Ausstellung

Impressionismus für alle in der Hamburger Kunsthalle

Paul Cézannes „Badende Frauen“, um 1895 entstanden, ist eines der Highlights in der „Impressionismus“-Ausstellung.

Paul Cézannes „Badende Frauen“, um 1895 entstanden, ist eines der Highlights in der „Impressionismus“-Ausstellung.

Foto: Ordrupgaard Kopenhagen, Anders Sune Berg

Das Ausstellungshaus zeigt französische Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard, darunter Corot, Monet und Degas.

Hamburg. Rauchende Schornsteine, das trübe Wasser der Themse, grauer Himmel über der Großstadt, aufgefächert in Hunderte winzige Pinselstriche. Es ist dieses eine Bild, an dem man besonders hängen bleibt: die „Waterloo Bridge“ von Claude Monet aus dem Jahr 1903. 40 Mal hat er diese Brücke in London gemalt; in seinem Spätwerk faszinierte ihn das urbane Leben mit seinen Schattenseiten mehr als die pastellige Freilichtmalerei, die man allgemein mit dem Impressionismus verbindet.

Monets Spiel mit Licht, seine genialen Reflexionsstudien, prägten eine ganze Künstlergeneration, von Camille Pissarro über Berthe Morisot bis Paul Cézanne. Sie alle treffen nun zur großen „Impressionismus“-Schau in der Haspa-Galerie aufeinander (der neue Name des zweiten Obergeschosses in der Galerie der Gegenwart ist eine Reminiszenz an das jahrelange Kulturengagement der Bank für die Kunsthalle).

Die dänische Sammlung reist derzeit durch Europa

Aber auch die Anfänge dieser Revolution auf Leinwand, die um 1860 einem Duell zwischen Ingrès und Delacroix, also zwischen Klassizismus und Romantik, entsprang, werden gezeigt: als klare Umrisslinien auf starke Farbkontraste und skizzenhafte Pinselstriche trafen und sich der Italienreisende Camille Corot mit Landschaftszeichnungen, die zwischen Wirklichkeitstreue und subjektiver Wahrnehmung variierten, als erster Freilichtmaler einen Namen machte. Und gemeinsam mit anderen jungen Künstlern wie Gustave Courbet und Charles-Francois Daubigny die berühmte „Schule von Barbizon“ gründete.

Wer schon immer mehr über den Impressionismus wissen wollten, erfährt sehr viel in der Kunsthalle. Noch nie zuvor waren dort so viele Schlüsselfiguren dieser großen französischen Kunstbewegung vereint. Zu verdanken ist dies einer Leihgabe des dänischen Ordrupgaard Museums, das derzeit renoviert wird und deshalb seine Sammlung auf Reisen durch Europa geschickt hat. Nach „Im Licht des Nordens“, das den dänischen Impressionismus präsentierte, folgt mit „Impressionismus“ der zweite Streich aus dem Hause Ordrupgaard.

Von jedem Künstler wollte der Sammler zwölf Werke besitzen

1890 hatte der vermögende dänische Versicherungsmakler Wilhelm Hansen begonnen, dänische Impressionisten zu sammeln, ab 1916 kaufte er dann gezielt französische Impressionisten, was zu der Zeit höchst ungewöhnlich war. „Seine Maßgabe war, von jedem großen Künstler zwölf Werke zu besitzen“, sagt Amelie Baader, die zusammen mit Markus Bertsch kuratiert hat. Einmal pro Woche öffneten Wilhelm Hansen und seine ebenso kunstaffine Frau Henny ihre Galerie, um jedermann Zugang zu diesen Schätzen zu ermöglichen. Aus ihrer Sommerresidenz nahe Kopenhagen wurde Mitte der 1950er-Jahre dann das Ordrupgaard Museum.

Das Motto - Impressionismus für alle! - passt hervorragend ins Jubiläumsjahr der Kunsthalle, und man kann getrost von einer kleinen, feinen Blockbuster-Ausstellung sprechen, die zum Ende des Jahres in den Ring geworfen wird. Man schwelgt in Daubignys „Bewölkter Meereslandschaft“, steht staunend vor Courbets „Felsen bei Etretat“ und der etwas eigenartigen Jagdszene in „Die List“; sinniert über das Stilleben „Ein Korb mit Birnen“ von Edouard Manet und entdeckt gleichzeitig dessen einzige Schülerin, die Malerin Eva Gonzalès, mit ihrem wunderschönen Gemälde von der „Genesenden“. Nebenan betören die „Frau mit Fächer“ von Berthe Morisot und die „Badenden Frauen“ von Paul Cézanne.

Van Gogh und Gauguin trennten sich im Streit

Es wäre ein Leichtes gewesen, dem Übervater Monet einen extragroßen Auftritt nach Pariser Vorbild zu spendieren. Schließlich verfügt die Kunsthalle selbst über eine beachtliche Sammlung aus dem 19. Jahrhundert, darunter ebenfalls eine „Waterloo Bridge“. Aber: „Wir haben uns entschieden, die Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard für sich stehen zu lassen“, sagt Amelie Baader. So wird „anhand von 60 Meisterwerken die ganze Kraft gezeigt, mit der Frankreich als Taktgeber im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert agierte“, ergänzt Kollege Bertsch.

Den fulminanten Schlusspunkt setzt der Postimpressionist Paul Gauguin, der in seinen Bildern die Natur ins Fantastische übersteigerte. Bevor es den Maler in ein vermeintlich ursprüngliches Leben in die Südsee zog, wo unter anderem seine „Tahitische Frau“ entstand, lebte er für zwei Monate bei Vincent van Gogh im südfranzösischen Arles. Aus der stürmischsten Phase beider Leben ist ein Gemälde überliefert, das der Kunstgeschichte bis heute Rätsel aufgibt: „Die blauen Bäume. Deine Zeit wird kommen, meine Schöne“ von 1888: Es zeigt eine Frau und einen Mann im kahlen Wald, über dem am gelben Himmel blutrote Wolken hängen.

Ebenso ungeklärt ist bis heute, unter welchen Umständen sich van Gogh ein Ohr abschnitt. Die beiden Künstler zumindest trennten sich im Streit, Gauguin reiste verstört ab.

„Impressionismus“ 7.11.-1.3.2020 Hamburger Kunsthalle (U/S Hauptbahnhof), Glockengießerwall 5, Di-So 10.00-18.00, Eintritt 14,-/8,- (erm.), Katalog im Museumsshop für 29,-. Exklusives Leser-Event am 20.11., 9.00, mit Führung und Frühstück, 35,- p.P., Hamburger Abendblatt Geschäftsstelle, T. 040/30 30 98 98