Klassiker erscheint neu

„Eines der verkanntesten Bücher der Weltliteratur“

Traumpaar: Clark Gable als Rhett Butler und Vivien Leigh als Scarlett O'Hara.

Traumpaar: Clark Gable als Rhett Butler und Vivien Leigh als Scarlett O'Hara.

Foto: picture alliance

Am 2. Januar erscheint Margaret Mitchells Klassiker „Vom Winde verweht“ in einer gelungenen Neuübersetzung.

Hamburg.  Das Porzellan, das quer durch den herrschaftlichen Raum fliegt, vorbei an Bibliothek, Sekretär und Globus, Rhett Butler, der sich lachend hinter der Chaiselongue erhebt und sagt: „Gibt es Krieg?“ Das erste Aufeinandertreffen von Scarlett O’Hara und ihrer großen Liebe. Sie wird tragisch verlaufen, unter anderem, weil die fesche Frau im Amourösen stets das Drama sucht. Eben noch, in derselben Szene, hat sie sich einem anderen an den Hals geworfen. Doch Ashley Wilkes will eine andere heiraten, Scarlett ist ihm viel zu wild.

Und in der Tat muss, Fans der oft als Südstaatenschmonzette belächelten großen Erzählung „Vom Winde verweht“ dürften das jedenfalls so sehen, der Begriff „Wildfang“ für Scarlett O’Hara erfunden worden sein. Wer an „Vom Winde verweht“ denkt, dem kommen unweigerlich Vivien Leigh als jene Scarlett und Clark Gable als ihr so schneidiger wie tragischer Galan in den Sinn. „Vom Winde verweht“ ist als Film im kulturellen Gedächtnis verankert. Von „Trivial Pursuit“ oder ähnlichen Wissensspielen ist aber bekannt, dass es eine Romanvorlage gibt: Dort wird gerne nach Margaret Mitchell (1900–1948) gefragt, der Erzählerin, die genau ein einziges Buch schrieb und selbst so starb, als wäre sie eine Romanfigur: Sie wurde von einem betrunkenen Taxifahrer totgefahren.

Mitchell wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet

Sie starb als erfolgreiche Autorin, der mit „Gone with the Wind“ ein Riesenhit gelungen war. Er erschien 1936. Ein Jahr später wurde Mitchell mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. 1939 dann kam der Film in die Kinos, der einer der erfolgreichsten aller Zeiten werden sollte. Was aber nun mal auch für die literarische Vorlage gilt: „Vom Winde verweht“ wurde bis heute etwa 30 Millionen Mal verkauft.

Der Roman erzählt mehr als lediglich die fatale Liebesgeschichte von Scarlett, der privilegierten Tochter eines Plantagenbesitzers, und dem übel beleumundeten Geschäftsmann Rhett Butler. Die sind, weil einer epischen Schicksalsmacht (Heirat! Scheidung! Gefängnis! Krieg! Tod!) ausgeliefert und vor allem doch wohl aber den Launen ihrer Hormone, zwar zwei absolute Top-Tragöden der Literatur- und Filmgeschichte. Dennoch sind ihre Liebeshändel in ein großes, realistisches Panoramabild des Nordamerikas der Bürgerkriegszeit eingebettet. „Vom Winde verweht“ darf tatsächlich auch als wichtiges Zeugnis des Waffengangs zwischen Südstaaten und Nordstaaten gelten und auch als Sittengemälde der nachfolgenden Zeit der Reconstruction, als sich das heutige Amerika aus seiner von Blut getränkten und nicht zuletzt von der Sklaverei geprägten Geschichte schälte.

Abwertendes Urteil

Und dennoch hängt dem Stoff das abwertende Urteil an, vor allem ein Rührstück zu sein, eine mehr als 1000 Seiten lange Schmonzette. Das könnte auch an der oft im Kitsch, in der hochtourigen Gefühligkeit gründenden Sprache liegen. Wenn die Szenerie schon mächtig als Gefilde des Herzschmerzes daherkommt, sollte die Sprache eher einen Gegenpunkt setzen. Das tut es im Original auch. Aber nicht in der bislang einzigen deutschen Übersetzung, die 1937 erschien. Beim H. Goverts Verlag, der seinen Geschäftssitz in Hamburg hatte. Dort lebte übrigens auch der Übersetzer Martin Beheim-Schwarzbach (1900–1985). Weil 70 Jahre nach dem Tod der Autorin Mitchell die Rechte an „Vom Winde verweht“ gemeinfrei wurden, hat der verhältnismäßig kleine Münchner Kunstmann-Verlag die Unternehmung „Neuübersetzung“ auf den Weg gebracht. Am 2. Januar, dem ersten Werktag 2020, erscheint „Vom Wind verweht“ nun noch einmal: ein wuchtiger literarischer Retro-Start des neuen Jahres.

Kein Vertipper – das „e“ ist, und das ist programmatisch, bei der Übersetzung von Andreas Nohl und Liat Himmelheber auf der Strecke geblieben. Schlicht, weil es auf einen Effekt aus ist, auf ein sprachliches Pathos, das das Original so nicht kennt. Der neue Titel ist prosaischer, und, wie die Übersetzer im Nachwort erklären, „auch metrisch näher am Original“. Außerdem heißt es dort, dass die Neuübersetzung im Gegensatz zur alten von Beheim-Schwarzbach, der „noch in der wilhelminischen Kultur und mit der Literatur der Neoromantik und dem Realismus eines Wilhelm Raabe aufwuchs“, zu „größerer sprachlicher Nüchternheit und zur Auslassung von Romantizismen, wo diese im Original nicht vorkommen“, tendiere.

Neue Übertragung ist lesefreundlicher

Und sie ist ganz grundsätzlich einfach zeitgemäßer, dem Sprachgebrauch der Gegenwart angepasst. Über das Aussehen der Heldin Scarlett O’Hara heißt es etwa im dritten Satz: „But it was an arresting face, pointed of chin, square of chaw“. Beheim-Schwarzach machte daraus „Dieses Antlitz mit dem spitzen Kinn und den starken Kiefern machte stutzen“. Bei Nohl/Himmelheber heißt es „Aber es war ein faszinierendes Gesicht, mit spitz zulaufendem Kinn und kräftigem Unterkiefer.“

Im Hinblick auf Scarletts Körperbau durften die Leserinnen und Leser bislang Folgendes lesen: „Ihr neues Kleid aus grün geblümten Musselin paßte genau zu den grünen Maroquinschuhen, die ihr Vater kürzlich aus Atlanta mitgebracht hatte. Zwölf Meter dieses duftigen Gewebes umbauschten mit der Krinoline ihre Hüften, so daß die ganze Schlankheit ihrer Taille, die in der Provinz ihresgleichen suchte, zur Geltung kam. Das knapp sitzende Mieder umschloß eine für Scarletts sechzehnjährige Jugend wohlgerundete Brust.“

Jetzt lauten die Sätze wie folgt: „Ihr neues, grünes Musselinkleid bauschte sich mit seinen zehn Metern geblümten Stoffs über ihre Krinoline und passte genau zu den flachen Maroquin-Schuhen, die ihr Vater kürzlich aus Atlanta mitgebracht hatte. In dem Kleid kam eine Taille von siebzehn Zoll, die in drei Countys ihresgleichen suchte, perfekt zur Geltung, und das eng geschnürte Mieder betonte ihre wohlgeformten Brüste, die für ihre sechzehn Jahre schon sehr entwickelt waren.“

Rassistische Stereotype fallen weg

Die neue Übertragung ist lesefreundlicher, und sie spiegelt den Geist des Originals. In der amerikanischen Literatur wurde (wie übrigens auch in Deutschland) seit den 1920er-Jahren ein sachlicher Stil bevorzugt. „Nach der Erfahrung des 1. Weltkriegs hatten schwülstiges Pathos und neoromantische Idyllik in der zeitgenössischen Literatur ausgedient“, schreiben die Übersetzer. Auf den gewählten Ausdruck verstehen sie sich dennoch. So sind zwei Verehrer, die Zwillinge von der benachbarten Farm, nicht einfach gut in manchen Dingen, nein, sie „exzellieren“ in ihnen. In der alten Übersetzung „sind“ sie schlicht „Meister“ in dem, was sie tun.

In einem Punkt ist die zweite Übersetzung des Romans ganz sicher eine Wohltat: Es gibt keine „Neger“, keine „Wulstlippen“ oder „rollenden Augen“ mehr. Rassistische Stereotype fallen weg. Es heißt jetzt „Schwarze“, „volle Lippen“ und „weit aufgerissene Augen“. Und dennoch konnten die Südstaaten der Mitte des 19. Jahrhunderts von Mitchell nicht besser dargestellt werden, als sie es tatsächlich waren.

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Übersetzer Nohl sagte dem Abendblatt diesbezüglich, dass der Begriff „Nigger“ in den Gesprächen „von Rassisten und von Schwarzen“ vorkäme, aber nicht „im auktorialen Erzähltext selbst“, „sonst wäre es ein rassistischer Roman, und den hätten wir nicht übersetzt“. Dies dokumentiere das Unrecht, das sich „in der Sprechweise der Rassisten eingelagert hat“ und nun selbst die Sprechweise der Schwarzen mitbestimme. Nohl erklärt: „Es geht um die historische ,Wahrheit‘ der geschilderten Situationen; Mitchell hat übrigens selbst darauf hingewiesen, wie wichtig es ihr sei, niemanden und vor allem keine Afroamerikaner zu verletzen.“

Für Nohl ist „Vom Wind verweht“, jener moderne Klassiker, „eines der verkanntesten Bücher der Weltliteratur“. „Ich wollte den Roman aus der Liebeskitsch-Ecke herausholen und zeigen, dass es sich um einen weit unterschätzten Roman handelt, der ja gerade mit vielen Klischees, etwa des ,Liebesromans‘ und des ,Südstaatenromans‘ bricht, der zugleich ein Entwicklungs-, ein Antikriegsroman aus weiblicher Sicht und ein Emanzipations- beziehungsweise ein Desillusionsroman ist“, so Nohl.

Womit er die Frage beantwortet, was einem die Handlung heute noch sagen kann. Die zeitlose Größe des Romans wurde übrigens bereits bei Erscheinen gewürdigt. Der Kritiker Malcolm Cowley, der „Gone with the Wind“ nicht vollumfänglich schätzte, urteilte 1936 über Margaret Mitchell: „Sie schreibt mit einer blendenden Unbekümmertheit und wagt sich an große Szenen, vor denen ein erfahrener Schriftsteller zurückscheuen würde aus Furcht, unvorteilhaft mit Dickens oder Dostojewski verglichen zu werden. Miss Mitchell fürchtet keinen Vergleich und keine Emotion.“

Bleibt die Verfilmung als Bezugspunkt für beide Übersetzungen. Andreas Nohl („Den Film finde ich immer schon ärgerlich, wenn auch teilweise gut gemacht.“) hat einen für sich schmeichelhaften Vergleich parat: „Eine Neuübersetzung ist auch immer eine Neuinszenierung, und so wie die Übersetzung von Beheim-Schwarzbach gut zu dem Film von Victor Fleming passt, würde unsere Version durchaus eine Neuverfilmung von, sagen wir, Quentin Tarantino vertragen.“