Geige und die Keyboards. Manchmal verfremdet sie die Stimme durch einen Vocoder und macht sie tief und männlich. Eine magische Aura entsteht, wenn man sich auf den Fluss der Gedanken und Bilder einlässt.

Ein zehnteiliges Festival hatte die Elbphilharmonie dieser Künstlerin gewidmet, doch beim ersten Auftritt im Großen Saal geschah das, was immer mal wieder geschieht, wenn Besucher Karten kaufen, ohne sich vorher zu informieren, was sie erwartet: Ein Teil des – offensichtlich überforderten – Publikums verließ während des Auftritts den Saal.

Andersons radikale Klangsprünge in der Elbphilharmonie

Tatsächlich machte Laurie Anderson es ihrem Publikum nicht immer leicht. Ihre poetischen, pointiert-humorvollen und kritischen Texte im „Scenes From My Radio Play“ betitelten Konzert waren von Klängen umgeben, die zur Neuen Musik oder zum freien Jazz tendieren. Viele Passagen waren improvisiert und wiesen radikale Klangsprünge auf.

Vier Tage lang gestaltete Anderson in der „Reflektor“-Reihe das Programm in der Elbphilharmonie, darunter zweimal im Kleinen und zweimal im Großen Saal. Die Avantgarde-Künstlerin aus New York zeigte dabei verschiedene Facetten ihrer Arbeit.

Von großer spiritueller Kraft war der erste Abend, in dem Anderson mit dem tibetischen Sänger Tenzin Choegyal und Musikern aus ihrem Ensemble Texte aus dem Tibetanischen Totenbuch vortrug. Die meditative Performance über den Tod gab dem Publikum Gelegenheit, sich mit dem Thema Sterben zu beschäftigen.

Laurie Anderson hatte ein starkes Ensemble dabei

Musikalisch freier agierte das Ensemble bei den darauf folgenden Konzerten mit Titeln wie „Lost“ oder „Here Comes The Ocean“. Die Musiker, die Anderson mit nach Hamburg gebracht hatte, sind Könner, für die gegenseitiges Zuhören und aufeinander reagieren selbstverständlich sind.

Dabei war unter anderem Schlagzeuger Joey Baron, der zum Umfeld des New Yorker Avantgardisten John Zorn zählt. Ein Meister auf seinem Instrument ist auch Bassist Greg Cohen. Er hat schon für Tom Waits, Bob Dylan und Keith Richards, aber auch für John Zorn und den Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman gespielt. Cohen stand an jedem der vier Abende mit auf der Bühne, der Cellist Rubin Kodheli war dreimal dabei.

Laurie Anderson präsentierte auch junge Musiker

Mit Eyvind Kang (Geige), Eldar Tsalikov (Saxofone, Flöte) und Elias Stemeseder (Klavier, Keyboards) präsentierte Anderson auch ein paar junge Musiker in ihrem Ensemble, die über ein breites musikalisches Spektrum verfügen.

Andersons minimalistisches Streichquartett „Sol“, an zwei Abenden von Mitgliedern des Ensemble Resonanz im Foyer der Elbphilharmonie vorzüglich interpretiert, und die Klanginstallation „Listen Behind You“, die der Gitarrist Stewart Hurwood im Kaistudio 1 aufgebaut hatte, komplettierten die „Reflektor“-Woche mit Laurie Anderson.

Querdenkerin überfordert manchen Elbphilharmonie-Besucher

Dem Team der Elbphilharmonie ist zu danken, dass es dieser außergewöhnlichen Künstlerin dieses große Forum geboten hat. Und Anderson, inzwischen 71 Jahre alt, hat in Hamburg gezeigt, dass sie immer noch eine der überragenden Künstlerinnen und Querdenkerinnen der Gegenwart ist. Auch wenn manch Besucher, der „blind“ Karten für ein Konzert in der Elbphilharmonie gekauft hatte, damit überfordert war.