Kino-Tipp

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Riva Krymalowski als Anna Kemper in einer Szene des Films "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

Riva Krymalowski als Anna Kemper in einer Szene des Films "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

Foto: Frédéric Batier / dpa

Gelungene Kinderbuch-Verfilmung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link läuft jetzt in den Kinos.

Hamburg. Den Plüschhund oder das rosa Kaninchen? Das neunjährige Mädchen darf nur einen Koffer packen und nur ein Spielzeug mitnehmen. Die Entscheidung fällt schwer, bis es sich für den Hund entscheidet. Anna reist mit ihren Eltern und dem großen Bruder nicht in Urlaub, sondern ins Exil. Und aller Besitz der Familie, der zurückbleiben musste, wird bald von den Nationalsozialisten konfisziert. Einschließlich des Plüschtiers. Auf das rosa Kaninchen brennt sich das ganze Verständnis des jungen Mädchens, das Stofftier wird zum Sinnbild für Heimat und Wurzeln, die beide verloren gehen, und für die Kindheit, die für das Mädchen jäh und vorschnell endet.

Schon Judith Kerr hat es in ihrem gefeierten Kinderbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ meisterhaft verstanden, das Grauen der Nazizeit und das der Vertreibung für Kinder verständlich zu machen. Ein Kunstgriff , die Welt, die aus den Fugen gerät, aus den Augen eines unschuldigen Kindes zu erzählen. Aber eben nicht nur. Weil es ihre eigene Geschichte war. Die Autorin war selbst neun Jahre alt, als ihr Vater, der berühmte und gefürchtete Theaterkritiker und Autor Alfred Kerr, 1933 vor den Nazis fliehen musste.

Caroline Link hat das Buch jetzt verfilmt

Nun wurde das Buch, das 1974 den Jugendliteraturpreis erhielt, das zum Schulstoff wurde, von Caroline Link verfilmt. Immer wieder hat sie eine schwierige Kindheit aus der Sicht der Betroffenen erzählt, und immer wieder ging es dabei um großen Verlust und eine erzwungene Selbstfindung: in Filmen wie „Jenseits der Stille“ oder zuletzt die Hape-Kerkeling-Verfilmung „Der Junge muss an die frische Luft“.

Beim Thema Exil und Vertreibung muss man an Links größten Erfolg denken, an „Nirgendwo in Afrika“, für den sie 2003 den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film gewann. Jetzt, da „Das rote Kaninchen“ startet, ist in Deutschland wieder ein Rechtsruck zu verzeichnen, nehmen Ausgrenzung und Antisemitismus überall erschreckend zu.

Hauptdarstellerin ist Riva Krymalowski aus Berlin

Es ist ein Markenzeichen von Caroline Link, dass sie für ihre Filme immer ein noch unschuldiges Film-Kind findet. Es ist eine Kunst von ihr, die Kinder in die doch recht schweren Themen einzuführen, ohne sie damit zu überfordern. Diesmal hat sie aus zahllosen Bewerberinnen in Riva Krymalowski die Hauptdarstellerin gefunden. Eine, die, wie Judith Kerr, Berlinerin ist und sogar in dieselbe Schule geht wie einst die Kinderbuchautorin.

Ein weiteres Markenzeichen von Link aber ist es, den Buchvorlagen treu zu bleiben und für deren Schlüsselmomente adäquate Filmbilder zu finden, die sich einbrennen. Wie eben die Neunjährige mit den beiden Stofftieren in der Hand. Wie die neugierige Nachbarin, die sich in Berlin allzu aufdringlich nach dem Befinden des Vaters erkundigt und in der selbst Kinder einen Spitzel erahnen, auch wenn sie das Wort „Denunziant“ noch nicht kennen.

Judith Kerr konnte die Filmpremiere nicht mehr miterleben

Vor allem aber geht es im „Rosa Kaninchen“ um das Exil, den Verlust von Heimat und das Sich-fremd-Fühlen. Was ebenfalls derzeitig wieder aktuell ist und dem Zuschauer eindringlich zeigt, dass der Flüchtlingsstrom auch mal in die andere Richtung gegangen ist.

Buch wie Film enden mit der Reise nach England. Hier kamen die Kerrs unter. Hier blieb Judith Kerr nach dem Krieg, bis zum Tod im Mai. Dass sie die Filmpremiere nicht mehr erleben konnte, scheint eine letzte Tragik. Dass ihr Buch in dem Land verfilmt wurde, das ihr einst die Staatsbürgerschaft entzog, hat sie sehr berührt. Ihr ist der Film gewidmet.

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ D/SUI 2019, 119 Min., o. A., R: Caroline Link, D: Oliver Masucci, Carla Juri, Riva Krymalowski, im Abaton, Elbe, Koralle, UCIs Mundsburg/Othmarschen Park/Wandsbek, Zeise